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Finanzkrise - Kulturkrise Wir können uns das nicht mehr leisten

16.10.2008 ·  Die Bankenkrise hat das Kulturleben erreicht: In den Vereinigten Staaten sind die größten privatwirtschaftlichen Sponsoren namens Lehman oder Merrill Lynch pleite, die ersten Museen müssen ihr Personal entlassen. Kunst ist ein Luxus, auf den verzichtet werden kann.

Von Lisa Zeitz
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„Dear Mr. President“, adressiert der Direktor des National Endowment for the Arts seinen Geschäftsbericht des Steuerjahres 2006 und teilt George Bush mit, das staatliche Programm zur Kulturförderung habe „Künstlern und Organisationen in allen 50 Staaten vier Milliarden Dollar zugutekommen lassen“. Allerdings bezieht er sich mit dieser beträchtlichen Summe auf den gesamten Zeitraum seit der Stiftungsgründung im Jahr 1965. Für das Jahr 2006 waren es gerade einmal knapp 125 Millionen Dollar staatlicher Hilfe, die an so unterschiedliche Empfänger wie das Symphonieorchester in Alaska und das Museum of Art im kalifornischen Santa Barbara, das Shakespeare-Festival in Tulane, Louisiana, und die Hartford Jazz Society in Connecticut geflossen sind. Der Vergleich mit Deutschland ist drastisch. Hier haben Bund, Länder und Gemeinden allein im Jahr 2007 mehr als acht Milliarden Euro für Kultur ausgegeben.

Nicht umsonst sind die Vereinigten Staaten das Land des Fundraising. Was von staatlicher Seite nicht oder nur wenig gefördert wird, muss sich nach anderen Geldquellen umsehen. Neben dem individuellen Mäzenatentum war seit Jahrzehnten die Privatwirtschaft eine stabile Säule der amerikanischen Kulturförderung. Wer Ausstellungskataloge zur Hand nimmt, sei es „Leonardo da Vinci – Master Draftsman“ im Metropolitan Museum, „Richard Prince“ im Guggenheim Museum, „Goyas Last Works“ in der Frick Collection oder „Martin Ramirez“ im American Folk Art Museum, der sieht, wie für die Ausstellungen und Kataloge bezahlt wurde: Als Hauptsponsor ist einmal die mittlerweile bankrotte Investmentbank Lehman Brothers aufgeführt, oder es sind die gebeutelten Finanzinstitute Merrill Lynch, Morgan Stanley oder die Deutsche Bank.

Durch die amerikanische Museumslandschaft weht ein kalter Wind

Allein Lehman Brothers soll letztes Jahr mit 39 Millionen Dollar kulturelle Programme gefördert haben, darunter eine Brice-Marden-Retrospektive im Museum of Modern Art und eine Jackson-Pollock-Ausstellung im Guggenheim Museum. Die Asia Society und das International Center of Photography wurden unterstützt, das New Museum of Contemporary Art und das Art Institute of Chicago, aber Lehman Brothers hat sich auch international engagiert, zum Beispiel an der Tate Modern, dem Louvre und am Städel Museum.

Jetzt weht ein kalter Wind durch die amerikanische Museumslandschaft. Doch wie genau sich die Krise hier auszuwirken droht, darüber hüllen sich die meisten Museumsangestellten in vorsichtiges Schweigen. Sie können oder dürfen sich nicht äußern. Das Guggenheim lässt verlauten, es werde keinen Kommentar abgegeben, und auch das Brooklyn Museum hat „zu diesem Thema ein Moratorium verhängt“. Das MoMA übt sich in verhaltenem Optimismus: „Wir haben keine Pläne, unseren Ausstellungskalender zu ändern.“ An der Frick Collection ist man froh, dass die meisten Tickets zur traditionellen Benefizgala im Herbst – ein Höhepunkt im Kalender der New Yorker High Society – schon vor einer Weile verkauft wurden.

„Die meisten Museen werden zuerst einmal ihre Mannschaft reduzieren“, weiß ein New Yorker Sammler, der im Aufsichtsrat verschiedener großer Museen sitzt, aber namentlich nicht genannt werden möchte. „Doch an den Kuratoren wird zuletzt gespart.“ Das Contemporary Museum in Honolulu hat im September 25 Angestellte entlassen, mehr als die Hälfte der gesamten Belegschaft, weil die Rücklagen des Museums mit dem Börsencrash dramatisch gefallen sind; die Museumsdirektorin Georgianna Lagoria, berichtet die „Pacific Business News“, habe sich selbst den Jahreslohn von 100.000 Dollar um fünfzehn Prozent gekürzt. Am MoMA wird ein Viertel der Betriebskosten von den Erträgen des Stiftungsgeldes gedeckt, rund eine halbe Milliarde Dollar, die hoffentlich besser angelegt ist.

