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Fotograf Tim Walker : Plüschig, adlig, pubertär

  • -Aktualisiert am

Wenn Tim Walker Mode fotografiert, werden Perserkatzen angemalt, Torten in Bäume gehängt und Autos in Flüssen geparkt. Eine Ausstellung in Hannover zeigt die barock-surrealen Welten des in London lebenden Fotografen. Von Catrin Lorch.

          Zwischen Mailand und New York fährt der Stil derzeit den Leierkasten hoch, Jesse James wird in weiße Hemden eingerüscht, Damon Albarn singt unterm Zylinderhut Retro-Melodien, und in den Kulissen der Modefront raunt es Fielding, Dickens und Shelley, Pop-Vokabeln wie "Depression" weichen der "Melancholy", die statt in nüchternem Grau lieber in Seegrün oder einem matten Cremeton einschwebt. Wie "Real Rose Wallpaper", eine Fotografie aus dem Jahr 2001, die eine milde Vanitas inszeniert - von den Fetzen einer Blumentapete rieseln Teerosen; Blütenblätter und Papierschnipsel betüpfeln als buntes Konfetti den Verfall.

          Den Trend, den vor allem Großbritannien souverän beherrscht, zeigt derzeit die Kestnergesellschaft in Hannover mit der ersten Einzelausstellung des in London lebenden Fotografen Tim Walker. Im Jahr 1970 geboren, ist er einer der erfolgreichsten jungen Fotografen der Modeindustrie, seine Bilder feiern seit zehn Jahren das Schöne im Stil einer Teeparty für Baby-Herzoginnen - wo nichts fehlt, was ein Lächeln hervorzaubert.

          Rückkehr der Forellen und Luftballons

          Was bisweilen nach Collage aussieht oder digitalem Effekt ist stets aufwendig inszeniert. Die Bedarfsliste für die Produktion von 38 Seiten "Fashion Pantomime" führt "80 weiße Kaninchen, 20 Ballerinen, 17 verspiegelte Gänse, was immer das auch sei, 250 (vergoldete) Straußeneier, ein Karton riesiger Plastikhandschuhe, 20 Weihnachtsbäume und einen Rolls-Royce" auf. Dabei entschied der Auftraggeber, dass es billiger sei, den Wagen zu kaufen, als auszuleihen - man wollte den Einfallsreichtum des Fotografen nicht eingrenzen, der zuvor schon zartgrüne Cabrios in Flüssen versenkte.

          "Meine Bilder wurden immer rokokohafter und surrealistischer", sagte Cecil Beaton rückblickend über seine Aufnahmen der dreißiger Jahre, "in Vogue waren Damen der Oberschicht zu sehen, die sich aus einer Hutschachtel befreiten oder durch ein riesiges weißes Papierblatt hindurchbrachen. Die Hintergründe waren nicht weniger überzogen und oft geschmacklos", damals, so erinnerte sich der Großmeister, griff er gar zu Luftschlangen, Ballons oder meterhohen Angelhaken. Und als hätte Tim Walker, bevor er bei Richard Avedon in New York als Assistent arbeitete, nicht nur die Abteilung "Beaton" im Fotoarchiv sortiert, sondern auch dessen Asservatenkammer ausgeräumt, kehren Angelhaken, Forellen und Luftballons in die Fotografie zurück: Seine Scrap Books erinnern an Filmproduktionen und machen den Aufwand in seiner ganzen Opulenz sichtbar.

          Verspielt wie ein Kind

          "Tim Walker verlängert den Traum der Haute Couture ins Bild", schreibt die Kuratorin Caroline König, allerdings darf man nicht vergessen, dass Fashion-Magazine nicht Mode annoncieren, sondern ihren eigenen luxurierenden Einfallsreichtum, um in Abonnements und Anzeigenseiten abzurechnen. Es geht, wie in der Mode, um die Marke, und auch Designer verdienen nicht am Verkauf von Tweed, Seide und Nerz, sondern werden mit Lizenzen für Sonnenbrillen und Kosmetik reich. Deswegen darf Tim Walker die Modelle auch klitzeklein an den Rand rücken und ihre Kleider in der Dekoration auflösen.

          Er betreibt seine Profession mit der Verspieltheit eines Kindes, dessen sehnsüchtiger Ruf nach "Mehr!" ahnt, dass "mehr" manchmal nicht nur besser ist, sondern den ganzen Unterschied macht: Es müssen Hunderte echter Törtchen im kahlen Geäst hängen, und es muss ein ganzer Korb voll eingefärbter Perserkatzen sein, und Hunderte von Riesenballons rieseln in Trauben von einer Schlossfassade; Walker sagt, bei der Porträt-Sitzung mit Madonna hätten ihr Sohn und ihre Tochter seine Vorstellungen besser verstanden als die Mama.

          Töpfernde Tunte in sahnekännchenförmigen Tüllrock

          Er produziert freischwebende Visionen ohne Subtexte, den Namen Freud hat diese Fotografie für den eleganten Maler-Enkel Lucian reserviert, dessen Ich-Inszenierungen mehr hermachen, als die Traumanalyse. Diese schattenlose Nostalgie wurzelt in einem England, das weiß ist und wohlhabend, zuweilen auch adelig, kolonial, plüschig, pubertär, vielleicht sexistisch - aber niemals homophob, gleichermaßen hundenärrisch wie pferdeverrückt.

          Der Junge, der schon als Kind den Garten seiner Mutter für seine einfache Kamera dekorierte, spiegelt mit seiner Kamera wie ein Kaleidoskop das, was klassische Kinderliteratur, Unterhaltungskino, Gartenkunst, Porzellanmalerei und britische Porträtkunst generationenlang effektsicher ausgebeutet haben. In dieser Welt gastiert auch ein Turner-Preisträger wie Grayson Perry, der sich eine töpfernde Tunte nennt, in seinem sahnekännchenförmigen Tüllrock, ohne weiter aufzufallen - in England grenzt sich die Kunst seltener vom Populären ab.

          Die Ausstellung „Tim Walker - I Love Pictures!“ ist bis zum 4. November in der Kestnergesellschaft in Hannover zu sehen. Der Katalog, erschienen im Hatje Cantz Verlag, kostet 35 Euro.

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