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Tate-Galerie in Cornwall : Begegnungen im atlantischen Licht

Eigentlich müsste man eher vom St-Ives-Effekt reden als vom Bilbao-Effekt: Denn bereits einige Jahre bevor das Guggenheim Museum der baskischen Industriestadt aus der Misere heraushalf, erlebte der cornische Fischerort durch sein Museum eine Aufwertung. Bild: Tate/Hufton+Crow

Schon William Turner und Walter Sickert haben hier gemalt: In St Ives an der Küste Cornwalls wurde der Erweiterungsbau für die Tate eröffnet – in aller Unscheinbarkeit spektakulär.

          Früher, als der Fang und die Bearbeitung von Sardinen eine der wichtigsten Einkommensquellen an der Küste von Cornwall waren, hielt der „huer“ von seiner Hütte hoch oben über dem Hafen von St Ives Aussicht nach den Fischsschwärmen. Sobald er sah, wie in der Ferne der dunkle Schatten durch das Wasser glitt, der den sich nähernden Sardinenschwarm ankündigte, rief er den unten wartenden Fischern durch seine lange Tröte „hevva“ zu – sie sind da! Mit in weißes Tuch gewickelten Ginstersträuchern wies er den Booten die Richtung. Nach gelungenem Fang trank die Stadt auf die Hauptprodukte der Region – auf „Fisch, Zinn und Kupfer“.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Eine rätselhafte Laune der Natur wollte es, dass die Schwärme um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert fernzubleiben begannen. Inwischen hat die Kombination aus Überfischung, Klimawandel und mangelnder Nachfrage der cornischen Sardinenindustrie ein Ende gesetzt. Wie die Konservenfabriken sind auch die Zinn- und Kupfergruben stillgelegt worden. Sie haben nur noch museale Funktion, als Zeugnisse althergebrachter Kultur des keltischen Menschenschlags am südwestlichsten Zipfel Englands, der seine Unabhängigkeit so wertschätzt. Cornwall ist jetzt weitgehend auf den Tourismus angewiesen. Zu den Hauptattraktionen der Grafschaft gehört die Tate St Ives, die 1993 eröffnete Zweigstelle des Londoner Museums. Die Tate betreut auch seit 1980 das einen kurzen Fußweg entfernte Atelier der Bildhauerin Barbara Hepworth, die bis zu ihrem Tod lange hier ansässig war. Die Tate St Ives verdankt ihre Existenz denn auch modernistischen Künstlern wie Hepworth und ihrem Mann Ben Nicholson, die – angezogen vom Licht, von der dramatischen Landschaft und von der Ferne zur Metropole – hier wirkten.

          Ein Ziel für Maler

          Der kleine Fischerort war schon im neunzehnten Jahrhundert ein Ziel für Maler, darunter William Turner und Walter Sickert. Mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz kamen auch die Ferienbesucher. Virginia Woolf verbrachte jeden Sommer glückliche Kindheitstage in einem Haus mit Blick auf den Godrevy-Leuchtturm, den sie in ihrem Roman „Zum Leuchtturm“ mit den Erinnerungen aus dieser Zeit in die Hebriden verlegte. Im zwanzigsten Jahrhundert rückten zunächst Nicholson, Hepworth und der nach England geflohene Naum Gabo, später dann, in den fünfziger Jahren, die Gruppe der Abstrakten Expressionisten um Peter Lanyon, Patrick Heron und Roger Hilton StIves ins Blickfeld der internationalen Kunstwelt. Diese Aufmerksamkeit ist der Stadt mit ihren 10.000 Einwohnern nicht immer recht gewesen. So produktiv sich die Spannung zwischen dem Lokalen und dem Kosmopolitischen auf das Werk der Künstler auswirkte, weckte sie auch Ressentiments, die das Verhältnis zur Tate lange Zeit getrübt haben.

          Eigentlich müsste man eher vom St-Ives-Effekt reden als vom Bilbao-Effekt: Denn bereits einige Jahre bevor das Guggenheim Museum der baskischen Industriestadt aus der Misere heraushalf, erlebte der cornische Fischerort durch sein Museum eine Aufwertung. Die an die Felswand gebaute Tate trägt mit rund 250.000 Besuchern im Jahr – mehr als das Dreifache der ursprünglich veranschlagten Anzahl – elf Millionen Pfund zur Wirtschaft Cornwalls bei. Doch zeigten sich die Bewohner alles andere als begeistert, als zu Beginn der neunziger Jahre Pläne reiften für eine Galerie, um die künstlerische Hinterlassenschaft zur Schau zu stellen. Damals mussten sich die Befürworter des Projekts gegen jene Kräfte in der Gemeinde durchsetzen, die sich stattdessen ein Schwimmbecken oder mehr Wohnungen auf dem Gelände des an den Strand angrenzenden Gaswerks wünschten. Die Anlage war 1835 errichtet worden, um StIves mit Straßenbeleuchtung zu versorgen, hatte aber längst ausgedient. An ihre Stelle trat nach Jahren des Verfalls die postmoderne Tate St Ives von den Architekten Evans und Shalev, deren an ein Strandcasino aus den dreißiger Jahren erinnernde Eingangsrotunde die Konturen des alten Gasbehälters zitiert.

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