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F.K. Waechter in Frankfurt Gibt es angewandte Komik?

20.07.2011 ·  Seine Kunst wird in Frankfurt an einem eigenartigen Ort gezeigt. Die Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst wirft zwar keinen neuen Blick auf den großartigen Künstler F.K. Waechter, tut dem Vergnügen aber keinen Abbruch.

Von Andreas Platthaus
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Das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst zeigt das Werk von Friedrich Karl Waechter. Das hätte man als unbefangener Betrachter wohl für die unwahrscheinlichste Stätte einer solchen Ausstellung gehalten. War Waechter Kunsthandwerker? Natürlich auch, er war schließlich ein Multitalent, und deshalb stehen in der MAK-Schau mehrere große Tischvitrinen, in denen man die zahlreichen Buchumschläge bewundern kann, die der 2005 verstorbene Waechter in vier Jahrzehnten gestaltet hat, dazu ein Puzzle mit Tierfiguren, ein Wandposter, ein „Frankfurter Skatspiel“, dessen Blätter mit den Köpfen von Protagonisten der Achtundsechziger-Bewegung verziert sind, und manche anderen kleinen Nebenerwerbsartikel, für die der begnadete Zeichner und formvollendete Komiker sich hergab. Einen Geniestreich gibt es auch: ein improvisiertes Schachspiel, dessen Figuren aus unterschiedlich langen Schrauben bestehen, die Waechter je nach Rang noch durch Muttern ergänzte. Aber Hand aufs Herz: Ehe man diese Facette des Waechterschen Werks berücksichtigt hätte, wäre wohl eher noch das Werk des Dramatikers, Dichters, Bilderbuchautors oder Vortragskünstlers dran gewesen. Ja, Waechter verstand von allem was.

Also hätte man die Frankfurter Ausstellung auch wahlweise im Freien Hochstift, im Städel, im Museum für Moderne Kunst, im Struwwelpeter-Museum oder im Museum der Weltkulturen durchführen können. Und warum nicht im seit einigen Jahren bestehenden Museum für komische Kunst, in dem doch Waechter-Zeichnungen gemeinsam mit denen von F.W. Bernstein, Robert Gernhardt, Chlodwig Poth und Hans Traxler den Kern der Dauerausstellung bilden? Hier fängt die Geschichte an, fragwürdig zu werden.

Ein Meisterwerk reiht sich ans andere

Um sie zu verstehen, muss man ein paar Jahre zurückgehen, bis zu jener Zeit kurz nach Waechters Tod, als die Stadt Frankfurt sich bemühte, große Teile des zeichnerischen Werks jener fünf zuvor genannten Künstler anzukaufen, um ihr projektiertes Museum für komische Kunst damit zu bestücken. Das gelang auch, mit einer Ausnahme: Die Erben von Waechter wollten seinen zeichnerischen Nachlass als Ganzes erhalten und ihn einer bereits etablierten Stelle anvertrauen, um die zügige Bearbeitung zu garantieren. So kam das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover zum Zuge. In Frankfurt wirbelte diese Entscheidung einigen Staub auf, der sich aber wieder legte, als die Familie Waechter und das Busch-Museum eine großzügige Regelung zugunsten des Museums für komische Kunst verkündeten, das seitdem alle drei Monate neue Leihgaben aus dem überreichen Hannoveraner Bestand erhält. So kann man in Frankfurt normalerweise viel mehr Waechter sehen als in Hannover.