Schenker lassen ihre Werke wieder abholen

„Wir können uns nicht mehr leisten, frei gewordene Stellen neu zu besetzen“, sagt auch Tom Finkelpearl. Er ist der Direktor des Queens Museum of Art, das für seine Sammlug von Tiffany-Glas berühmt ist, aber auch wechselnde Ausstellungen zum Beispiel von zeitgenössischer Kunst zeigt. Das Museum schätzt sich glücklich, dass die Stadt ein Drittel der Betriebskosten beisteuert, aber schon vor drei Monaten wurde dieser Betrag um zwanzig Prozent gekürzt: „Unser Bürgermeister Bloomberg, selbst ein Milliardär, ist ein finanzpolitisch konservativer Mensch, weshalb New York jetzt nicht so schlecht dasteht wie andere Städte“, sagt Finkelpearl. „Das Queens Museum ist nicht in dem Maße auf Förderung durch Firmen angewiesen wie das MoMA, wir bekommen sehr viel Geld von privaten Stiftungen.“ Das Ausstellungsprogramm wird erst in zwei oder drei Jahren betroffen sein, da die Finanzierung im Voraus gesichert ist. „Wir werden aber einzelne Ausstellungen verlängern, was dem Publikum wahrscheinlich kaum auffallen wird.“ Finkelpearl ist überrascht, dass bisher keine der „corporate memberships“ gekündigt wurde. Diese auf Firmen zugeschnittenen Mitgliedschaften kosten am Queens Museum of Art zehn- oder zwanzigtausend Dollar und ermöglichen den Angestellten einer Firma freien Eintritt und andere Vergünstigungen.

Ein weiterer Bereich, den Museen vermissen werden, sind Schenkungen. Im Angesicht der Wirtschaftskrise zerbröseln die Kunstwerke sozusagen vor den Augen der Kuratoren. Schon vor September wurden einige „promised gifts“, versprochene Geschenke, wieder abgezogen, um anderweitig zu Geld gemacht zu werden. So etwa musste der hochverschuldete Juwelier und Sammler Ralph Esmerian, der seit dreißig Jahren zu den wichtigsten Förderern des American Folk Art Museum zählt, zähneknirschend das Gemälde „The Peaceable Kingdom“ aus dem Museum abholen lassen. Die liebenswürdig naive Darstellung paradiesischer Zustände im Tierreich von Edward Hicks wurde schon im Mai zur Auktion bei Sotheby’s eingeliefert und erzielte den Rekordpreis von 9,7 Millionen Dollar – allerdings ist jetzt auch der erfolgreiche Bieter in zahltechnischer Bredouille und versucht, von dem Kauf zurückzutreten; zwischen ihm und Sotheby’s ist ein Rechtsstreit entbrannt.

Kunst ist ein Luxus, auf den verzichtet werden kann

Richard Fuld, der Chef der Investmentbank Lehman Brothers, und seine Frau zählen seit Jahren zu den privaten Wohltätern des MoMA und haben dem Museum einst eine Zeichnung von Ellsworth Kelly vermacht. Kathy Fuld ist Zweite Vorsitzende des Kuratoriums und Vorsitzende des Komitees zum Ankauf von Zeichnungen. Aus ihrer Privatsammlung lassen die Fulds im November bei Christie’s Zeichnungen für rund zwanzig Millionen Dollar versteigern. Neben Blättern von Willem de Kooning, Agnes Martin und Barnett Newman kommt auch Arshile Gorkys Studie für „Agony“ unter den Hammer, die noch vor zwölf Jahren 370.000 Dollar gekostet hat und jetzt bis zu 2,8 Millionen Dollar einspielen soll. Da Gorkys Ölbild „Agony“ im MoMA hängt, ist die Studie von besonderem Interesse für das Museum. „Man hätte erwartet, dass eine so hochgestellte Förderin die Zeichnung dem Museum schenken würde“, stellt Walter Robinson in Artnet anklagend fest.

„Corporate Sponsorship“, sagt der New Yorker Sammler, könnte für viele Museen fast ganz verschwinden, „denn die Priorität liegt nicht mehr bei der Kultur, sondern bei Sozialprogrammen.“ Kunst ist ein Luxus, auf den verzichtet werden kann. „Dadurch wird es besonders für diejenigen amerikanischen Kunstmuseen sehr schwierig, die sich in den letzten Jahren durch Bauprojekte hoch verschuldet haben.“ Und das sind nicht wenige, man denke nur an die spektakulären Neubauten in Boston, Denver und Los Angeles. Die meisten Sorgen macht er sich jedoch um die jungen Künstler: „Von ihnen gibt es mehr als je zuvor. Und es war noch nie besonders romantisch, ein hungernder Künstler zu sein.“

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