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Fälschungsskandal Vom Umgang mit Kunst und Kunden

23.12.2010 ·  Im größten Fall von Kunstfälschung in Deutschland geraten die Auktionshäuser ins Visier: Haben sie Informationen vertuscht - und gibt es einen Systemfehler im Kunstmarkt?

Von Niklas Maak
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Der Fälschungsskandal um die vermeintliche Kunstsammlung Jägers weitet sich immer mehr aus. Zur Erinnerung das, was bisher geschah: Im August wurden drei Personen verhaftet, die im Verdacht standen, mehr als ein Jahrzehnt lang gefälschte Meisterwerke der Klassischen Moderne aus einer angeblichen „Sammlung Werner Jägers“, die es nie gab, über renommierte Kunsthändler und Auktionshäuser - darunter Lempertz, Sotheby's und Christie's - in den Markt gebracht zu haben. Mittlerweile stehen weit mehr als fünfzig Gemälde mit einem Gesamtwert über hundert Millionen Euro unter Fälschungsverdacht.

Drei Personen sitzen in Untersuchungshaft. Gegen sieben wird ermittelt (Das Titanweiß verrät den Fälscher und Jägers-Kunstfälschungen: Am Pranger stehen die Falschen) - und bei alledem stellt sich die Frage: Wie konnte es sein, dass die Fälscher damit so lange durchkamen? Warum vergingen von dem Moment an, da der erste Verdacht aufkam, bis zur Festnahme der Verdächtigen mehrere Jahre - Jahre, in denen der Handel weiter eifrig Geld verdiente? Wie konnten die Fälscher und Hehler ein so hochprofessionelles System von Auktionatoren und Experten täuschen?

Die Antworten, die in dieser Woche auf diese Frage gegeben werden, bringen vor allem das Kölner Auktionshaus Lempertz in Bedrängnis. Dort war 2006 zu einem Rekordpreis von 2,4 Millionen Euro jenes Gemälde zugeschlagen worden, das den Fall ins Rollen brachte: ein angeblich von Heinrich Campendonk gemaltes „Rotes Bild mit Pferden“ - das mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit eine Fälschung ist. Die Käuferin ging 2008 gegen Lempertz vor und verlangte Rückzahlung von Preis und Provision. Mit einem Schreiben vom 28. April 2008, das dieser Zeitung vorliegt, entgegnete der Chef des Kölner Auktionshauses, Henrik Hanstein, gegenüber der damals durch Rechtsanwalt Renold vertretenen Kundin: „The painting comes from a prime collection of German expressionist paintings and so far we never had any difficulties with works from this source“ - also: Das Bild komme aus einer erstklassigen deutschen Expressionismus-Sammlung, mit der man bisher nie Schwierigkeiten hatte.

Wer wusste wann was?

Was sind „Schwierigkeiten“? Ist es nicht eine Schwierigkeit, dass aus derselben Quelle, die den Campendonk heranbrachte, bei Lempertz 1995 ein Purrmann-Gemälde eingeliefert worden war, das dann nicht in die Auktion kam - weil die Witwe des Künstlers es als Fälschung ansah? Sicher: Es kann sein, dass jemand, der in seiner Sammlung eine Fälschung hat, auch nicht gefälschte Meisterwerke besitzt. Aber wäre es nicht hilfreich fürs Image gewesen, das Problem mit dem Purrmann in diesem Antwortbrief nicht zu verschweigen - oder hatte man die Sache bei Lempertz bei all dem Stress ganz einfach vergessen?

Hier stellt sich eine Frage, die an das Selbstverständnis eines Auktionshauses rührt. Ein Auktionshaus, das seinen Kunden beunruhigende Informationen verschweigt, gleicht einem Busfahrer, der seinen Fahrgästen erklärt, er habe alles unter Kontrolle, während er schon mit einem Reifen über dem Abgrund hängt. War es so bei Lempertz?

Vertuschungen und Beschwichtigungen

Am 12. April 2010 beschwichtigte Hanstein einen prominenten Kunden, die Galerie Henze & Ketterer aus Wichtrach, die besorgt nach der Provenienz „Werner Jägers“ fragt. In einem Brief, der dieser Zeitung ebenfalls vorliegt, schrieb Hanstein, alle diese Bilder seien „von den jeweiligen Werkverzeichnisbearbeitern oder maßgeblichen Experten bestätigt worden“. Kein Wort zum Fall Purrmann, keins zu zwei naturwissenschaftlichen Gutachten zum „Roten Bild mit Pferden“, die bedenklich hätten stimmen müssen, kein Wort zu dem seit September 2008 währenden Rechtsstreit mit der Eigentümerin über die Echtheit dieses Gemäldes.

Wolfgang Henze hatte 2003 einen gefälschten Pechstein-Akt bei Lempertz ersteigert und an einen Würzburger Sammler verkauft - ohne dem Mythos Jägers weiter nachzugehen; er verließ sich darauf, dass Kollege Hanstein den Job erledigt hätte. Jetzt spricht er von einer „großen Sauerei“ und „bewusster Täuschung“, von einem „Straftatbestand“. Der Experte Ralph Jentsch, der den Fall mit seinen Zweifeln an der Echtheit der Etiketten auf den Rückseiten der Gemälde mit Jägers-Provenienz ins Rollen brachte, sagt: „Es sind in hohem Maße Sorgfaltspflichten verletzt worden.“ Am 26. März 2010 sei er bei Hanstein in Köln gewesen. „Er hat versucht, mich kleinzureden, fragte: Was mischen Sie sich da ein?“ Damals gab es schon mehr als einen Grund zum Zweifel und mehr als ein kritisches Gutachten. Dass Jentsch wegen der seltsamen Etiketten auf dem Rücken der Bilder recherchiere, schreibt Hanstein ein paar Wochen später an Henze, könne „nicht ,kriegsentscheidend' sein, denn ich habe schon öfter echte Bilder mit falschen Etiketten gesehen“.

