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Ernst Ludwig Kirchner Die Wiedergeburt der Dodo

07.12.2009 ·  In der Restaurierungswerkstatt kommt ein vergessenes Meisterwerk Ernst Ludwig Kirchners wieder ans Licht. Was mag den Maler 1922 bewogen haben, das Porträt seiner früheren Geliebten zu verbergen?

Von Rose-Maria Gropp
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Das ist eine kleine Weltpremiere: Denn dieses Gemälde ist in dem genau einen Jahrhundert, seit es existiert, noch nie in Farbe abgebildet worden. Die einzige bekannte Reproduktion war eine kleine Schwarzweißaufnahme in Donald E. Gordons 1968 erschienenem Werkverzeichnis zu Ernst Ludwig Kirchner. Dort firmiert das Bild, auf dem Foto in der Mitte vertikal von einem Strebholz des Spannrahmens geteilt, als die Rückseite eines anderen seiner Werke, nämlich der „Nackten Frau am Fenster“ aus den Jahren 1922/23, die seit 1950 dem Frankfurter Städel-Museum gehört.

Erst jetzt hat Felix Krämer, der Leiter der Abteilung für das neunzehnte Jahrhundert und die Klassische Moderne, dieses umwerfende Zeugnis von Kirchners frühem Schaffen wieder ans Licht der Welt gebracht. Denn als Kurator der großen Retrospektive des Künstlers, die das Städel vom 23. April 2010 an zeigen wird, hat Krämer die Bestände des Museums gründlich gesichtet - eben nicht nur die sogenannten Recto-, also die Schau-Seiten der Leinwände.

Porträts seiner Dodo als Markenzeichen

In den Depots der Museen haben die Gemälde einen Rückseitenschutz; um die empfindlichen Leinwände gegen Schwingungen oder Verschmutzungen zu schützen, bekommen sie von hinten eine Platte aus Holz appliziert. Zur Vorbereitung der Ausstellung wurden diese Platten entfernt. So bekam Krämer die „Liegende Frau im weißen Hemd“ zu Gesicht, die mehr als achtzig Jahre lang als Verso-Seite jenes spröden späteren Akts aufgespannt war, der die meiste Zeit im Lager blieb. Ihre visuelle Präsenz, so sagt er, war ausschlaggebend für die Entscheidung, sie der Öffentlichkeit erstmals zu zeigen.

Es ist ein Bildnis von Dodo, Kirchners Gefährtin in den Dresdner Jahren bis 1911, das er wohl 1909 malte. Es sind - auch - Dodos Porträts, die Kirchner zum Heros des deutschen Expressionismus aufsteigen ließen, zum Kunststar der Museen weltweit. Man braucht nur an den prächtigen stehenden Akt mit schwarzem Hut zu denken, der wie ein Markenzeichen die Besucher des Städels begrüßt; das ist Dodo. Und nun also diese andere Dodo, die noch niemals ausgestellt war: Sie räkelt sich auf einer roten Decke mit aufgestütztem rechten Arm und angezogenen Beinen, in Unterkleid und schwarzen Strümpfen, nicht gerade aufreizend, aber auch nicht züchtig, die Hand mit den krallenartigen roten Fingernägeln an ihrem Oberschenkel.

Kirchners Varianten der Verwerfung

Keiner, der Kirchners Oeuvre kennt, wird widersprechen, wenn man dieses Bild einen bisher unbekannten Höhepunkt seiner Kunst nennt. Warum aber hat es der Maler, dreizehn Jahre nach seiner Entstehung, als Rückseite hergenommen, an den Rändern dafür lieblos an einen Keilrahmen genagelt? Hat er die frühere Arbeit damit verworfen? Darüber lässt sich bis heute - nicht nur, aber besonders in diesem Fall - bloß spekulieren. Denn Kirchner hat vielfach frühere Bilder benutzt, um auf der anderen Seite der Leinwände neue zu malen, kurze oder längere Zeit später.

Es ist eine der zentralen Fragen der Kirchner-Forschung, ob diesen Verwerfungen des Künstlers Folge zu leisten sei oder die Nachwelt das Recht hat, manche der so verschwundenen als die eigentlichen Werke zu bewerten und auch museal zu präsentieren. Dabei gibt es vier verschiedene Arten von Verwerfungen: Die Rückseite kann rücksichtslos mit einer Signatur überschrieben sein.

