http://www.faz.net/-gqz-876ln

Di Cosimo in Florenz : Der Tag, an dem die Nymphe starb

In seinen Bildern kippt das Schönheitsideal der Renaissance: Florenz feiert das Werk des Malers Piero di Cosimo, dessen Antike nicht edel, sondern gefährlich ist.

          Das Seeungeheuer, schreibt Ovid, zerteilte die Wellen „wie ein schnelles Schiff mit dem Schnabel am Bug“ und drehte sich „wie ein wilder Eber“, als ihm Perseus, der Retter Andromedas, seinen Krummsäbel in den Nacken stieß. Und genau so, getreu der Schilderung in den „Metamorphosen“, hat Piero di Cosimo um 1510 die Szene gemalt: das drachenköpfige Monster, dessen Pranke die Wogen schaumig schlägt, der Wasserstrahl, „vermischt mit purpurnem Blut“, der aus seinen Nüstern schießt, den Helden mit Flügelschuhen und gebogenem Schwert, der wie ein Tänzer auf dem Rücken des Untiers balanciert.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Andere Details hat der Maler erfunden: die roten Bänder etwa, mit denen Andromeda nicht wie bei Ovid an einen Felsen, sondern an einen knorrigen Baumstumpf gefesselt ist; die bizarren Musikinstrumente, Laute und Flöte in einem, mit denen im Vordergrund bereits ihre Befreiung gefeiert wird; und die Landschaft ringsum, die so gar nichts Äthiopisches hat, wie es der Mythos verlangt, sondern den bergigen Phantasiewelten gleicht, mit denen die niederländischen Künstler ihre Historienbilder schmückten.

          Piero di Cosimos „Befreiung der Andromeda“ ist eines der Glanzlichter der Ausstellung in den Uffizien, die zum ersten Mal in Europa das Werk des Malers aus Florenz in einer Einzelschau vorstellt - ein Bild, über das man nicht genug staunen kann, weil es in seiner wilden Farbigkeit, seiner unbändigen Bewegtheit und Formenfülle einem Zauberkasten gleicht, aus dem der Manierismus, das Kolorit eines Turner oder Delacroix, der Surrealismus und noch die Pop-Art geschöpft haben. In der Malerei seiner Zeit hat Pieros „Befreiung“ nicht ihresgleichen.

          Imaginäres Stelldichein mit Botticelli und Bartolomeo

          Es gibt noch viele solche Bildwunder in der Ausstellung zu sehen, manche mit antik-mythologischen, andere mit christlichen Sujets. Was sie alle verbindet, ist die Abwesenheit jener wiedererkennbaren Kombination stilistischer Eigenarten und thematischer Vorlieben, die man gemeinhin mit dem Begriff der Künstlerpersönlichkeit bezeichnet. Tatsächlich mag man kaum glauben, wenn man durch die Säle im ersten Stock der Uffizien geht, dass all diese Werke, ob Zeichnungen oder Gemälde, von demselben Maler stammen sollen. Manche wirken wie von drei oder vier verschiedenen Händen geschaffen, andere deuten das Puzzle der Stile, das sie auszeichnet, schon im Titel an.

          Etwa die „Thronende Madonna mit Kind und Engeln und der heiligen Elisabeth von Ungarn, Katharina von Alexandria, Sankt Peter und dem Evangelisten Johannes“, Pieros Hauptwerk von 1493. Auf dem Altarbild, das für die Kirche des Ospedale degli Innocenti, des städtischen Waisenhauses von Florenz, entstand, geben sich gleich mehrere von Pieros Kollegen und Konkurrenten ein imaginäres Stelldichein. Die Jünglinge im Hintergrund der Szene scheinen der Botticelli-Werkstatt entsprungen, die beiden weiblichen Heiligen im Vordergrund erinnern an Frauenfiguren von Fra Bartolomeo, der wie Piero bei dem vielseitigen Cosimo Rosselli in die Lehre ging, und die Kirchenväter zu beiden Seiten haben einen starken Ghirlandaio-Touch.

          Andererseits liegt auf dem Gesicht der Jungfrau eine herbe Süße, die mit keinem zeitgenössischen Meister vergleichbar ist, und auch die Requisiten des Geschehens, von der Märtyrerkrone und den Radspeichen zu Füßen der Katharina über die pausbäckigen Engel, die den Baldachin tragen, bis zu den Himmelsschlüsseln des Petrus zeigen eine ganz eigensinnige Mischung aus flämischer Feinmalerei und toskanischem Formgefühl. Kein Wunder, dass die Kunstgeschichte lange Zeit mit Piero di Cosimo wenig anzufangen wussten: Es ist, als hätte er sich bei seinen Zeitgenossen jeweils das Beste abgeschaut, um es mit den Früchten seiner eigenen Imagination zu ergänzen. Ein Markenzeichen à la Botticelli entsteht so nicht. Aber eine rätselhafte und vielsagende Malergestalt auf dem schmalen Grat zwischen Renaissance und Manierismus.

