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Festival Transmediale : Kunst – was war das nochmal?

Zeig mir deine DNA: die Installation „Probably Chelsea“ auf der Transmediale, eine Zusammenarbeit der Künstlerin Heather Dewey-Hagborg mit der Whistleblowerin Chelsea Manning. Bild: dpa

Verlieren wir gerade den Sinn für den Unterschied zwischen Leben und Werk? Und wenn ja, wie schlimm ist das? Eine Rückschau auf die Transmediale.

          Am Sonntagabend schauen die einen den „Tatort“. Die anderen sitzen im Berliner Haus der Kulturen der Welt. Also in einem der blauen Diskursmassagepolstersessel in diesem herrlich überproportionierten, tiefergelegten Auditorium, in dem sich jeder fühlen darf wie im UN-Hauptquartier, während auf der Bühne Menschheitsumfassendes verhandelt wird. So wie am vergangenen Sonntag bei der Abschlussdiskussion der Transmediale.

          Kolja Reichert

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die inzwischen 31-jährige Transmediale ließ sich als Festival für Medienkunst beschreiben, bis der Begriff „Medienkunst“ so sehr an Sinn verlor wie der Begriff „Mediengesellschaft“. Sie trägt das Versprechen, vier Tage lang die avancierteste Theorie von Kunst, Technologie und Politik zu hören, und damit richtet sie sich insbesondere an junge Kulturwissenschaftler, Hacker und Künstler, die wissen wollen, wie man die sich ausbildenden Regime aus Technologiekonzernen und Geheimdiensten und die verbleibenden Lücken für politisches Handeln in den Blick bekommen kann. Viele, die sich für die neueste Kunst interessieren, gehen hin.

          Ganz anders vorgestellt

          Die Diskussion trug den Titel „Confronting Social Cybernetics“, aber was hier tatsächlich konfrontiert wurde, waren die sozialen Feedbackschlaufen der Veranstaltung, und zwar mit sich selbst. Nachdem das Podium ein bisschen auf Jürgen Habermas’ Konzept der Gegenöffentlichkeit herumgekaut hatte, wurde dem Moderator, der immer wortreich die Diskussion von den Sprechern wegführte, vom Publikum die Regie entzogen.

          Zuhörer eins erklärte, dass er, wie der Säulenheilige der Medienwissenschaft, Marshall McLuhan („The medium is the message“), aus Kanada stamme; und dass McLuhan sich die Diskussion sicher ganz anders vorgestellt hätte. Zuhörer zwei bat das Podium, darauf einzugehen, wie das Konzept der Gegenöffentlichkeit gerade von rechten Gruppen wesentlich effektiver umgesetzt würde als von linken; worauf er von einer Podiumsteilnehmerin erklärt bekam, es handle sich bei Rechten nicht um Gegenöffentlichkeit im eigentlichen Sinne, warum, das wolle sie jetzt hier nicht ausführen. Zuhörerin drei erklärte, dass das Ticket für die Transmediale die am schlechtesten investierten achtzig Euro ihres Lebens gewesen seien, schließlich gebe es hier nicht einmal Kunst zu sehen. Zuhörer vier wandte ein, dass es doch ein gutes Zeichen sei, dass es hier nichts zu sehen gäbe, denn damit hätte man sich ja dem Neoliberalismus, der immer verlange, dass man etwas produziere, bereits erfolgreich widersetzt. Zuhörer fünf schlug vor, dass hier vielleicht eine neue Art von Kunst am Werk sei, die wir nur noch nicht als solche erkennen könnten.

          Nicht das Beste, nicht das Schlechteste

          Da trat der Kurator des Festivals selbst ans Mikrofon und versuchte die Diskussion voranzubringen, indem er das Feedback der Presse referierte, darunter einen jener subjektiven Erlebnisberichte, mit denen die Zeitung „Die Welt“ immer junge Schreibtalente unterfordert: „Auf der Transmediale gewesen. Einen Albtraum gehabt.“ Als der Kurator bei der Rezension der „Süddeutschen“ angelangt war, fiel ihm Zuhörer eins ins Wort: Er sei vorhin vielleicht falsch verstanden worden. Die Transmediale sei das Beste, was es auf der Welt gebe.

          Das ist sie sicher nicht, sie ist aber auch nicht das Schlechteste. Sie bot in diesem Jahr zum Beispiel viele Vorträge zum Thema der Stunde, Kryptowährungen. Umso bemerkenswerter, dass sie abschloss mit diesem durch keine Satire überbietbaren Schauspiel eines Auseinanderfallens jedes gemeinsamen politischen oder ästhetischen Projekts und jeder verbindenden Fragestellung; nur eine gemeinsame Sprache war noch übrig, die Sprache akademischer Selbstkritik, die um sich selbst kreiste und keinen Gegenstand zu fassen bekam.

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