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Veröffentlicht: 21.01.2013, 17:11 Uhr

Enki Bilal im Louvre Die Dämonen lauern hinter der Kunst

Nicht die Historie, sondern die moderne Malerei wurde mit der Eröffnung des Salon de Sept-Cheminées im Jahr 1851 gefeiert. Das passiert nun wieder. In grandiosen Kompositionen lässt der Comiczeichner Bilal im Louvre seine Gespenster frei.

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Heilige Hallen französischer Kunst

Von der Decke herab blicken vierzehn Siegesgöttinnen auf den winzig kleinen Besucher im Salon des Sept-Cheminées im Louvre. Der riesige Raum war einst Teil des ersten Königsschlosses, ein Prunkraum mit direktem Blick auf die Seine. Doch die reiche Verzierung stammt aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als Louis Napoléon, damals noch Staatspräsident, den Raum als großen vaterländischen Repräsentationssaal ausgestalten ließ.

Andreas Platthaus Folgen:

So rahmen die vierzehn Siegesgöttinnen die Porträtreliefs der zehn wichtigsten Maler des Ersten Kaiserreichs. Im Jahr 1851 wurde der Saal feierlich eröffnet, ein Jahr später ließ sich der Präsident als Napoleon III. zum Kaiser wählen. Die Neugestaltung war also ein hochpolitischer Akt - und ein ästhetisches Signal für Frankreichs Führungsanspruch auf dem Kontinent. Unter dem Blick der großen napoleonischen Vergangenheit sollte die glanzvolle, nun wieder napoleonische Gegenwart inszeniert werden: Ausgestellt wurde hier die damals moderne französische Malerei.

Louvre und Comic - Geht das?

Diese Geschichte muss man kennen, um zu ermessen, was es bedeutet, wenn nun im Salon des Sept-Cheminées wieder ein moderner französischer Künstler mit seinem Werk Einzug hält. Enki Bilal, geboren 1951 in Belgrad, lebt seit seinem zehnten Lebensjahr in Paris. Er zeigt hier seinen 2012 im Auftrag des Museums entstandenen Zyklus „Les fantômes du Louvre“.

Dabei ist Bilal vor allem berühmt geworden als Comiczeichner; erst seit einigen Jahren hat er sich auch als Maler etabliert, dennoch zählt er mittlerweile zu den vom Kunstmarkt höchstgeschätzten zeitgenössischen französischen Künstlern. Erst vor zwei Monaten brachten fünfzehn neue Gemälde Bilals bei einer Versteigerung in Paris zusammen 1,5 Millionen Euro, und auch schon früher bewegten sich einige seiner Bilder in ähnlichen Dimensionen. Wenn sein jüngstes Werk nun im Louvre an der Stelle ausgestellt wird, an der früher die meistgeschätzten Zeitgenossen präsentiert wurden, dann sagt das etwas über die Einstellung des geschichtsbewussten Louvre zur Comic-Kunst aus.

Geister mit Geschichte

Schon seit sechs Jahren gibt das Museum eine Buchreihe heraus, in der französische Zeichner Comics publizieren, die jeweils im Louvre spielen oder mit dem Louvre zu tun haben. Für diese Reihe hat jetzt Bilal seinen Beitrag geliefert. Dabei hat er sich etwas Neues einfallen lassen: Er erbat sich das Privileg, während der Schließzeiten allein in den Sälen fotografieren zu dürfen. So trug er etwa vierhundert Aufnahmen von Kunstwerken oder Museumsansichten zusammen. Zweiundzwanzig davon ließ er auf kleine Leinwände drucken und übermalte sie mit Figuren, die er „fantômes du Louvre“ nennt. Diese „Gespenster“ sind Persönlichkeiten, zu denen Bilal sich jeweils Lebensläufe ausgedacht hat, die irgendwie mit dem Kunstwerk verknüpft sind, vor dessen Kulisse sie spuken.

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Der einzige bekannte Name ist Longinus, jener römische Zenturio, der angeblich die Lanze in Jesu Seite stach, um zu prüfen, ob der Gekreuzigte noch lebe. Bilal lässt ihn auf eine spanische Skulptur des toten Christus des achtzehnten Jahrhunderts herabblicken - kein Hauptwerk des Louvre, aber die Stärke des Zyklus liegt genau darin, dass neben Erwartbarem wie der Mona Lisa oder der Nike von Samothrake auch Objekte einbezogen sind, die Bilal aus der Masse des Louvre-Kunstreichtums herauslöst. Einen viertausend Jahre alten ägyptischen Männerkopf aus Kalkstein etwa, zu dem er einen Werkstattmitarbeiter ersinnt, der am Tourettesyndrom erkrankt war und nach Fertigstellung der Statue deren Kopf abbrach, ehe er gestellt und von einer Wache getötet wurde. Dessen Kopf hat Bilal auf dem Foto so auf die Seitenstreben der Vitrine gemalt, dass man an den Speer denkt, der ihm in der Geschichte sein Ende bereitete.

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