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EZB-Neubau Ein Euro-Krüppel

21.02.2007 ·  Bank und Architekten haben sich durchgesetzt: Der geplante EZB-Neubau in Frankfurt wird die Großmarkthalle, Elsaessers kubistisches Meisterwerk, überragen, durchbohren und verkrüppeln. Ein Kommentar von Dieter Bartetzko.

Von Dieter Bartetzko
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Gemessen an Goethes Wort von Architektur als „gefrorener Musik“, ist die Großmarkthalle in Frankfurt am Main eine gewaltige Symphonie. Wie ein Schönberg der Baukunst komponierte Martin Elsaesser den Zyklopenbau 1926 als ein Gebilde, dessen rasante Steigerung von zwei randständigen niedrigen Bauten ausgeht, auf die jeweils ein dramatisch hoher backsteinerner Vierkant folgt. Dazwischen spannt sich dann die Riesenhalle. Somit wären die Randbauten das, was im klassischen Symphoniensatz Exposition und Reprise sind.

Genauso sorgfältig hat Elsaesser sie auch gestaltet – kubistische Gebilde, bei denen jeder Vor- und Rücksprung, jede auskragende schmale Backsteinreihe und jedes Fenster seinen wohlüberlegten Platz im Erscheinungsbild und damit in der Anmutung des gesamten Ensembles hat. Deshalb auch wirken die beiden Anbauten so elegant und wohlproportioniert wie Elsaessers denkmalgeschütztes privates Frankfurter Wohnhaus. So, wie niemand bei einer Symphonie auf die Idee käme, Exposition und Reprise zu kappen, sollte auch niemandem einfallen, einem ausgeklügelten Monumentalbau der klassischen Moderne wie der Großmarkthalle die beiden Auftaktbauten zu rauben.

Elsaessers Meisterwerk als Spielmaterial entwürdigt

Genau das aber ist nun beschlossene Sache: Das hessische Landesamt für Denkmalpflege hat sich nachträglich mit deren geplantem Abriss im Zuge des Umbaus der Großmarkthalle zum Hauptsitz der Europäischen Zentralbank (EZB) einverstanden erklärt. Die Behörde beugt sich damit dem beharrlichen Wunsch des Bauherrn und der Architekten, des Wiener Büros Coop Himmelb(l)au, die immense Sicherheitbelange der Bank anführten. Zugunsten eines fiktiven Belagerungszustands also wird aus einem öffentlichen Gebäude eine Festung oder, um beim musikalischen Bild zu bleiben, aus einer Symphonie ein Rudiment, drastisch gesagt: ein Krüppel.

Damit hat nach zwölf Monaten Debatte die EZB auf ganzer Linie gesiegt. Denn vor diesem letzten Einlenken stimmte die hessische Denkmalpflege schon dem umstrittenen Vorschlag zu, die denkmalgeschützte Halle mit einem spektakulären gläsernen „Riegel“ zu durchbohren, der den Altbau an ein künftiges Hochhaus – das eigentliche Bankgebäude – anschließt. Dieser Riegel mag mehr oder weniger schwerelos geraten, mag die Hallenfassaden kaum oder immens beeinträchtigen: Seine Hauptaussage, der der Abriss der „Annexbauten“ ein Ausrufezeichen anfügt, ist die, dass Martin Elsaessers Meisterwerk nur Roh- und Spielmaterial für die egozentrischen Bedürfnisse und Anforderungen der EZB und ihrer geltungssüchtigen Architekten ist. Womit endlich die wahre Bedeutung jenes quietschbunten Denkmals deutlich wird, das seit der Währungsumstellung auf dem zentralen Willy-Brandt-Platz der Frankfurter City Europas Finanzen huldigt: Nicht Gemeinsinn, Pietät oder Ästhetik regiert das Bau- und Denkmalwesen dieser Stadt, sondern der Euro.

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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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