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Ex-WestLB-Chef Poullain : Portigon kann nur anders, wenn das Land es will

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Im Streit um die Kunstsammlung der WestLB soll der Runde Tisch in Düsseldorf Land und Museen wieder miteinander ins Gespräch bringen. Ludwig Poullain, Ex-Vorstandsvorsitzender der Bank, äußert sich zu den Erfolgsaussichten.

          An diesem Donnerstag kommen in Düsseldorf 23 Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur zum Runden Tisch zusammen, um über den Umgang mit Kunst im Eigentum von nordrhein-westfälischen Unternehmen zu beraten. Ludwig Poullain war von 1969 bis 1977 Vorstandsvorsitzender der WestLB, deren Sammlung er mit aufgebaut hat. Sie gehört zum Vermögen der Portigon, der Abwicklungsbank der einstigen WestLB. Poullain, der heute 95 Jahre alt ist und in Münster lebt, äußert sich hier zum Anspruch der Sammlung und zur Frage, wie sie für das Land und die Bürger gesichert werden kann.

          Herr Poullain, Sie waren 1969 der erste Vorstandsvorsitzende der WestLB und haben auch gleich damit begonnen, Kunst zu kaufen. Eine weitsichtige Investition?

          Es ging mir nie darum, in Kunst zu investieren. Ich kaufte schöne Bilder, weil sie mir gefielen, weil ich mich an ihnen erfreute. Die Bank kaufte Kunst, aber nicht, um sie zu verscherbeln und den Gewinn ins laufende Geschäft zu stecken. Ihre Bildergalerien waren Ergänzungen zu den Sammlungen der Museen.

          Sie kaufte Kunst im öffentlichen Auftrag?

          Ja, ich erinnere mich noch gut, wie mich Werner Schmalenbach, der Gründungsdirektor der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, 1969 durch sein Haus führte und er mir sagte: „Das Land hat kein Geld mehr, die Sammlung weiter auszubauen. Da müssen Sie mit der Bank einspringen.“ Er hat mich geradezu angefleht.

          Haben Sie die Werke selbst mit ausgesucht?

          An vielen Erwerbungen war ich persönlich beteiligt. So habe ich Henry Moore in England besucht, als wir zwei Skulpturen von ihm ankaufen wollten.

          Dass die Kunstsammlung der WestLB einmal verscherbelt werden könnte, weil die Bank insolvent ist und ihre Gläubiger befriedigen muss ...

          ... das konnte sich damals niemand vorstellen. Auch ich nicht. Meine Erwartung war, dass die Bank ewig bestehen würde.

          Aber jetzt droht zumindest Teilen der Sammlung dasselbe Schicksal wie den beiden Werken von Andy Warhol, die der landeseigene Kasino-Betreiber Westspiel im November bei Christie’s in New York versteigern ließ.

          So bitter die Versteigerung der einst in Räumen des Aachener Spielkasinos prangenden Bilder und somit auch ihr ideeller Verlust für die Kunstszene unseres Landes Nordrhein-Westfalen gewesen ist – sie hat auch offenbart, was sonst noch alles möglich erscheint.

          Die Empörung in der Kunstszene ist groß, die Museumsdirektoren in Nordrhein-Westfalen sprechen in einem Brief an Ministerpräsidentin Hannelore Kraft von einer „kulturpolitischen Bankrotterklärung“.

          Die beiden sich feindlich gegenüberstehenden Parteien haben ihre Positionen markiert und bezogen. Sie liegen weit auseinander. Und dies auf verschiedenen Ebenen. Die Organe der Portigon vermögen nicht anders, als nach Gesetz und Satzung zu handeln, auch wenn ihr Vorstandsvorsitzender in einem Interview mit der „Rheinischen Post“ den Eindruck erweckt, er würde den Museen des Landes mit seinem Vorschlag, sie mögen die Bilder für einige Zeit in ihre Obhut nehmen, eine Wohltat erweisen.

          Ist es nicht gerade umgekehrt?

          Ja, allein schon die mit einem Stempelaufdruck des Museums besiegelte Verweildauer auf der Rückseite des Bildes garantiert der Eigentümerin, der Portigon, einen kräftigen Preiszuschlag. Entweder war dieser Vorschlag des Herrn Franzmeyer (des Vorstandsvorsitzenden der Portigon, Anm. der Red.) nicht koscher, oder aber, und dies sei ihm freundlichst nachgesehen, er kennt die Kunstszene nicht.

          Noch hat es kein Gespräch zwischen Gegnern und Befürwortern des Verkaufs gegeben. Am heutigen Donnerstag kommen sie erstmals zu dem von Kulturministerin Ute Schäfer einberufenen Runden Tisch zusammen.

          Zwischen den beiden Parteien herrscht eine unauflösbare Sprachverwirrung. Die Bewahrer reden in der Spirale des Ideellen, die anderen, die die Schätze zu Geld machen wollen, sprechen in Euro und Dollar. Ihre Sprachen sind nicht kompatibel.

          Sie brauchen einen Vermittler?

          Ein Runder Tisch hat bislang immer den Charme besessen, aus Kombattanten Gesprächspartner zu machen. Wenn eine solche Tagungsstätte, wie Kulturministerin Ute Schäfer sie anstrebt, wenigstens dies zum Erfolg hätte, würde sich seine Einrichtung lohnen.

          Wie würden Sie verfahren? Haben Sie einen Vorschlag?

          Eine generelle Lösung der Frage, was mit der jetzt von der Portigon gehorteten Kunst geschehen soll, erscheint mir nicht möglich. Erst wenn das Schicksal eines bestimmten Stücks – wie etwa der dem Westfälischen Landesmuseum zu Münster von der WestLB als Dauerleihgabe dargereichten Skulptur von Henry Moore – bestimmt werden soll, kann es ein ernsthaftes Gespräch hierüber geben. Vorstand und Aufsichtsrat können sich nur für eine bestmögliche Verwertung (wahrscheinlich in einer Auktion) verwenden. Erst die Gesellschafter der Portigon – das sind das Land, die in seinem Eigentum stehende NRW-Bank, der Bund und die Sparkassen- und Giroverbände Rheinland und Westfalen-Lippe – können gemeinsam dem Vorstand eine andere Weisung und ihm damit Entlastung erteilen.

          Sie plädieren für eine politische Entscheidung?

          Die Landesregierung ist in diesem Spiel die einzig Bestimmende. Ich denke, sie würde redlich und verantwortungsvoll handeln, wenn sie sich in jedem einzelnen Fall mit dem Gegenstand intensiv vertraut macht.

          Sollte also über jedes Werk gesondert und einzeln entschieden werden?

          Vielleicht stellt sich dann heraus, dass man die für den Rathaushof zu Münster von Eduardo Chillida geschmiedeten Bänke „eigentlich“ schenken wollte, dass dann aber bei der schenkenden Bank oder bei der beschenkten Stadt ein durchtriebener Steuerfuchs die maßgeblichen Personen seines Hauses auf die hierauf zu entrichtende Schenkungsteuer hinwies – und für ihre Umgehung die Leihgabe vorschlug. Dies wäre in der Tat ein Motiv, das schwerlich mit dem Gewicht der Gabe in Übereinstimmung zu bringen wäre.

          Die Fragen stellte Andreas Rossmann.

          Quelle: F.A.Z.

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