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Veröffentlicht: 03.06.2016, 22:04 Uhr

Fake-Ausstellung Wie man ein Kunstwerk fälscht

Eine Ausstellung in Heidelberg versammelt Unechtes aus allen Epochen. Sie zeigt, welche wichtige Rolle Büchern bei dem Schwindel zukommt.

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Ob Lucas Cranach der Ältere wirklich solche Augen gemalt hätte? Bestimmt nicht, denkt man, das Bild muss eine Fälschung sein. Das liegt aber vermutlich vor allem daran, dass man sich gerade in einer Ausstellung über Fakes befindet. Es ist der in der Psychologie so genannte Rückschaufehler („hindsight bias“): Menschen überschätzen im Nachhinein ihre Urteilsfähigkeit.

Jan Wiele Folgen:

Wenn man zwischen all den Zeugnissen abenteuerlichster Kunstfälschungen steht, die nun in der Heidelberger Universitätsbibliothek zu sehen sind, kommen einem dagegen berechtigte Zweifel daran, dass es überhaupt noch Experten gibt, die künstlerische Echtheit verlässlich beurteilen könnten – so häufig wurden diese erfolgreich getäuscht und blamiert. Da gibt es etwa die Geschichte der vermeintlich etruskischen Monumentalplastiken, die das Metropolitan Museum in New York 1933 als Sensation präsentierte. Trotz der Einwände anderer Fachleute beharrte die Kuratorin Gisela Richter auf deren Echtheit; 1961 gab der italienische Bildhauer Alfredo Fioraventi ihre Fälschung zu.

Gemälde attraktiver machen und was dazumalen

Da ist die goldene Krone, die jahrelang als die eines skythischen Königs im Louvre lag, bis sich herausstellte, dass ein Goldschmied aus Odessa sie erst kurz zuvor hergestellt hatte. Da sind die verworrenen Lebensgeschichten der Kunstfälscher Han van Meegeren und Elmyr de Hory – Letztere romanhaft aufgeschrieben von Clifford Irving, der dann seinerseits als Fälscher Furore machte, weil er eine angebliche Autobiographie des „Aviators“ Howard Hughes kurzerhand selbst verfasst hatte. Und da trifft man auch auf einen gewissen Wolfgang Fischer, der in den siebziger Jahren begann, Gemälde der frühen Neuzeit durch Hinzufügung von Figuren „attraktiver“ zu machen und sich später auf Totalfälschungen moderner Maler wie Heinrich Campendonk und Johannes Molzahn verlegte. Heute dürfte er unter dem angenommenen Namen seiner Frau Helene Beltracchi bekannter sein.

40397358 © Katalog Vergrößern Einer der Stars in Maisie Maud Broadheads „Hall of Fake“: Der Kunstfälscher Elmyr de Hory (Digitaldruck, 2010)

Die Täuschungskraft mancher Fälschungen wirkt lange. Manchmal sogar so lange, dass auch eine Entlarvung als Fälschung wieder in Vergessenheit gerät. So wurde etwa eine vermeintliche Renaissance-Statuette des Giovanni delle Bande Nere bereits 1889 als Fälschung deklariert, galt dann aber lange wieder als echt, bis sie 2005 nochmals „entlarvt“ wurde. Solches schadet dem Ruf der Experten. Im Prozess gegen den Van-Gogh-Fälscher Otto Wacker 1932 haben die Richter am Ende gar den Sachverständigen gescholten, er solle sich schämen, da er „erst alle Bilder für echt, dann alle für falsch und dann wieder für echt erklärt habe“ – so erzählt der Kunsthistoriker Henry Keazor, der auch ein Buch über die Geschichte der Kunstfälschung geschrieben hat und zusammen mit der Kollegin Maria Effinger die Heidelberger Ausstellung kuratiert.

