Home
http://www.faz.net/-gsa-121jx
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Fotografie: Annie Leibovitz Die Stars gehören nicht zur Familie

 ·  Sie spielt mit dem Image der Stars, die sie ablichtet, und fand meisterhafte Formulierungen des Unwesentlichen: Eine Ausstellung in Berlin zeigt das fotografische Werk von Annie Leibovitz.

Artikel Lesermeinungen (0)

Vermutlich stellen sich Fotografen häufiger als andere Künstler beim Anblick ihres Werks eine Frage, der Gottfried Benn in einem seiner reimlosen Gedichte die klassische flapsige Form gegeben hat: „Warst du da etwa drin?“

Oft waren sie es nicht. Fotografie ist eine Kunst des Wirklichen, und so spiegelt das, was man auf Aufnahmen sieht, nur indirekt den Schöpfer des Bildes. Die Kamera setzt das Betrachtete vor den Betrachter. Für die Kunst der Fotografin Annie Leibovitz gilt diese Feststellung allerdings nur teilweise. Denn Leibovitz hat in ihren Konzeptfotos für die Zeitschriften „Rolling Stone“ und „Vanity Fair“, für die sie Prominente aus Politik, Sport, Pop- und Hochkultur porträtierte, die Wirklichkeit so stark bearbeitet, dass sie wie ein Phantasieprodukt wirkt. Der Maler Keith Haring wird unter ihrem Blick von seiner eigenen Malerei verschlungen. Die Schauspielerin Meryl Streep zupft an ihrer Gesichtshaut, als wollte sie sie herunterreißen. Der Komiker John Cleese hängt als menschliche Fledermaus an einem Ast. Und Nicole Kidman, in einer Woge aus hellgrauem Chiffon treibend, scheint gerade erst aus dem Götterhimmel auf die Erde herabgestiegen zu sein.

Was zählt, ist der Look

Natürlich sind diese Stilisierungen keine reinen Erzeugnisse fotografischer Imagination. Sie spielen mit dem Image der Stars, ihren Rollen und Masken, manchmal sogar mit ihrer Persönlichkeit. Aber das Persönliche ist in ihnen so beliebig wie der Drehbuchautor in einem Hollywoodfilm. Was zählt, ist der Look, das Produktionsdesign, und dafür hat Annie Leibovitz einen unbestechlichen Instinkt.

Ihre Prominentenporträts sind für die Fotografie das, was in der Sprache die Bonmots, in der Musik die Ohrwürmer sind: meisterhafte Formulierungen des Unwesentlichen, Pirouetten des Nichts. Sie rühren nicht an den Schlaf der Dinge, aber man wird sie auch nicht mehr los. Leibovitz verdankt ihnen ihren Ruf und ihren Ruhm. Heute gilt sie als bekannteste Fotografin der Welt.

Wenn Annie Leibovitz in der Ausstellung „A Photographer’s Life, 1990 – 2005“, die nach Stationen in New York, Washington, Paris und London jetzt in Berlin zu sehen ist, Familienfotos von ihren Eltern, Geschwistern, Neffen, Nichten und ihren eigenen Kindern neben die Aufnahmen von Brad Pitt oder der englischen Königin hängt, bedeutet das zweierlei: dass sie ihr Werk nicht mehr ausschließlich mit der Arbeit identifiziert, für die sie bezahlt wird (beides steckt in dem englischen Wort „work“); und dass sie heftiger als früher mit der Bennschen Sinnfrage ringt.

Annie Leibovitz im Bild

Der Plan zu der Ausstellung entstand kurz nach dem Tod Susan Sontags, deren Leben Leibovitz mehr als zwölf Jahre lang geteilt hatte, und die Aufnahme von Sontags Leichnam, ausgestreckt unter einem grauen Faltenkleid, mit Totenflecken auf den nackten Armen, bildet darin den biographischen Fluchtpunkt. Aber auch ihren sterbenden Vater hat Leibovitz fotografiert, ebenso wie die Geburt ihrer von einer Leihmutter ausgetragenen Zwillinge Susan und Samuelle. Und auch das von Susan Sontag aufgenommene Bild der hochschwangeren Annie Leibovitz – im Herbst 2001 brachte sie ihre Tochter Sarah zur Welt – fehlt nicht im Berliner Postfuhramt. Es ist, als wollte die Fotografin zeigen, was sie alles überlebt hat.

