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Aktualisiert: 01.08.2015, 23:16 Uhr

Erika-Fuchs-Haus eröffnet Gesucht wird ein Volk von Museumsbesuchern

Ein onomatopoetisches Kabinett: In Schwarzenbach an der Saale eröffnet an diesem Samstag das Erika-Fuchs-Haus, das erste Museum zu Ehren einer Übersetzerin. Berühmt wurde sie durch ihre Texte der Donald-Duck-Geschichten.

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Im Entenhausener Völkerkundemuseum steht um die Ecke von einem Original-Wikingerschiff ein ausgestopftes Rindviech aus der Vorgeschichte. Als Erika Fuchs 1954 die Geschichte von Donald Duck und dem Goldenen Helm ins Deutsche übertrug, wurde aus der „Prehistoric Cow“ von Carl Barks das „Ur-Rind“. Ein Beispiel für die pointierende Kunst der Übersetzerin. Die Übersetzung ist nicht wörtlich in dem Sinne, wie man es in einem eingedeutschten Roman von Hemingway erwarten dürfte, einem Roman nur aus Text, aber sie ist wörtlich genug. Frau Fuchs spitzt den Witz zu, der in der Verbindung von Text und Bild besteht, hier von museumstypischer Legende und Museumsobjekt.

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Die literarischen Anspielungen in Zitatform, für die sie berühmt ist, sind ein Spezialfall der Assoziationen, die sie mit ihren tüfteligen Bemühungen um das bessere Wort hervorrufen will. Mit dem „Ur-Rind“ trifft sie den Ortsgeist des Museumssaals. Im Museum erwartet man, zu den Ursprüngen geführt zu werden. Museumsobjekte sind Unikate, und nichts ist so einmalig wie das älteste Fundstück. Urkomisch ist das Rind, weil Barks ihm einen verstörten Gesichtsausdruck verpasst hat, als hätte es die gesamte Zivilisationsgeschichte schon miterlebt.

Wie stellt man Sprachkunst aus?

Charakteristisch für das Museumserlebnis ist serendipity. Man trifft auf Gegenstände, die man nicht erwartet hat, in Zusammenhängen, die man nicht vermutete. In der Stadt Schwarzenbach an der Saale öffnet am heutigen Samstag das Erika-Fuchs-Haus, ausgewiesen als Museum für Comic und Sprachkunst. Erika Fuchs, die an der Ostsee aufwuchs, in Belgard an der Persante, zog 1933 nach Schwarzenbach, wo ihr Mann, der Ingenieur Günter Fuchs, Direktor einer Ofenfabrik war. In Schwarzenbach entstanden ihre Übersetzungen der Disney-Comics, da sie als Chefredakteurin der „Micky Maus“ keine Residenzpflicht am Verlagssitz in Stuttgart hatte. Das Erika-Fuchs-Haus will Deutschlands erstes Comic-Museum sein. Im Wilhelm-Busch-Museum in Hannover finden zwar regelmäßig Comic-Ausstellungen statt, aber die Sammelgebiete des Museums sind Karikatur im Besonderen und Zeichenkunst im Allgemeinen. Dass ein Übersetzungswerk den Anlass einer Museumsgründung bildet, ist weltweit einmalig, vielleicht jenseits der Comicsphäre auch für Literaturmuseen überhaupt.

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Gleichrangig mit dem Comic will man in Schwarzenbach die Sprachkunst präsentieren. Aber wie stellt man die aus? Filme auf Monitoren dokumentieren die Arbeitsweise von Frau Fuchs, illustrieren lustig, bunt und spannend die vielfältigen Schwierigkeiten, die das topische Material der amerikanischen Vorlagen machte, die Überfülle lokaler Bezüge und nationalcharakteristischer Gags. In Auszügen aus Fernsehinterviews kommt Frau Fuchs selbst zu Wort. Warum die zoologische Hinführung zur Ausrufung des Menschen zum Schrecklichsten der Schrecken in Schillers „Lied von der Glocke“ seltsam wirkt, sobald man über den Wortlaut nachgrübelt, erläutert Erika Fuchs in der Manier von Robert Gernhardt: „Verderblich ist des Tigers Zahn“ bringt nach der auch schon trivialen Warnung vor dem schlafenden Löwen nichts Neues mehr, aber die naseweise Leserin auf komische Gedanken.

Ein onomatopoetisches Kabinett

Nun könnte man sich eine Erika-Fuchs-Filmcollage auch zu Hause ansehen. Dafür geht man nicht ins Museum. Was unterscheidet die Sprachkunst vom Ur-Rind? Das Museumsrind gibt trotz prallen Euters keine Milch mehr. Die Sprache dagegen wird nur Kunst, solange sie lebendig bleibt. In den Sprachen der Völker berührt uns laut Wilhelm von Humboldt „ein Hauch der Menschheit aus dunkler, unbekannter Zeit her“. Die Sprache ist dem Wind verwandt, und das Erika-Fuchs-Haus ist kraft der Logik seiner Sache, was jedes neugegründete Museum heute sein muss: eine Windmaschine.

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