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Vermögenskosmetik im Folkwang-Museum : Der trojanische Goldesel

Die Stadt Essen will die Sammlung des Folkwang-Museums belasten, um das Vermögen der Stadt künstlich zu erhöhen. Das ist ein gefährliches Vorhaben. Was ist eine Museums-Sammlung wert?

          Die Schuldenuhr tickt. Doch seit Januar läuft sie, erstmals seit dreißig Jahren, rückwärts. 2554 Euro tilgt die Stadt Essen pro Stunde, macht knapp 22,4 Millionen Euro im Jahr. Auf 3,2 Milliarden Euro beläuft sich ihr Schuldenberg, der dreimal so hoch ist wie der aller Gemeinden in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen zusammen.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Zinsbelastung beträgt 78,5 Millionen Euro, und so wäre die Kommune, wenn es bei diesem Tempo bleibt, in hundertvierzig Jahren schuldenfrei. Gewachsen und einst reich geworden ist Essen mit Krupp, keine andere Großstadt wurde so stark mit einem Konzern identifiziert. Heute haben hier fünf der hundert größten deutschen Unternehmen ihren Sitz, neben Thyssen-Krupp auch RWE, Hochtief, Aldi Nord und Evonik.

          Früher hieß es: Wenn Krupp hustet, bekommt das Ruhrgebiet Grippe. Heute führt die Talfahrt der RWE-Aktie dazu, dass die Meisterwerke der Klassischen Moderne im Museum Folkwang an den Wänden wackeln.

          Was ist der Kunstbestand eines Museums wert?

          Der zweitgrößte deutsche Stromversorger ist durch die Energiewende in Turbulenzen geraten, die Krise schlägt durch auf die Stadt, die 11,7 Millionen RWE-Aktien hält: Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer sind eingebrochen, die Dividende wurde halbiert, die Aktie hat dramatisch an Wert verloren.

          2007 wurde sie noch mit 75,92 Euro notiert, gestern lag sie unter dreißig Euro. Für den Jahresabschluss 2013 wurde eine Wertberichtigung vorgenommen, die den Kurs vom 31. Dezember abbildet: 26,61 Euro. Macht einen Verlust von fast 580 Millionen Euro.

          Schon 2007 hatte die Stadt ihr Eigentum am Kunstbestand des Museums Folkwang in ihre Vermögensbilanz aufgenommen: rund 245 Millionen Euro. Doch ist die großartige Sammlung, die zur Hälfte dem Museumsverein gehört, nicht viel mehr als „nur“ das Doppelte wert, wo doch schon ihre sechzehn bedeutendsten Werke mit 550 Millionen Euro versichert sind?

          „Es gibt noch viele offene Fragen“

          Und könnte sie, neu bilanziert, nicht besser dazu beitragen, die dünne Kapitaldecke der Kommune zu stärken? Dafür müsste die Sammlung, da die Gemeinde an die Eröffnungsbilanz gebunden ist, ausgegründet und in die Trägerschaft einer GmbH überführt werden, deren einziger Gesellschafter die Stadt ist.

          Kulturdezernent Andreas Bomheuer hat diese Überlegung aufgegriffen und der Verwaltung einen Prüfauftrag erteilt. Schon im März sollte er im Kulturausschuss beraten werden. Doch ganz so schnell konnten die juristischen und steuerrechtlichen Details nicht geklärt werden: „Es gibt“, so Bomheuer gegenüber dieser Zeitung, „noch viele offene Fragen.“

          Der Plan findet in der Kommunalpolitik bereits breite Zustimmung. „Wir wollen der Stadt keine Steine in den Weg legen“, sagte Achim Middelschulte, der Vorsitzende des Museumsvereins, dieser Zeitung, „doch wir machen es nur, wenn der Vertrag von 1922 in seiner Wirksamkeit ungeschmälert erhalten bleibt.“

          Buchungstrick mit hohem Risiko

          Damals hatten Essener Bürger und Unternehmer fünfzehn Millionen Reichsmark aufgebracht, um die Sammlung des Folkwang-Museums, das der im Jahr zuvor gestorbene Mäzen Karl Ernst Osthaus 1901 in Hagen gegründet hatte, zu erwerben. Der Museumsverein vereinbarte mit der Stadt das „gemeinsame Ziel“, „das Folkwang-Museum zu verwalten, auszubauen und als öffentliche Sammlung den Zwecken der Forschung und der Volksbildung dauernd nutzbar zu machen“.

          Dass die seitdem – auch durch Schenkungen von Bürgern – gewachsene Sammlung, die 2010 mit dem von der Krupp-Stiftung spendierten Neubau von David Chipperfield ein weltstädtisches Ausstellungshaus bezog, knapp hundert Jahre später dafür benutzt werden könnte, das Aktiv-Vermögen der Stadt künstlich in die Höhe zu schrauben, hat damals sicher niemand für möglich gehalten.

          Das Risiko, das die Kommune damit eingeht, wird bisher nur außerhalb der Kommunalpolitik erkannt: So spricht Lothar Pues, der als Steuerberater für mehrere Stiftungen tätig und selbst Kunstsammler ist, von einem „Buchungstrick, der für die Öffentlichkeit nicht durchschaubar ist und den Bestand der Sammlung schon bald gefährden kann“.

          Die Kunst als trojanischer Goldesel

          Wenn die Schulden steigen und die Marktkräfte größer werden, könnte, so befürchtet er, mit dem Druck auf die Stadt und den dann tätigen Vorstand des Museumsvereins auch deren Bereitschaft wachsen, Inkunabeln der Sammlung zu versilbern: „Die Ausgründung ist der Anfang vom Ende.“

          Was der Energiekonzern Eon in Düsseldorf gerade vorgemacht hat, schickt sich die Stadt Essen an nachzumachen: In Düsseldorf wird das Museum zum Casino, aus dem ein 1980 für rund eine Million Mark erworbenes Gemälde von Jackson Pollock für fünfzehn oder mehr Millionen Euro versteigert wird. In Essen wird die Sammlung des Museums zur stillen Reserve, um eine Höherverschuldung der Kommune zu ermöglichen. Die Kunst als trojanischer Goldesel.

          Gerade für die Sammlung, deren Kern auf Karl Ernst Osthaus zurückgeht, ist das ein verheerendes Signal: Das Museum Folkwang sah der philanthropische Visionär als „Weckruf an die Künstlerschaft und Jungbrunnen deutscher Kultur“, um „unseren kunstverlassenen Industriebezirk an der Ruhr für das moderne Kunstschaffen zu gewinnen“.

          Dieses Vermächtnis ist für das Ruhrgebiet Anspruch geblieben. Noch die Kulturhauptstadt 2010 bezog sich darauf. Um dieser Tradition treu zu bleiben, bedarf es einer Stiftung, deren Satzung ausschließt, dass Werke der Sammlung veräußert werden.

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