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Erika-Fuchs-Haus eröffnet : Gesucht wird ein Volk von Museumsbesuchern

Ein onomatopoetisches Kabinett: In Schwarzenbach an der Saale eröffnet an diesem Samstag das Erika-Fuchs-Haus, das erste Museum zu Ehren einer Übersetzerin. Berühmt wurde sie durch ihre Texte der Donald-Duck-Geschichten.

          Im Entenhausener Völkerkundemuseum steht um die Ecke von einem Original-Wikingerschiff ein ausgestopftes Rindviech aus der Vorgeschichte. Als Erika Fuchs 1954 die Geschichte von Donald Duck und dem Goldenen Helm ins Deutsche übertrug, wurde aus der „Prehistoric Cow“ von Carl Barks das „Ur-Rind“. Ein Beispiel für die pointierende Kunst der Übersetzerin. Die Übersetzung ist nicht wörtlich in dem Sinne, wie man es in einem eingedeutschten Roman von Hemingway erwarten dürfte, einem Roman nur aus Text, aber sie ist wörtlich genug. Frau Fuchs spitzt den Witz zu, der in der Verbindung von Text und Bild besteht, hier von museumstypischer Legende und Museumsobjekt.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in München und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Die literarischen Anspielungen in Zitatform, für die sie berühmt ist, sind ein Spezialfall der Assoziationen, die sie mit ihren tüfteligen Bemühungen um das bessere Wort hervorrufen will. Mit dem „Ur-Rind“ trifft sie den Ortsgeist des Museumssaals. Im Museum erwartet man, zu den Ursprüngen geführt zu werden. Museumsobjekte sind Unikate, und nichts ist so einmalig wie das älteste Fundstück. Urkomisch ist das Rind, weil Barks ihm einen verstörten Gesichtsausdruck verpasst hat, als hätte es die gesamte Zivilisationsgeschichte schon miterlebt.

          Wie stellt man Sprachkunst aus?

          Charakteristisch für das Museumserlebnis ist serendipity. Man trifft auf Gegenstände, die man nicht erwartet hat, in Zusammenhängen, die man nicht vermutete. In der Stadt Schwarzenbach an der Saale öffnet am heutigen Samstag das Erika-Fuchs-Haus, ausgewiesen als Museum für Comic und Sprachkunst. Erika Fuchs, die an der Ostsee aufwuchs, in Belgard an der Persante, zog 1933 nach Schwarzenbach, wo ihr Mann, der Ingenieur Günter Fuchs, Direktor einer Ofenfabrik war. In Schwarzenbach entstanden ihre Übersetzungen der Disney-Comics, da sie als Chefredakteurin der „Micky Maus“ keine Residenzpflicht am Verlagssitz in Stuttgart hatte. Das Erika-Fuchs-Haus will Deutschlands erstes Comic-Museum sein. Im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover finden zwar regelmäßig Comic-Ausstellungen statt, aber die Sammelgebiete des Museums sind Karikatur im Besonderen und Zeichenkunst im Allgemeinen. Dass ein Übersetzungswerk den Anlass einer Museumsgründung bildet, ist weltweit einmalig, vielleicht jenseits der Comicsphäre auch für Literaturmuseen überhaupt.

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          Gleichrangig mit dem Comic will man in Schwarzenbach die Sprachkunst präsentieren. Aber wie stellt man die aus? Filme auf Monitoren dokumentieren die Arbeitsweise von Frau Fuchs, illustrieren lustig, bunt und spannend die vielfältigen Schwierigkeiten, die das topische Material der amerikanischen Vorlagen machte, die Überfülle lokaler Bezüge und nationalcharakteristischer Gags. In Auszügen aus Fernsehinterviews kommt Frau Fuchs selbst zu Wort. Warum die zoologische Hinführung zur Ausrufung des Menschen zum Schrecklichsten der Schrecken in Schillers „Lied von der Glocke“ seltsam wirkt, sobald man über den Wortlaut nachgrübelt, erläutert Erika Fuchs in der Manier von Robert Gernhardt: „Verderblich ist des Tigers Zahn“ bringt nach der auch schon trivialen Warnung vor dem schlafenden Löwen nichts Neues mehr, aber die naseweise Leserin auf komische Gedanken.