Was für einen Schatz sich das Wilhelm-Busch-Museum gesichert hat, zeigte aber vor allem die große dortige Ausstellung im Jahr 2009. Dafür schöpften die Kuratoren aus dem Vollen, sie reihten ein Meisterwerk ans andere und zeigten Blätter, die man als Legenden der komischen Kunst bezeichnen muss: „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“, „Der König der Eichhörnchen“, „Schwanzvergleich“, „Der Traum der Bergfrösche“ und zahllose andere Arbeiten, die in den Satirezeitschriften „Pardon“ und „Titanic“ erstveröffentlicht und später in Waechters Sammelbänden beim Diogenes-Verlag einem breiten Publikum zugänglich gemacht wurden. Diese Ausstellung von 2009 ist es, die nun leicht reduziert nach Frankfurt ins MAK gelangte, und natürlich ist das ein Fest für die Stadt, in der Waechter sein ganzes Leben verbracht hat, seit er 1964 als Grafiker bei der damals neu gegründeten „Pardon“ eingestellt wurde.

Hochkomisch und zugleich tiefernst

Dass es sich bei ihm um mehr als einen komischen Künstler handelt – nämlich einen, der auch das ernste Fach in Vollendung beherrschte –, ist oft betont worden. Wobei Waechter am besten war, wenn er beide Kunstformen mischte. Man nehme nur das Blatt aus der Ausstellung, das den Titel „Der Wind“ trägt. Da ist auf einen großen Bogen ein wasserfleckiges Stück Schmuddelpapier aufgeklebt, auf dem sich die simple Umrisszeichnung eines weiteren Papierblatts findet. Unter dem Ganzen steht: „Der Wind blies mir ein Blatt Papier entgegen. Es war ein ganz gewöhnliches, fleckiges, geradezu unansehnliches Papierchen. Jedoch rührte mich sein Anblick dermaßen, dass ich große Lust verspürte, mit dem Zeichenstift festzuhalten, wie es sich da so vor mir im Wind wiegte. Ich hätte das wohl auch vorzüglich getan, wenn ich nur irgendein Fitzelchen Zeichenpapier zurhand gehabt hätte. In meiner Not kam mir schließlich der rettende Einfall, nämlich just jenes unansehnliche Papierchen für mein Vorhaben zu benützen, was ich, wie Sie hier sehen können, denn auch ohne Zögern tat.“ Dieses surrealistische Spiel mit Motiv und Bildträger ist reinster Waechter: hochkomisch und zugleich tiefernst als Verweis auf die Unzuverlässigkeit allen Abbildens.

Schallendes Gelächter

Wie gesagt: Dieser Künstler würde jedes Museum zieren. Dem MAK aber wurde er dem Vernehmen nach mehr oder minder aufgedrückt, weil sich die Familie des Zeichners als Frankfurter Station einen ernsthafteren Platz als das Museum für Komische Kunst gewünscht hatte, in dem es ja eh etliches von Waechter zu sehen gibt. Nur standen die passenderen Häuser in Frankfurt alle nicht zur Verfügung, und so hat man die Ausstellung im MAK in kleine, thematisch gegliederte Kabinette gesteckt, die eines ganz gewiss nicht leisten: einen neuen Blick auf den großartigen Künstler zu lenken.

Das tut dem Vergnügen keinen Abbruch, wie man dem schallenden Gelächter in der Ausstellung anmerkt. Aber gerade die grandiosen Bilderbücher der letzten Lebensjahre treten hier nur als Beigaben auf: „Steinhauers Fuß“ etwa, aus dem fünfzehn Linolschnitte zu sehen sind, die brillanten Collagen der „Schöpfung“, die noch einmal das surrealistische Erbe Waechters zeigen, oder der unvollendete, auf dem Sterbebett begonnene tiefschwarze „Höllenhund“. Was wäre da zu entdecken, wenn man diesen Arbeiten mehr Platz und einen anderen Kontext gegeben hätte! Waechters Werk hat einen unbefangeneren Umgang verdient – auch im Hinblick auf den verständlichen Ehrgeiz, ihn als großen Künstler zu inszenieren.

F. K. Waechter - Zeichenkunst. Museum für Angewandte Kunst Frankfurt; bis 11. September. Kein eigener Katalog.

Der Artikel wurde am 21. Juli 2011 um 10 Uhr aktualisiert.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.

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