Sie kann sogar gänzlich ausgelöscht sein durch rabiate Übermalung mit Farbe; dann wird sie ein Geheimnis bleiben, weil die Entfernung der Farbe die Vorderseite angreifen, gar zerstören könnte - auch ein solches Beispiel steht bei Stephan Knobloch, dem Restaurator des Städels, gerade im Atelier. Am leichtesten zu beurteilen ist die dritte Variante, bei der sich „verso“ schlicht ein unfertiges Werk befindet. Und dann gibt es jene ganz rare Version, bei der Kirchner das rückseitige Gemälde, ohne ihm einen Tort anzutun, gewissermaßen gleichberechtigt bestehen ließ.

Vier Monate Vollzeitbeschäftigung

Zurzeit liegt Dodo im weißen Hemd auf dem Arbeitstisch des Restaurators. Sie sieht zwar erstaunlich frisch aus, aber hat doch auch gelitten in den neun Jahrzehnten Schattenexistenz. Die Maße von Vorder- und Rückseite sind nämlich nicht genau identisch, weshalb Knobloch der verletzten ausgefransten Leinwand in minutiöser Arbeit neue Leinenränder applizieren muss. Dafür gibt es einen speziellen thermoplastischen Kunstwachsfilm. Hinzu kommen die Knicke und Nagellöcher vom alten Rahmen, der wie ein stummer Zeuge in der Werkstatt auf einem Regal an der Wand lehnt.

Unter einer Starklichtlampe und dem Mikroskop müssen in diese Schadstellen einzelne Leinenfäden eingeführt und verschweißt werden. Sonst könnte die empfindliche hundertjährige Leinwand bei ihrer Neuaufspannung von dort her einreißen. Mindestens vier Monate Vollzeitbeschäftigung wird es Knobloch kosten, die Dodo für ihren Erstauftritt herzurichten. Er wird sie nicht restaurieren, sondern lediglich Retuschen vornehmen, konservatorische Maßnahmen, die in allen Einzelheiten dokumentiert werden. Endlich bedarf es eines Rahmens mit spezieller Schraubkonstruktion für die neue Doppelansicht beider Bilder; seine Leisten liegen bereit.

Die doppelseitige Rahmung als Ausweg

Was nun die Spekulationen angeht, gibt es jedenfalls schon eine bemerkenswerte Entdeckung: Das Porträt ist in der rechten oberen Ecke, die seit Jahrzehnten über den alten Rahmen gezerrt war, mit „ELKirchner“ bezeichnet. Gordon hat noch die „Nackte Frau am Fenster“ als „rückseitig signiert“ erfasst. Aber es ist unbestreitbar, dass die Signatur Dodos Bildnis galt - noch ein Rätsel also: Woher hat Gordon die Signatur überhaupt gekannt? Und dann: Die Spuren der Leinwand verraten, dass Kirchner auch mit diesem Gemälde, aufgerollt und geknickt, wie er es vielfach tat, gereist sein muss, endlich 1917 nach Davos.

Ob er die einstige Dresdner Geliebte nicht vollends verwerfen wollte? Auch nicht zugunsten seines radikal veränderten Malstils, der ihm so wichtig war? Oder nicht ganz zugunsten der Frau, die er nach seinem Umzug nach Berlin im Jahr 1911 fand, Erna Schilling nämlich, die mit ihm in die Schweiz ging und die er wahrscheinlich (wenn es nicht die Tänzerin Nina Hard war) auf der bisherigen Vorderseite gemalt hat? Wer kann es wissen, es gibt keine Zeugnisse. Es gibt bloß diese herrliche Rückseite aus der hohen Zeit der „Brücke“.

Andere Museen präsentieren bereits Kirchner-Leinwände in doppelseitiger Rahmung, Hamburg oder München zum Beispiel. Frankfurt hat das bisher nicht getan. Dabei liegt hier, nach dem Kirchner-Museum in Davos, der umfangreichste Kirchner-Bestand: sechzehn Gemälde (darunter einige Dauerleihgaben), zwei der seltenen Skulpturen und mehr als fünfhundert Arbeiten auf Papier. Im Jahr 1919 war das Städel das erste Museum überhaupt, das ein Werk des Malers erworben hat. Die kommende Retrospektive, die erste umfassende in Deutschland seit dreißig Jahren, wird mehr als hundertsiebzig Arbeiten aufbieten. Die entborgene Dodo wird da Furore machen. Vorerst schaut sie noch, als gehe sie das alles nichts an. Im Frühling wird die Welt sie auf ihrem Diwan betrachten.

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