          Ein onomatopoetisches Kabinett

          Nun könnte man sich eine Erika-Fuchs-Filmcollage auch zu Hause ansehen. Dafür geht man nicht ins Museum. Was unterscheidet die Sprachkunst vom Ur-Rind? Das Museumsrind gibt trotz prallen Euters keine Milch mehr. Die Sprache dagegen wird nur Kunst, solange sie lebendig bleibt. In den Sprachen der Völker berührt uns laut Wilhelm von Humboldt „ein Hauch der Menschheit aus dunkler, unbekannter Zeit her“. Die Sprache ist dem Wind verwandt, und das Erika-Fuchs-Haus ist kraft der Logik seiner Sache, was jedes neugegründete Museum heute sein muss: eine Windmaschine.

          Für das Ausstellungsdesign zeichnet die Berliner Firma m.o.l.i.t.o.r. verantwortlich. Der museumsgestalterische Ehrgeiz floss in die Stationen des Rundgangs, die den Besucher nach der Unterrichtung über die Methoden von Frau Fuchs einladen, als kühner Kenner ihrer Kniffe mit ihr in Konkurrenz zu treten. Die Designer erweisen Erika Fuchs sozusagen im Geist ihres Mannes die Ehre. Man tritt ein in ein onomatopoetisches Kabinett: Zu einem Comicbild ohne Text soll man sich eine lautmalerische Umschreibung einfallen lassen, die in Großbuchstaben auf die Zeichnung geklatscht werden kann, als Legende im Bild. Die Verdunkelung des Kabinetts und der rote Knopf, mit dem man die Aufzeichnung des Einfalls auslöst, dramatisieren den Übersetzeralltag: Man fühlt sich weniger wie Dr. Liebig kurz vor der Erfindung der künstlichen Fleischbrühe als wie der Präsident der Volksrepublik Brutopien bei der Herbeiführung des Atomknalls.

          Ran an Stabreime und Wortgenerator

          An anderer Stelle gilt es eine Sprechblase mit dem Filzstift zu füllen, und zwar nach dem von Erika Fuchs liebend gern befolgten Gesetz der alliterierenden Phrasenbildung. Man wirft einen Buchstabenwürfel auf den Boden, und je nachdem, ob etwa ein M oder ein T oben zu liegen kommt, kann man Donald Duck bei der Abkanzlung des Nachbarhundes einen „mickrigen Mischling“ in den Schnabel legen oder eine „törichte Töle“. Der Stabreim ist ein Verfahren für die Erzeugung von Urworten, wenn wir Humboldt Glauben schenken. Er meinte nachweisen zu können, dass Gegenstände, die „ähnliche Eindrücke“ hervorbringen, durch „Wörter mit vorherrschend gleichen Lauten“ bezeichnet werden. Bei „wehen“, „Wind“, „Wolke“, „wirr“ und „Wunsch“ höre man schon beim Öffnen der Lippen „die schwankende, unruhige, vor den Sinnen undeutlich durcheinandergehende Bewegung“. Ein Geheimnis der Sprachkunst: Man spürt, wohin der Wind weht.

          Den Pastinakenpudding, den eine Harpyie in Kolchis Dagobert Duck vorsetzt, empfahl in den Ohren von Erika Fuchs zweifellos der doppelte harte Verschlusslaut: Der Testesser musste, um in den Wortschatz von Jürgen Dollase zu greifen, auf eine Explosion im Mundraum gefasst sein. Aber auch der stärkste Stabreim ist nie das letzte Wort. Ein „Wortgenerator“ steht bereit für die Produktion von Neologismen, die es so nur im Deutschen gibt. Der Name der Maschine ist selbst ein solches Wort, nämlich ein zusammengesetztes. Wer keinen Pastinakenpudding mag, sollte sich im Pastinakenweitwurf versuchen, sonst droht der Pastinakenkoller. Zur Anregung der Verdauung empfiehlt sich der Pastinakentango. Tanzt, Kinder, tanzt, der Tag ist lang, den man vor diesem zweirädrigen Banditen zubringen kann.

          Eine Biographie als begehbarer Comic

          So bringt der Besucher des Erika-Fuchs-Hauses selbst die überraschenden Begegnungen hervor, die den Reiz der klassischen Museumserfahrung ausmachen. Man erkennt, dass die absichtsvoll herbeigeführte serendipity das Prinzip der Übersetzungsarbeit von Erika Fuchs war. Ihre Comicgeschichten sind ein Museum der deutschen Umgangs- und Literatursprache. Allerdings musste die Kombinatorik beiläufig bleiben, wenn die Geschichte nicht in Sprachwitzeleien auseinanderfallen sollte. Der unnachahmlich lakonische Ton, den Erika Fuchs auch in Interviews anschlug, war vom Werk her betrachtet eine Notwendigkeit des narrativen Zusammenhangs. Anders gesagt: Person und Aufgabe kamen glücklich zusammen.

