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Entdecker der Panofsky-Schrift im Gespräch „Die jüngsten Funde haben unser Wissen bereichert“

Der Kunsthistoriker Stephan Klingen stieß überraschend auf Panofskys Manuskript. Eine Theorie, wie es in den Keller des Münchner Instituts geriet und warum es dort so lange lag, hat er auch.

© ZI für Kunstgeschichte Vergrößern Bei der Lektüre seiner Entdeckung: Stephan Klingen liest Panofsky

Im Keller Ihres Instituts stehen Panzerschränke der NSDAP?

Das Zentralinstitut für Kunstgeschichte wurde 1946 gegründet. Es zog in den ehemaligen Verwaltungsbau der NSDAP. In den Panzerschränken wurde früher die Mitgliederkartei der NSDAP aufbewahrt.

Wo wurde das Manuskript von Erwin Panofsky gefunden?

Entdeckt haben wir es in einem bisher nicht geordneten Teil der alten Registratur. Dort lagerten hauptsächlich Unterlagen aus der Amtszeit des ersten Direktors Ludwig Heydenreich. Das Manuskript wurde also erst nach dem Zweiten Weltkrieg dort eingeschlossen.

Warum wurde es erst jetzt entdeckt?

Wir haben nach Unterlagen aus der Amtszeit von Heydenreich gesucht, der von 1946 bis 1970 das Institut leitete. Es ging um die Aufarbeitung der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Für diesen Panzerschrank gab es keinen Schlüssel mehr. Wir mussten ihn aufbrechen lassen.

Was war in dem Schrank?

Wie gesagt, gerechnet haben wir mit Unterlagen von Heydenreich, und das meiste stammte auch von ihm. Aber dann ist mir im Zuge der Recherchen eben auch ein Aktenordner aufgefallen, auf dessen Titelblatt Panofsky stand.

Da wurden Sie misstrauisch?

Dass es sich um ein Manuskript handelte, war klar. Als wir in den kunsthistorischen Datenbanken allerdings nach diesem Werk Panofskys suchten, stellten wir fest, dass eine entsprechende Publikation nicht existierte. Unsere Recherche ergab, dass wir die verloren geglaubte Habilitationsschrift vor uns hatten.

Wie kam das Manuskript in den Panzerschrank?

Das ist die große Frage. Man muss wissen, dass Heydenreich ein Schüler von Panofsky in Hamburg war, bis dieser 1933/4 emigrierte. Heydenreich habilitierte sich 1933, er wurde Privatdozent am Hamburger Institut, er vertrat Panofsky und kümmerte sich 1934 um die Institutsangelegenheiten. Wir vermuten, dass Panofsky das Manuskript in seinem Dienstzimmer in der Universität aufbewahrt hatte, und es dort blieb, als er Deutschland verließ. Heydenreich könnte es dann an sich genommen haben. Offenbar hat er sich nie davon getrennt.

Was haben Sie nach dieser Entdeckung unternommen?

Wolfgang Augustyn, unser stellvertretender Direktor, und ich haben uns mit Gerda Panofsky in Princeton in Verbindung gesetzt. Sie ist die rechtmäßige Eigentümerin. Kaum zehn Stunden später erhielten wir eine ausführliche Mail von ihr.

Wie erklären Sie sich, dass Heydenreich Panofsky nicht informiert hat?

Heydenreich hätte tatsächlich viele Möglichkeiten gehabt, Panofsky von dem Manuskript zu erzählen oder es ihm sogar zu geben. Beide hatten in den Jahren 1948/9 wieder Kontakt, er besuchte Panofsky in Princeton. Eine andere Gelegenheit wäre anlässlich der Verleihung des Ordens „Pour le Mérite“ gewesen, der ja im Zentralinstitut für Kunstgeschichte am 26. Juli 1967 an Panofsky verliehen wurde.

Was waren die Gründe für Heydenreichs Schweigen?

Die Gründe sind schwer zu durchschauen. Hielt Heydenreich die Habilitationsschrift nicht für wesentlich, weil er wusste, dass Panofsky nicht mehr über Michelangelo arbeitete? War es ihm im Nachhinein unangenehm, dass er die Habilitationsschrift damals an sich genommen hatte? Es haben sich keine Äußerungen der betroffenen Personen erhalten. Die Gesamtsituation vor und nach dem Krieg wurde bisher kaum erforscht.

Sie haben allerdings mit der Erforschung begonnen. Auslöser war auch ein überraschender Fund.

Das stimmt. Wir haben bei uns Bestände des Fotoarchivs des Deutschen Militärischen Kunstschutzes gefunden. Auch diese Fotografien kamen zum Teil mit Heydenreich ans Institut. Zwischen 1943 und 1945 arbeitete Heydenreich in Italien für den deutschen militärischen Kunstschutz, er war also damit beauftragt, für den Schutz von Kunst- und Kulturgütern zu sorgen. In Italien herrschte Krieg, Mussolini war gestürzt, und die Alliierten marschierten von Sizilien aus ein.

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War bekannt, dass Heydenreich für den militärischen Kunstschutz arbeitete?

Ja, die Tatsache schon. Wie der Kunstschutz aber für die nationalsozialistische Propaganda ausgeschlachtet wurde, war bisher nicht bekannt. Das haben wir erst dieses Jahr in dem Buch „Kunsthistoriker im Krieg. Deutscher Militärischer Kunstschutz in Italien 1943-1945“ ausgeführt .

Die Kunstgeschichte kennt Heydenreich als Leonardo-Forscher. Muss sich das Bild nun ändern?

Ein wirkliches Bild von Heydenreich gibt es gar nicht. Mit den Werken über Leonardo da Vinci hat er sich einen Namen gemacht. Aber ein Bild seiner Persönlichkeit, seiner Tätigkeiten, seiner Funktionen, vor und nach dem Krieg, das existiert noch nicht. Die jüngsten Funde haben unser Wissen enorm bereichert. Es gibt noch viel zu tun.

War das der letzte ungeöffnete Panzerschrank in Ihrem Keller?

Ja, mit den Überraschungen ist hoffentlich Schluss.

Die Fragen stellte Julia Voss.

Quelle: F.A.Z.

 
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