Ein Lebenswerk, wie es die von Leibovitz verehrten Kollegen Richard Avedon und Helmut Newton hinterlassen haben, enthüllt die Ausstellung dennoch nicht. Es sind Bruchstücke einer exklusiven, im Dunstkreis der Schönen und Mächtigen dieser Welt gelebten Biographie, die hier zu sehen sind, Notizen eines zwischen Kommerzialität und Privatheit gespaltenen Blicks. Dabei erzählen die Bilder aus dem Familienalbum nicht notwendig die spannendere Geschichte.

Zwischen Geist und Glamour

Das Gruppenfoto von George W. Bush und seiner Regierungsmannschaft, aufgenommen im Dezember 2001, fasst in Gestus und Gesichtsausdruck der Beteiligten ein ganzes Jahrzehnt amerikanischer Hybris zusammen, während die Aufnahmen der Leibovitz-Eltern am Strand von Long Island oder im Schlafzimmer ihres Hauses nicht mehr als Schnappschüsse sind. Andererseits strahlt das Porträt ihrer Mutter, das Leibovitz für ihren Fotoband „Women“ aufgenommen hat, mehr Kraft und Eigensinn aus als die in imperialem Dekor erstickte Aufnahme der englischen Königin.

Aber die entscheidene Trennlinie verläuft in diesen Bildern zwischen Geist und Glamour. Es ist eben nicht dasselbe, ob die nackte Kate Moss mit Johnny Depp auf einem Hotelbett posiert oder ob sich Susan Sontag in ihrem Ferienhaus auf einem Sofa fläzt. Leibovitz möchte den Unterschied einebnen, indem sie so tut, als gäbe es ihn nicht. Dadurch bringt sie ihn erst recht zum Vorschein. In einem Raum der Ausstellung hängen ein Magazinfoto von Scarlett Johansson im Pailletten-Bikini und ein kurz vor seinem Tod entstandenes Porträt von Richard Avedon einander gegenüber. Das eine zeigt ein Pin-up, eine Maske, das andere ein Individuum. Sie haben sich nichts zu sagen.

Ein umgestürztes Fahrrad in Sarajevo

Die eindrucksvollsten Bilder der Ausstellung sind jene, in denen sich die private Erfahrung mit der beruflichen Routine verbindet. Durch Susan Sontag ermuntert, fuhr Annie Leibovitz im Sommer 1993 in das belagerte Sarajevo. Eines der Fotos, die dort entstanden, zeigt ein umgestürztes Fahrrad in einer Blutspur. Der Junge, der auf dem Rad saß, erzählt die Fotografin in ihrer gerade auf Deutsch erschienenen Arbeitsbiographie „At Work“, wurde von einer Granate getroffen, während der Wagen, in dem Leibovitz und Sontag saßen, an ihm vorbeifuhr. „Wir packten den Jungen in den Wagen und rasten mit ihm ins Krankenhaus, doch er starb auf dem Weg dorthin.“ Das Bild ist so perfekt komponiert, dass es schmerzt. Und die Frage, was das alles mit Annie Leibovitz zu tun hat, beantwortet sich von selbst.

Annie Leibovitz: „A Photographer's Life“. C/O Berlin im Postfuhramt, bis zum 24. Mai. Der Band „Annie Leibovitz: At Work“ ist 2008 im Schirmer/Mosel Verlag, München, erschienen und kostet 46 €.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

Jüngste Beiträge

Regen in Paris

Von Nils Minkmar

Acht Monate lang durfte Regisseur Patrick Rotman den französischen Präsidenten Hollande begleiten. Entstanden ist ein Film über Regen und Depression. In Frankreichs Kinos scheint er zu floppen. Mehr 1 8