          Dass Erika Fuchs nie Comics gelesen hatte, als ihr die Aufgabe angetragen wurde, ist der Kern der Künstlerlegende, die sich schon zu ihren Lebzeiten um sie bildete. Der Comiczeichner Simon Schwartz hat diese Legende im Auftrag des Museums ins Bild gesetzt und mit genialen Einfällen angereichert. So nimmt er die Bestimmung der Übersetzerin vorweg, indem er geflügelte Worte aus ihrem Werk schon in die Kindheitsgeschichte einschmuggelt: Sie glaubt nicht an ihre Sendung, aber sie wird sie erfüllen. Alles, was der Besucher über das Leben von Erika Fuchs erfährt, erfährt er aus der von Schwartz gezeichneten Biographie, die als begehbarer Comic, als leuchtende spanische Wand einen eigenen Raum füllt. Das ist in einem Museum für Comic eine ungemein konsequente Grundentscheidung. Sie knüpft an die goldene Zeit der Museen im neunzehnten Jahrhundert an, als die bei berühmten Meistern didaktische Wandgemälde bestellten.

          Comic und Sprachkunst als Kosmos der Reproduktion

          Das Erika-Fuchs-Haus ist ein Neubau, errichtet nach den Plänen des Karlsruher Architekten Dominik Burkhard. Im Comic von Schwartz sieht man beflaggt das örtliche Braune Haus, die Parteizentrale der NSDAP, die an der Stelle des Museums stand. Die ironische Verwendung des NS-Jargons bei Erika Fuchs ist Musealisierung im Sinne von Bazon Brock: Unschädlichmachung durch öffentliche Konservierung. Einer Wechselausstellung zu diesem Thema stünden nach Auskunft der Stadt die Absprachen mit dem Ehapa-Verlag nicht im Weg. Schwartz tritt in seiner eigenen Geschichte auf, als Diskutant einer Talkshow im Schwarzweißfernsehen, in der Erika Fuchs den Vorwurf zurückweist, Comics seien Schund. Die Pointe: Als Schwartz seine Meinung äußert, Walt Disney sei ein großer Künstler, stimmt Erika Fuchs ins Gelächter der Zensoren ein, die Gesichter von Schurken aus den Barks-Comics tragen.

          Diesen Standpunkt von Erika Fuchs kann das Erika-Fuchs-Haus nicht übernehmen. Für die künftige Museumsarbeit zeichnet sich eine Frage ab. Die Gründungsdirektorin Alexandra Hentschel legt Wert auf die Feststellung, dass sie kein „Museum im herkömmlichen Sinne“ konzipiert hat, in dem man „von einer Vitrine zur anderen geht, um die Aura der Originale zu bewundern“. Im Hauptsaal zum Übersetzungshandwerk steht eine einzige Vitrine: fotokopierte Comicseiten, Typoskriptblätter, die Schreibmaschine von Frau Fuchs. Das in Entenhausen sogar vom Museumsdiener ausgesprochene Berührungsverbot muss nicht ausgesprochen werden: Das liebevoll nachgebaute Entenhausen soll man betreten, und die Geistesblitze und Mutterwitze von Erika Fuchs sind durch spielerisches Nachbilden nicht kaputtzukriegen. Das Museum fasst Comic und Sprachkunst als Kosmos der Reproduktion auf. Aber es gäbe Originale, um die man sich bemühen könnte. Das Comiczeichnen fängt nun einmal mit Stift und Papier an, und es treibt den Purismus zu weit, dass kein einziges Micky-Maus-Heft ausliegt.

          Der Parcours ist graphisch perfekt durchgestaltet, so dass die Besucher den beflügelten Vorwärtsdrang von Comichelden entwickeln. Aber wenn sie wiederkommen sollen, müssen sie Entdeckungen machen können, an die die grundgütigen Ausstellungsdesigner noch nicht gedacht haben. Fünf Millionen Euro hat der Bau gekostet. Die kleine Stadt Schwarzenbach hat Großes geleistet und sollte wie der kleine Herr Duck den Mut haben, noch Größeres zu wollen: Das Museum sollte sammeln. Mit dem letzten Ausstellungsraum, Variationen von Zeichnern wie Ralf König, Ulli Lust und Flix über Zitate von Erika Fuchs, ist ein glänzender Anfang gemacht. Und noch sind die Originale der wichtigsten deutschen Comiczeichner so billig, dass sie auf keine Liste des nationalen Kulturguts gelangen könnten.

          Quelle: F.A.Z.

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