07.02.2005 · Erzählungen von Heimatlosen: Die Robert-Capa-Retrospektive in Berlin zeigt Bilder eines Jahrhunderts der unablässigen Flucht, pausenlosen Vertreibung und Völkerwanderungen über verbrannte Erde.
Von Verena LuekenAls Robert Capa zu fotografieren begann, war eine Reportage noch eine Reportage: Informationsmedium, keine Kunst. Er selbst, der seit langem schon in eine Reihe mit dem großen Henri Cartier-Bresson gestellt wird - und das nicht nur, weil sie gemeinsam die Fotoagentur Magnum gründeten -, sah das genauso. Er wollte mit der Kamera Geschichten erzählen.
Als er 1947 mit John Steinbeck durch die Sowjetunion reiste, zu einer Zeit, da die Russen dem Westen außerordentlich suspekt und außerordentlich fremd waren, wollte er vor allem herausfinden, wie die Menschen dort aussehen, was sie essen, wie sie sich bewegen, kleiden, wie sie einander lieben und miteinander reden. Daraus entstand das Buch „A Russian Journal“, der erste Auftrag für die Magnum Agentur und einer der passendsten für Robert Capa.
Menschen in besonderen Lagen
Daß einzelne seiner Bilder bereits zu Lebzeiten einen festen Ort in der Ikonographie des zwanzigsten Jahrhunderts und im Fundus der Fotokunst gefunden haben - der fallende Loyalist im Spanischen Bürgerkrieg etwa, die Landung der Allierten am Ohama Beach oder die weinenden Mütter in Neapel bei der Beerdigung ihrer Kinder -, hat ihm natürlich gefallen. Doch bei allem Ruhm, den diese Bilder ihm brachten, ging es Capa im Grunde nicht um das einzelne, brillante Bild. Er wollte von Menschen in besonderen Lagen erzählen. Meistens waren es Erzählungen vom Töten, vom Fliehen, von Verlust und Elend. Die Form dafür fand er in der Fotoreportage, also in der Serie.
Im Martin-Gropius-Bau ist eine umfassende Schau mit dreihundert Fotografien von Robert Capa zu sehen, und je länger man sich in den vielen Räumen bewegt, desto deutlicher wird die Bedeutung, welche die Serie für Capa hatte. Als Gruppe gehängt oder in der graphischen Gestaltung der Magazinseiten von „Vu“ oder „Regards“ präsentiert, auf denen sie einst veröffentlicht wurden, entwickeln die Fotoreihen einen Magnetismus, der den Betrachter an den Ort zu ziehen scheint, an dem Capa damals stand.
Die Unmittelbarkeit der Bilder
Sie bekommen dadurch eine Unmittelbarkeit, wie sie weder die bewegten Bilder des Fernsehens noch ein Einzelbild je wird erzielen können. Das gilt für die berühmte Reportage von der Landung der Allierten in der Normandie, die in „Life“ veröffentlicht (und später von Steven Spielberg in „Der Soldat James Ryan“ nachgestellt) wurde, wie zum Beispiel auch für die - nie veröffentlichte - Reportage über die Prozession der Pilger in Lisieux, die Capa 1934 oder 1935 fotografiert hat.
Da ist zuerst das Hotel für die Pilger, das sich noch im Bau befindet. Dann die Jugendlichen, die sich zur Prozession in Positur stellen. Zwischendurch wirft Capa einen Blick auf die neuen Bauten auf dem Hügel von Lisieux, kehrt von dort zur Prozession zurück und nimmt die Mädchen auf, die eine Statue der heiligen Therese tragen. Dem folgen ein paar weitere Bilder von Prozession und Andacht, von Chorknaben und Priestern, bis Capa dann das besondere Bild findet, auf das alle vorherigen zulaufen und das ohne sie nicht möglich gewesen wäre: die Aufnahme dreier Betender auf einer Treppe, die entlang einer Mauer noch oben führt. Zwei fast völlig verhüllte Frauen sind auf den Stufen niedergesunken, neben ihnen steht aufrecht ein Mann, den Hut in der Hand, offenbar noch zweifelnd, ob auch er die Knie beugen soll. Eine der Frauen lehnt an der grauen Mauer, und direkt hinter ihrem Kopf fällt in das Grau ein heller Schein, als leuchte sie, durch ihr schwarzes Gewand hindurch.
