28.09.2004 · Mit einem Schlag ist Berlin den Kunststädten wie London und New York gleichgestellt worden - aber dafür waren hohe Kosten zu bezahlen. Die Flick-Collection aus dem Blickwinkel der „New York Times“.
Auch der Mann von der "New York Times" war in Berlin, um sich "eine der glitzerndsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst in Europa" anzusehen. Michael Kimmelman, Chefkunstkritiker des renommierten Blattes, redet nicht lange um den heißen Brei herum: "Kann Kunst einen Namen reinigen, der von einer elenden Vergangenheit befleckt wurde?" fragt er, nur um gleich die doch sehr überraschende Antwort hinterherzuschicken: "In einem einzigen Schlag hat die Sammlung Flick, ein enormer, hochpreisiger Schatz von hipper zeitgenössischer Markenzeichenkunst, die im teuer renovierten Hamburger Bahnhof ausgestellt wird, für den Augenblick Berlin mit Städten wie London und New York gleichgestellt. Aber dafür waren hohe Kosten zu bezahlen."
Die Kosten, die Kimmelman meint, beziehen sich indes nicht auf die blutbefleckte Vergangenheit des Flickschen Vermögens, sondern das mangelnde Entgegenkommen des Sammlers in der unmittelbaren Gegenwart. Während der Ausstellungsort den Wert der Sammlung steigere, habe Friedrich Christian Flick sich jedes Versprechens enthalten, sie dem Staat zu vermachen: "Dies ist ein Risiko, das Deutschland nie hätte eingehen sollen." So spricht der Kritiker aus dem Land, in dem das Pokerspiel zwischen Museen und Sammlern erfunden wurde.
Auch nach einer Privatführung, die ihm der Sammler persönlich zuteil werden ließ, hält Kimmelman an grundlegenden Zweifeln fest. Die Sammlung, erstaunlich reich an grausamer, kalter Kunst mit viel schwarzem Humor, sei rasch zusammengestellt und folge dem Tagesgeschmack. Sie enthalte viel von allem, was in den vergangenen Jahren in New York und weltweit auf Mega-Schauen Aufsehen erregt habe. "Berlin", so erklärt er sich und seinen Lesern schließlich das Ereignis, "ist eine Kulturkapitale, der es in bezug auf moderne und zeitgenössische Kunst an Kulturkapital mangelt. Wie die Flick-Collection vorführt, ist die Stadt deshalb darauf bedacht, ja sie bemüht sich verzweifelt, davon etwas zu ergattern."