          Die zusammen mit der National Gallery of Art in Washington konzipierte Ausstellung, mit der sich der scheidende Uffizien-Direktor Antonio Natali verabschiedet, scheut den Manierismusbegriff wie der Teufel das Weihwasser. Dabei eröffnet er eine klarere Perspektive auf Piero di Cosimo als die These vom vielseitig-exzentrischen Malergenie, die durch die Beiträge des Katalogs geistert. Das leuchtendste Beispiel für Pieros manieristische Gesinnung sind die „Spalliere“, die in Höhe der Schultern (italienisch spalle) aufgehängten Tafelbilder, die der Maler für die Schlafgemächer florentinischer Patrizier wie Francesco del Pugliese und Giovanni Vespucci schuf. Zu ihnen gehört die „Rettung der Andromeda“, die zuerst im Palazzo Strozzi hing, aber auch jene Folge von Szenen aus der Urgeschichte der Menschheit, an deren Deutung sich schon Erwin Panofsky abgearbeitet hat.

          In den Uffizien sind vier dieser Gemälde versammelt: die „Jagdszene“ und die „Rückkehr von der Jagd“ aus New York, aber auch die „Kentaurenschlacht“ aus London und der „Palastbau“ aus Sarasota, den manche Experten aus dem Zyklus ausscheiden wollen. Pieros Szenen zeigen ein Menschentum, das sich Schritt für Schritt aus dem Naturzusammenhang befreit, vom tierhaften Gemetzel in den Wäldern über die frühen Formen von Gesellschaft bis zur planvollen Konstruktion der Städte. Aber im Unterschied zu den gleichzeitig entstandenen Spalliere von Botticelli fehlt ihnen jeder antikisierende Touch. Es sind Wimmelbilder, Blicklabyrinthe, von Lukrez (dessen Opus „Von der Natur der Dinge“ in Florenz zirkulierte) und Ovid ebenso inspiriert wie von der spekulativen Phantasie des Malers.

          Sie markieren, eine Generation vor Raffaels „Verklärung Christi“ und den Frühwerken Pontormos und Rosso Fiorentinos, exakt den Punkt, an dem die Renaissance aus dem Gleichgewicht gerät. Bis hierher strebte alles nach Harmonie, nun öffnet sich der Abgrund kombinatorischer Möglichkeiten. In der „Entdeckung des Honigs“, die Piero um 1500 für die Vespucci-Familie gemalt hat, ist die Antike ein Hexensabbat bocksbeiniger Nackter, in den zehn Jahre später entstandenen Prometheus-Tafeln ein Kabinett raffinierter Posen und Figuren. Auf dem „Tod einer Nymphe“ aus der National Gallery, vielleicht dem schönsten Bild der Ausstellung, sitzt ein großer brauner Hund zu Füßen der gemordeten Schönen, als hätte er sich aus Dürers „Melencolia“ ins Reich der Faune verirrt. Alles ist denkbar in dieser neuen Welt entfesselter Themen und Topoi, ein ephebenhafter Evangelist Johannes, der eine Schlange in einem Goldkelch beschwört, wie eine Prozession von Tritonen und Nereiden, die im flachen Meerwasser eine Orgie feiern.

          Für Vasari, der Piero di Cosimo in seinen „Viten“ eine ausführliche Lebensbeschreibung widmete, waren diese Bilder Zeichen einer Virtuosität, die ihn ebenso faszinierte wie abstieß. Aber statt sich mit Pieros Werk direkt auseinanderzusetzen, spiegelte er die Unruhe, die er darin spürte, in die Biographie des Künstlers zurück. Dieser sei ein bizarrer Geist und immer auf der Suche nach Schwierigkeiten gewesen, weshalb er seine Malweise bei jedem Arbeitsauftrag geändert habe. Außerdem, so Vasari, habe er Angst vor Blitz und Donner, Kindergeplärr, lautem Husten und Kirchenglocken gehabt, von gekochten Eiern gelebt, die er in großen Mengen in seinem Leimtopf zubereitete, sein Atelier nicht gefegt, seine Obstbäume nicht gestutzt und ständig auf Mauern gestarrt, wo er in den Spuckeflecken von Lungenkranken „die phantastischsten Städte und weitesten Landschaften“ erblickte. Heute erkennen wir in Pieros Phantasielandschaften mit Staunen den Widerschein der inneren Tumulte seiner Zeit. Die Renaissance war eben nicht nur Botticellis Venus und Michelangelos David. Sie war auch ein Ungeheuer, das aus den Wellen der wiedererweckten Antike stieg.

          Weitere Themen

          Mustereuropäer im hohen Norden

          100 Jahre Lettland : Mustereuropäer im hohen Norden

          Vor hundert Jahren wurde Lettland ein eigener Staat: Reise in ein erstaunliches Land, dessen Bewohner Bücher lieben und mit ihrer Introvertiertheit kokettieren.

          Stillleben gibt es nicht

          Kiarostamis Vermächtnis : Stillleben gibt es nicht

          In „24 Frames“ zeigt Abbas Kiarostami, wie Wahrheit zwischen den Bildern hindurchfallen kann. Der Meisterregisseur starb im Sommer 2016. Ein würdigeres letztes Werk hätte er nicht schaffen können. Bei Arte ist es nun zu sehen.

          Topmeldungen

          Streit um UN-Migrationspakt : Wie man erst recht im Bockshorn landet

          Jens Spahn will auf dem Hamburger CDU-Parteitag über den UN-Migrationspakt abstimmen. Auch wenn manche das als seinen letzten Strohhalm im Rennen um den Parteivorsitz deuten – der Grundkonflikt ist nicht neu. Er wurde nur lange nicht ausgetragen. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.