Die umfassendste Ausstellung
Nach den Schauen der Werke von August Sander und Henri Cartier-Bresson ist dies die dritte große Fotografie-Ausstellung der vergangenen Jahre im Gropius-Bau in Berlin und die erste derart umfassende aus dem Werk Capas in Deutschland. Entstanden ist sie in der Bibliotheque National de France in Paris, wo sie zum fünfzigsten Todestag des Künstlers im vergangenen Jahr unter dem Titel „Connu et inconnu“ zu sehen war.
Bekanntes und Unbekanntes sind in der Tat zu sehen. Bei der Vorbereitung auf die Pariser Ausstellung, so erzählt der Direktor der Nationalbibliothek, seien in den Archiven Vintage-Prints gefunden worden, von deren Existenz selbst die Archivare nichts gewußt hatten. Neben den Aufnahmen der Pilger etwa auch eine Serie über die Tour de France mit dem herrlichen Bild eines Radfahrers bäuchlings auf einem Bett, der seinen Po mit einem Eisbeutel kühlt.
Tod durch eine Mine
Ergänzend gibt es Fotografien von Cartier-Bresson, Ruth Orkin und einigen anderen, die den gutaussehenden jungen Capa auf der Rennbahn zeigen, am Bistrotisch, beim Boule oder, wie das letzte Foto von ihm, im Khaki-Anzug in irgendeinem der Kriegsgebiete, durch die er sich bewegt hat. Auch das letzte Foto, das Capa aufgenommen hat, im Mai 1954 in Luang Prabang in Laos auf dem Flughafen, ist in Berlin zu sehen. Am 25. Mai jenes Jahres starb Capa in Thai Bingh in Indochina im Alter von vierzig Jahren, als er auf eine Mine trat.
Zwischen Bekanntem und Unbekanntem behaupten sich die Kriegsreportragen nach wie vor als der wahrscheinlich bedeutendste Bilderkorpus, den Capa hinterlassen hat. Doch zusammen gesehen mit weniger berühmten Reportagen aus Israel im Jahr 1948 etwa kristallisiert sich auch in den Fotoserien aus dem Spanischen Bürgerkrieg, dem chinesisch-japanischen Krieg, dem Zweiten Weltkrieg oder dem Krieg in Vietnam als wichtigstes Bildmotiv die Flucht heraus. Capa geht furchtlos, auch leichtsinning in die Kriege, aber er fotografiert vor allem, was der Krieg mit dem Leben der Unbeteiligten macht.
Selbst ein Flüchtling
So entsteht als überwältigender Eindruck das Bild eines Jahrhunderts der unablässigen Flucht, pausenlosen Vertreibung und riesigen Völkerwanderungen über verbrannte Erde: Flüchtlingsströme, Frauen vor ihren zerstörten Häusern, Kinder, die Bündel durch leere Landschaften tragen, Bäuerinnen, die ihr Dorf verlassen. Vielleicht haben Capa diese um ihre Heimat gebrachten Menschen besonders interessiert, weil er selbst ein Flüchtling war.
Aus Budapest, wo er 1913 als Endre Ernö Friedmann geboren wurde, floh er 1931 nach Berlin, von dort 1933 nach Paris, 1939 von Paris nach New York, wo er 1946 die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm. Daß die Regierung der Vereinigten Staaten 1952 seinen Paß einzog, weil seine Fotos aus dem Spanischen Bürgerkrieg in der linksgerichteten Presse erschienen waren, hat ihn enorm verbittert. Heimat blieb lebenslang ein prekärer Begriff für ihn. In Berlin kann man sehen, daß seine Arbeit vor allem davon handelt.