Solche Chuzpe muss man haben

Dass derlei Täuschungen immer wieder gelingen, hat aber nicht nur mit der Qualität des gefälschten Objekts allein zu tun, sondern oft noch mehr mit den Konsekrationsinstanzen der Kunst, also Universitäten, Museen und Galerien. Die Ausstellung spitzt die Wirkung dieser Instanzen zu auf die Macht der Bücher. Das ist einerseits eine ziemliche Vereinfachung, wirkt aber andererseits hier ziemlich triftig, wenn man etwa den Fall des Briten John Drewe betrachtet. Dieser stellte sich in den achtziger und neunziger Jahren unter dem Namen Dr. John Cockett selbst Empfehlungsschreiben aus, mit denen er Zutritt zu Archiven erhielt. Dort entwendete er Ausstellungskataloge, die er mit Akribie in veränderter Form nachdruckte – ergänzt nämlich um Bildverzeichnisse, in denen die Fälschungen seines Komplizen auftauchten und so, schwupps, zur Echtheit geadelt wurden. Der Eingang in Kataloge war auch für viele andere Fälscherkarrieren ausschlaggebend.

"Beltracchi - Die Kunst der Fälschung" © dpa Vergrößern Der Künstler und seine Frau: Wolfgang und Helene Beltracchi in einer Szene des Dokumentarfilms „Beltracchi – Die Kunst der Fälschung“.

Indem eine Instanz wie die Heidelberger Ausstellung das Handwerk der Fälscher nun geradezu liebevoll dokumentiert – es wurde dafür etwa ein kleines Imitat des angeblichen „David“-Modells von Michelangelo angefertigt, das in den achtziger Jahren plötzlich auftauchte, aber nicht echt war, es wird eine alte grüne Olympia-Schreibmaschine gezeigt wie jene, auf der John Drewe seine gefälschten Briefe aufsetzte, und es hängen dort sogar einige von Wolfgang Beltracchis gefälschten Gemälden –, trägt sie womöglich selbst ein bisschen zur Konsekration krimineller Fälscher als Künstler bei.

Die „Katze in Berglandschaft“ hat Campendonk nie gemalt

Aber genau von diesem gesellschaftlichen und literarischen Prozess handelt die Ausstellung eben auch in einer eigenen Abteilung, in der sie den immensen Erfolg von Fälschergeschichten in Büchern, Filmen und, besonders beliebt, auch in Comics dokumentiert. Dass ein eigentümlicher Reiz von diesen Geschichten ausgeht, bekommt man hier auch ganz unmittelbar zu spüren: Sich etwa die Situation vorzustellen, in der Wolfgang Beltracchi auf die Idee kam, ein Bild im Stile Heinrich Campendonks zu malen und es einfach mal „Katze in Berglandschaft“ zu nennen (bis 2011 hing es als echter Campendonk im Museum), ist bei aller moralischen Verwerflichkeit des Fälschungsakts ziemlich amüsant, ebenso wie seine Idee, auch noch Fotografien zu fälschen, um darin angeblich schon lange im Familienbesitz der Beltracchis befindliche Gemälde zu präsentieren.

„Diese Chuzpe muss man erst mal haben, seine Frau als ihre eigene Großmutter posieren zu lassen“, sagt Keazor im Gespräch. Darüber können freilich nicht alle lachen, der Fälscher habe schließlich großen Schaden angerichtet. Trotzdem kann man sich vor dem expressionistischen Katzenbild eines Gedankens nicht ganz erwehren. Und dieser Gedanke heißt nicht „Da hängt ein falscher Campendonk“, sondern „Da hängt ein echter Beltracchi“.

Glosse

Zukunftsmusik

Von Jan Brachmann

Auf dem alten Pfanni-Gelände soll der neue Konzertsaal Münchens gebaut werden. Doch erst mal erklingen an dieser Stelle andere Töne: Das Festival „Stars and Rising Stars“ kokettiert mit Arroganz und Kirschwasser. Mehr 1

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