http://www.faz.net/-gqz-xscv

Fälschungsskandal : Das Titanweiß verrät den Fälscher

  • -Aktualisiert am

Ein beispielloser Skandal erschüttert die Kunstwelt: Ist Campendonks Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“, eines der teuersten Gemälde des deutschen Auktionshandels, eine raffinierte Fälschung?

          Ein Fälschungsskandal schockiert den Kunsthandel. Das prominenteste Werk ist dabei ein Gemälde, das 2006 als spektakuläre Wiederentdeckung gefeiert wurde: Heinrich Campendonks seit mehr als acht Jahrzehnten verschollenes Gemälde „Rotes Bild mit Pferden“ von 1914. Es wurde bei Lempertz in Köln versteigert, verdoppelte die obere Taxe und erzielte den Rekord von 2,4 Millionen Euro, mit Aufpreis 2,9 Millionen Euro. Das war die höchste Summe, die je für ein Werk des Künstlers auf einer Auktion bewilligt wurde, und es war eines der teuersten Werke auf dem deutschen Auktionsmarkt.

          Experten war bekannt, dass ein „Rotes Bild mit Pferden“ von Campendonk in einem Katalog der Galerie Flechtheim des Jahres 1920 verzeichnet war – allerdings ohne Abbildung. Maße, Signatur und Verbleib seien unbekannt, heißt es im Campendonk-Werkverzeichnis von Andrea Firmenich. Nun weisen verschiedene Indizien darauf hin, dass sich eine Fälscherbande diese Angaben zunutze gemacht hat und, davon ausgehend, dass das echte Bild für immer verschwunden bleiben würde, ein Werk konstruierte, das mit den kunsthistorischen Ansatzpunkten übereinstimmt.

          Technische Gutachten warfen Fragen auf

          Die Malweise, die Motive, die von Zeichnungen Campendonks bekannt sind, und Aufkleber auf der Rückseite unter anderem von der Galerie Flechtheim überzeugten seinerzeit Experten, Händler und Sammler. Das Musée Moderne de la Ville de Paris bat um die Leihgabe des Bildes für die Ausstellung „Orphisme“. In der Presse war von einem „Schlüsselwerk der Moderne“ die Rede. Bei der Auktion kamen Gebote von verschiedenen Seiten, auch von einem deutschen Museum, aber den Zuschlag erhielt ein französischer Experte, der das Werk für die in Malta ansässige Handelsgesellschaft Trasteco kaufte.

          Doch einige Zeit nach der Auktion warfen technische Gutachten Fragen auf. An manchen Stellen tauchte Titanweiß, ein Pigment, das 1914 noch nicht benutzt wurde, auf der Bildfläche unter dem Firnis auf. Mittlerweile hat Ralph Jentsch auch den Flechtheim-Aufkleber auf der Rückseite als Fälschung entlarvt. Weitere Gutachten folgten. Trasteco verklagte Lempertz schon vor rund zwei Jahren, und die beiden Schwestern, die das Bild eingeliefert hatten, traten vor Gericht als Streithelfer auf.

          Gab es die Sammlung Jägers überhaupt?

          Die beiden hatten mindestens schon seit 1995 bei verschiedenen Auktionshäusern Werke aus der vermeintlichen Sammlung ihres Großvaters Werner Jägers (1912 bis 1992), eines Krefelder Geschäftsmanns, eingeliefert. 1995 hatte Christie’s in London einen mittlerweile zweifelhaften Campendonk aus der Sammlung Werner Jägers versteigert. Doch nun stellt sich die Frage, ob es diese Sammlung überhaupt gab. Auch an anderen Stellen tauchten Fälschungen und fragliche Werke mit der Provenienz „Werner Jägers“ auf, neben Campendonk auch von Max Ernst, Fernand Léger und André Derain.

          Bei Lempertz kam 2003 ein vermeintlicher „Liegender weiblicher Akt mit Katze“ von Max Pechstein für rund 500 000 Euro unter den Hammer. Käufer des Bildes, das sogar die Titelseite des Katalogs zierte, war das Ehepaar Henze-Ketterer, die ausgewiesene Expressionismus-Kenner sind. Doch auch dieses Bild war eine Fälschung, für die ein Aquarell mit dem Motiv zum Abmalen auf eine Leinwand projiziert wurde.

          „Sie sind auch schauspielerisch brillant“

          Angesehene Auktionshäuser und unzählige Experten sind den Bildern aus der Sammlung Werner Jägers auf den Leim gegangen, und wahrscheinlich werden sich weitere Geschädigte melden. Die Kriminalpolizei ermittelt schon seit Monaten wegen fortgesetzten Betrugs in besonders schwerem Fall. Letztes Wochenende verhaftete die Polizei die beiden Schwestern und einen als Fälscher verdächtigen Ehemann. Henrik Hanstein, der Leiter des Auktionshauses Lempertz, sagt gegenüber dieser Zeitung, dass die Damen zuvor unzweifelhafte Originale von Kölner Künstlern und Multiples von Beuys einlieferten, auch dass sie als Käuferinnen auftraten und sich so das Vertrauen des Auktionshauses aufbauten: „Sie sind auch schauspielerisch brillant.“

          Im Hause Lempertz, sagt er, mache man sich „große Vorwürfe, aber was hätten wir anderes machen können, als die maßgeblichen Experten zu befragen?“ Sohn und Enkel des Künstlers, sagt Hanstein, hätten den Campendonk vor der Auktion begutachtet, ihn für fabelhaft gehalten und seien selbst davon ausgegangen, dass das Bild einen Rekordpreis erzielen würde.

          Sensationsfunde ohne schriftliche Expertisen

          Friederike Gräfin von Brühl ist Anwältin bei K & L Gates und vertritt die Käufer des „Roten Bildes mit Pferden“ und des vermeintlich Pechsteinschen Aktgemäldes: „Auffallend war, dass Lempertz bei keinem der beiden Gemälde vor der Auktion schriftliche Expertisen eingeholt hat, obwohl beide als Sensationsfunde galten, die der Fachwelt bisher unbekannt waren.“

          Zwar scheint mit der Verhaftung der Hauptverdächtigen vorerst die Quelle der Fälschungen versiegt. Doch herauszufinden, in welchem Umfang Fälschungen aus der „Sammlung Werner Jägers“ Sammler, Händler und Museen geschädigt haben, wird nicht nur die Polizei lange beschäftigen.

          Weitere Themen

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Käfer- und Katzen-Mumien Video-Seite öffnen

          Grabstelle in Ägypten : Käfer- und Katzen-Mumien

          Archäologen in Ägypten haben am Wochenende seltene Grabfunde vorgestellt. Sie fanden am Rand der Totenstadt von Sakkara mumifizierte Katzen und eine ganze Sammlung mumifizierter Skarabäen. Diese Käfer wurden als Symbol für den Sonnengott verehrt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.