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Fotografie Wartesaal Deutschland

10.10.2005 ·  Unsentimentale, distanzierte Blicke auf ein vielfältiges und sehr merkwürdiges Land: Eine Berliner Ausstellung zeigt die rätselhaft realistischen Deutschlandbilder der Fotoagentur Ostkreuz.

Von Regina Mönch
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Was ist Deutschland? Niemand muß befürchten, mit einem „Du bist Deutschland“ überfallen zu werden, wenn er die grüne Rampe zum kargen Ausstellungssaal im Berliner Pfefferberg erklommen hat.

Kühle Distanz bleibt gewahrt, egal, welche Richtung der Betrachter einschlägt, um an strengen Stellwänden entlang die Deutschlandbilder der Ostkreuz-Fotografen zu entschlüsseln. Und egal, wie man sie zusammensetzt, ein Ganzes ergibt sich daraus nicht. Noch nicht, dafür ein Land in der Schwebe, zwischen Vergangenheit, der sich keiner der Künstler bisher letztgültig versichert zu haben scheint, und einer Zukunft mit noch ungeklärtem Gepäck.

Keine Jahreszahl hilft, sich zu orientieren, und nur in Ausnahmen wird der Ort, den das Bild zeigt, benannt. Deutschland im Ungefähren - wenn die Ausstellung demnächst auf eine Welttournee durch die Goethe-Institute geht, wird das wohl die einzige eindeutige Botschaft sein. Wenn die deutsche Regierung auf ihrer Website wirbt, mit den „Neueinstellungen“ von Ostkreuz werde nichts weniger als das „neue Deutschland“ vorgestellt, möchte man es fast für ironische Selbsterkenntnis halten, auch wenn sie der aktuellen Politik völlig abhanden gekommen ist.

Melancholisch schöne Bilder

„Verblassende Erinnerungen“ hat Sibylle Bergemann, eine der Gründerinnen der Fotografenagentur Ostkreuz, ihren Zyklus genannt. Melancholisch schöne Bilder - eine rostige Eisenbahnbrücke, in einem verwunschenen Wald gestrandete Schwanenboote, ein ruinierter Volkspalast, auf dessen Dach der „Zweifel“ in riesigen Lettern hockt. Nur wer diese Nichtorte kennt, wird sich an sie erinnern, doch wer sie nicht zu deuten vermag, weil er die Zeit, die sie zitieren, nicht erlebt hat, wird sie mühelos anderswo verorten. Es sind diskrete Mitteilungen vom Wandel der letzten fünfzehn deutschen Jahre, der die bekannten Zeichen vielleicht verwischt, aber nicht unkenntlich gemacht hat.

Christoph Ribbat nennt die Ostkreuz-Handschrift, die siebzehn Fotografen auf sehr verschiedene Weise erkennen lassen, im Katalog treffend verunklarend „rätselhaften Realismus“: Widerschein eines Landes, das nach einem Epochenbruch vor anderthalb Jahrzehnten ziemlich durcheinandergerüttelt worden ist. Deutschland zwischen Metropole und Provinz, mit zerzaustem Tannenwald, tosendem Meer und Vorstadtsiedlungen, so aufgeräumt, wie sich das jeder sicher schon immer gedacht hat (Wolfgang Bellwinkel); mit machtverliebten oder darob verdrossenen Politikern (Michael Trippel) und trotzigen Deutschrussen in Berlin (Wolfgang Müller).

Paar am Höllenloch

Mit Werner Mahlers flüchtig-skurriler Sorgfalt „Temporärer Architektur“ auf deutschen Festen; mit Linn Schröders Einzelstücken zum Bühnenbild Deutschland, darunter drei ratlose Elefanten mitten im surealen Winter in Berlins Mitte. Schnitt, dann ein Blick in das Sehnsuchtsland durch die Ritzen des verschlossenen Tores im Abschiebegewahrsam für Flüchtlinge. Mit Ute Mahlers überwältigend vitalen, aber auch seltsamen „neuen Alten“ und Jordis Antonia Schlössers verschwindender Stadt Halle. Schlössers wuchtiges Bild des Tagebaus Garzweiler, an dessen Rand ein Paar steht, das in das Höllenloch schaut, in dem ein Stück Heimat verschwunden ist, wirkt wie die Metapher für diesen allgegenwärtigen Abschied, Umbruch und Neubeginn; kein Jammertal, aber auch nur verhalten Sehnsuchtsland.

Die Agentur der Fotografen „Ostkreuz“ ist so alt wie das wiedervereinte Deutschland. Gegründet wurde sie von sieben der besten Fotokünstler der DDR, nach dem Vorbild der legendären Agentur Magnum. Inzwischen gehören siebzehn Autoren aus Ost und West dazu, deren unterschiedliche Herkunft in ihren Bildern nicht identifizierbar ist. Anders noch als zur letzten Jubiläumsausstellung im zehnten neudeutschen Jahr haben sie sich mit dieser Ausstellung gemeinsam von der Chronistenpflicht aufwühlender, weltverändernder Ereignisse verabschiedet. Sie haben, neu eingestellt, aneinandergereiht, was scheinbar nicht aufeinanderfolgt, Stimmungsbilder vom wirklichen Leben. Geblieben - oder hinzugekommen bei den Neuen - sind ästhetischer Eigensinn eines jeden Mitglieds und dieser unsentimentale, distanzierte Blick auf ein vielfältiges und sehr merkwürdiges Land.

„Neueinstellung“: Pefferberg, Haus 2, Schönhauser Allee 176 in 10119 Berlin, bis 12. November. Der Katalog „Deutschlandbilder. 17 fotografische Positionen“ mit 150 Farb- und Dutone-Fotos, Edition Braus im Wachterverlag 2005, kostet in der Ausstellung 35 Euro.

Quelle: F.A.Z., 10.10.2005, Nr. 235 / Seite 35
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Jahrgang 1953, Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

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