Das größte Museum Rußlands kämpft um seine Reputation. Nachdem eine Inventur in der Petersburger Eremitage festgestellt hat, daß 221 Werke der Juwelierskunst, vor allem kirchlicher Herkunft, verschwunden sind, höchstwahrscheinlich unter Beihilfe der sie betreuenden Kuratoren, hat die Behörde für Kulturgüteraufsicht beim russischen Kulturministerium eine Totalüberprüfung der Bestände des Hauses eingeleitet.
Der Verband der russischen Museen berief zudem für den 14. August eine Sondersitzung ein, die sich dem Petersburger Museumsdiebstahl widmen soll. Das Innenministerium leitet eine Liste der vermißten Kostbarkeiten an Interpol weiter. Unterdessen haben sich die Fahnder davon überzeugt, daß die Schmuckstücke - überwiegend aus Silber mit Emaileinlage - im Verlauf der vergangenen dreißig Jahre entwendet wurden. Das heißt, daß die meisten Werke schon mehrfach den Besitzer gewechselt haben können.
Maulkorb für die Mitarbeiter
Eremitage-Direktor Michail Piotrowski verglich die Affäre mit einem „Dolchstoß in den Rücken". Sobald der Diebstahl aufflog, versammelte Piotrowski die Belegschaft, wie von Museumsmitarbeitern zu erfahren ist, und verbot ihr jeglichen Kontakt mit der Presse. In der Presseabteilung des Hauses beruft man sich auf das Ermittlungsgeheimnis. Da die Werke nicht ausgestellt waren, sondern im Magazin lagerten, waren sie auch nicht versichert, erklärte Piotrowski. Den Wert der verschwundenen Schätze beziffert der Direktor mittlerweile auf fünf Millionen Dollar. Ein großer Teil der vermißten Stücke war vor sechs Jahren in „Sinai, Byzanz, altes Rußland", einer Ausstellung über christliche Kunst, zu sehen, sagt Piotrowski. Diese immerhin müßten dann in jüngster Zeit gestohlen worden sein.
Der Herrscher über den glanzvollsten Kunsttempel des Landes fürchtet nun mit Recht um die Unabhängigkeit seiner Institution. Von den verschwundenen 221 Objekten war nur die Hälfte überhaupt beschrieben, und von den wenigsten existierten Fotos, wettert Anatoli Wilkow, stellvertretender Leiter der Kulturgüteraufsicht. Leider würden russische Museen immer wieder von den eigenen Mitarbeitern bestohlen, erklärt er und nennt als frische Beispiele das Moskauer Historische Museum, die Petersburger Peter-und-Pauls-Festung und das Kunstmuseum von Astrachan.
Im Zweifel gegen den Angeklagten
Die Museumsdirektoren, absorbiert von der Organisation prächtiger Kunstschauen, neigten dazu, ihre haushälterischen Pflichten zu vernachlässigen, klagt der stellvertretende Kulturgüterwächter. Um den Ruf des Hauses zu wahren, würden überführte Kuratoren meist in aller Stille entlassen, und manchmal nicht einmal das.
Die Marktwirtschaft nagt am Berufsbild vom Museumskurator als selbstlosem Kunsthüter. In der guten alten Zeit galt gegenüber Mitarbeitern eine prinzipielle Unschuldsvermutung, erklärt Piotrowski. Die müsse man wohl leider aufgeben. Die Menschen hätten sich geändert, Geld spiele eine immer wichtigere Rolle, sagt der Direktor, dessen fürstlicher Habitus die eigenen Worte aufs beste illustriert.
Überraschend verstorben
Die Eremitage, die rund drei Millionen Kunstwerke beherbergt, hat erst unlängst damit begonnen, einen elektronischen Bestandskatalog aufzubauen. Von den gestohlenen Objekten war aber nur eine kleine Zahl erfaßt. Gerade in der Abteilung für russisches Kunstgewerbe inventarisierten die Eremitage-Mitarbeiter ihre Bestände regelmäßig nach bloßen Beschreibungslisten, teilt der Kunstsammler Andrej Chotschinski mit. Das mache es leicht, Originale durch Kopien zu ersetzen, die von Fachrestauratoren in den Eremitage-Werkstätten selbst hergestellt würden.
Die verschollenen Kunstgewerbestücke umfassen vergoldete oder versilberte Ikonen, Ikonenbeschläge, Kirchenleuchter sowie dekorative Gefäße, Broschen, eine Uhr, ein Zigarrenetui - fast alle emailverziert. Die meisten Gegenstände entstammten dem achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert, als die russische Emailtechnik ihre Blüte erlebte. Es waren aber auch Objekte des fünfzehnten Jahrhunderts darunter. Die Chefkuratorin der russischen Abteilung war zu Beginn jener Überprüfung, die jetzt die Diebstähle dokumentiert hat, überraschend verstorben. Deswegen biete es sich für alle Beteiligten nun geradezu an, sagen Museumsleute im informellen Gespräch, die Verluste der Toten anzulasten.