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Malerin Carmen Herrera : Die Freiheit der Ignoranz

Weniger ist immer mehr: Carmen Herrera mit zwei ihrer Bilder. Mehrere Serien hat sie den Farben Grün und Weiß gewidmet. Bild: Foto Jason Schmidt / © Carmen Herrera; Courtesy Lisson Gallery

Carmen Herrera malt jeden Tag – auch im Alter von hundertundeinem Jahr. Ein Besuch bei der Künstlerin, die seit den späten dreißiger Jahren malt, aber erst seit einigen Jahren die öffentliche Anerkennung erfährt, die sie verdient.

          Die Treppe in den zweiten Stock des schmalen Hauses neben dem Gramercy Park Animal Hospital, einen Straßenblock vom Union Square entfernt, ist schmal und steil und schwarz gestrichen. Bestens geeignet für Kinder und Katzen und andere Tiere, die behende sind, nachts für Menschen mit unlauteren Absichten.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Am Ende dieser schwarzen Treppe direkt unter dem Dach wohnt Carmen Herrera, und das seit mehr als sechzig Jahren. Jahrzehntelang funktionierte der Aufzug. Seit sie berühmt ist, nicht mehr. Carmen Herrera, die Künstlerin aus Kuba, die im Alter von fast neunzig Jahren ihr erstes Bild verkaufte, thront in ihrer Wohnung dort oben wie eine Königin ohne Reich, die nicht mehr hinabsteigt in den Alltag des Rests der Welt. Aber sie freut sich, wenn von dort unten jemand zu ihr hinaufklettert und etwas mitbringt. Blaubeeren zum Beispiel. Und sie schickt zur Begrüßung ein wenig Licht herunter. Auf dem Treppenabsatz neben der Wohnungstür unter dem Oberlicht hängt ein mannshoher Spiegel wie ein Portal aus dem Dunkel ins Licht.

          Eigentlich hat ihr Vermieter den Aufzug blockiert, um sie wegzuekeln. Carmen Herrera lebt zur Miete dort, unkündbar, unverjagbar, wenn sie durchhält. Das Wegekeln hat allerdings nicht geklappt. Stattdessen haben die beiden, der Vermieter und die Künstlerin, eine Vereinbarung getroffen. Carmen Herreras Gäste, die immer mehr wurden in den vergangenen Jahren, müssen Treppen steigen. Aber der Vermieter schließt den Aufzug auf, wenn sie selbst das Haus verlassen will. Zum Beispiel am 14. September zur abendlichen Vorabfeier der Retrospektive, die das Whitney Museum ihrer Arbeit widmen wird und die zwei Tage später dann eröffnet. „Lines of Sight“ hat das Museum die Schau mit Arbeiten von Carmen Herrera aus den Jahren 1948 bis 1978 genannt, die teilweise großformatige Bilder, freistehende Estructuras und Arbeiten auf Papier umfasst. Es ist die erste Museumsausstellung ihrer Arbeit in New York seit fast zwanzig Jahren.

          Carmen Herrera gehörte nicht dazu

          Nicht, dass sie vor zwanzig Jahren und davor ununterbrochen in New York oder sonst irgendwo ausgestellt hätte. Die Öffentlichkeit nahm von ihr nur sporadisch Notiz, und das meistens in Europa: 1951 war sie Teil des „Salon des réalités nouvelles“ in Paris, aber 1958 nicht Teil von „The New American Painting“ im New Yorker MoMA. Dabei hingen dort Bilder, die den ihren nicht ganz unähnlich waren, von Barnett Newman etwa, einem engen Freund, oder Mark Rothko, die wie sie mit Farbfeldmalerei experimentierten. Damals schaffte es nur eine einzige Frau, nämlich Garce Hartigan, in diese Ausstellung der heftig trinkenden Männer mit den großen Malgesten, die um die Welt tourte und den Amerikanischen Expressionismus bekannt machte und kanonisierte, wer dazugehörte.

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