Verdächtig schnell von A nach B

Kriegsentscheidend könnte es aber sein, wenn sich bestätigt, was die „Zeit“ und die „Süddeutsche Zeitung“ gestern übereinstimmend berichteten: Als die Experten Jentsch und Aya Soika ein unter Fälschungsverdacht stehendes Bild, Max Pechsteins „Seine-Brücke“, im vergangenen Frühjahr begutachten wollten, behauptete Hanstein, es befinde sich in Montevideo.

Es muss schnell zurückgekommen sein; denn am 12. April 2010 hat Hanstein das Bild in Köln dem Direktor des Frankfurter Museums Giersch, Manfred Großkinsky, gezeigt, der eine Ausstellung zum rheinischen Expressionismus vorbereitet. Großkinsky erklärte gegenüber dieser Zeitung, er habe Hanstein „nicht bestätigen können, ein solches Etikett je gesehen zu haben“ - auch er verstärkte also die Zweifel.

Das verlorene Vertrauen

Dazu kommen die Aussagen von Erhard Jägers, dem Leiter eines naturwissenschaftlichen Labors (der nicht mit dem vermeintlichen Sammler verwandt ist): Hanstein habe schon im Sommer 2008 die „Seine-Brücke“ analysieren lassen. „Zeit“ und „Süddeutsche Zeitung“ zitieren Erhard Jägers, der versichert, Hanstein schon damals mitgeteilt zu haben, dass sich in dem Gemälde Phthalocyanin-Blau befinde - ein Pigment, das es 1908 noch nicht gab. Auf ein schriftliches Gutachten verzichtete Hanstein damals - und das, obwohl der Pechstein aus derselben Quelle kam wie der als falsch abgelehnte Purrmann. Der Polizei soll Hanstein, nach dem Gutachten von Eberhard Jägers befragt, nur gesagt haben, der habe kein Titanweiß in dem Bild feststellen können.

Dass er ein problematisches Blau feststellte, soll Hanstein laut „SZ“ verschwiegen haben. Hanstein und der Justiziar des Hauses waren für eine Stellungnahme bei Redaktionsschluss nicht zu erreichen. Wurde hier die Sorgfaltspflicht des Auktionshauses grob verletzt - und noch mehr: Wurden, wie die „Zeit“ schreibt, vom Auktionshaus bewusst „Indizien vertuscht“? Das würde bedeuten, dass Lempertz juristisch gezwungen werden kann, die Auktionen rückabzuwickeln, die Käufer entschädigen muss.

Alle stecken mit drin

Die Affäre um die Sammlung Jägers ist dabei kein reiner Fall Lempertz. Warum ist von Sotheby's, wo man 1995 aus der angeblichen Sammlung Jägers Carlo Menses „Madonna mit Kind“, 1998 André Lhotes „Course de Cycliste à Bordeaux“ und noch 2009 Max Ernsts „Tremblement de terre“ zur Auktion brachte, kein klärender Kommentar zu bekommen? Hätte man die Auktion 2009 nicht verhindern können, wenn die betroffenen Konkurrenten ihre Probleme und Zweifel kommuniziert hätten? Und in Köln: Der falsche Purrmann, das falsche Blau, die vielen Zweifel - warum wandte man sich nicht viel früher an die Polizei; auch, um die Kunden zu schützen, für Transparenz zu sorgen?

Vielleicht liegt der Fehler im System. Jeder, der Händler, der Auktionator, der Einlieferer, hat etwas von einer gelungenen Versteigerung. Allein an dem fraglichen Campendonk, der rund 2,9 Millionen Euro erlöste, verdiente Lempertz eine gute halbe Million. Aber: Wer Kunstwerke nicht im Internet kauft, sondern in einem renommierten Auktionshaus ersteigert und ein deftiges Aufgeld zahlt, der erwartet, es sei dort gründlich untersucht worden; man baut darauf, dass einem Probleme nicht erst dann mitgeteilt werden, wenn die Polizei kommt.

Kunst als sicheres Anlageobjekt in Frage gestellt

Die Hektik, das Bemühen, viele erfolgreiche Auktionen über die Bühne zu bringen, die Einlieferungspraxis eines umkämpften und lukrativen Marktes für moderne Klassiker führt dazu, dass das wichtigste Kapital eines Auktionshauses verspielt wird - das Vertrauen der Kunden. Gibt es nicht systembedingte Fehler, die es Fälschern zu einfach machen? Einlieferungen finden oft erst kurz vor der Auktion statt, und die Menge der Lose - allein Lempertz bringt jährlich mehr als zehntausend zur Auktion - macht eine solide Provenienzforschung schwer. Und wenn Auktionshäuser und Händler sich bei Werken über den Tisch ziehen lassen, deren Preis im Millionenbereich liegt - wie kann dann bei den vielen kleineren Losen ausgeschlossen werden, dass sie Fälschungen sind?

Der Fall hat noch eine andere Dimension. Es geht darum, wie ein Haus mit seinen Kunden umgeht. Der Kunstmarkt für Klassische Moderne, eben noch als sichere Anlagemöglichkeit in Zeiten volatiler Märkte gefeiert, steht plötzlich als Hochrisikogeschäft da. Der Kunsthandel muss wieder Vertrauen gewinnen. Dazu gehört der Verzicht auf ein gutes, aber heikles Geschäft ebenso wie die Fähigkeit, Pannen zuzugeben. Und hier gibt es offensichtlich noch einen großen Nachholbedarf.

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Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

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