Heilige Hallen französischer Kunst
Von der Decke herab blicken vierzehn Siegesgöttinnen auf den winzig kleinen Besucher im Salon des Sept-Cheminées im Louvre. Der riesige Raum war einst Teil des ersten Königsschlosses, ein Prunkraum mit direktem Blick auf die Seine. Doch die reiche Verzierung stammt aus der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, als Louis Napoléon, damals noch Staatspräsident, den Raum als großen vaterländischen Repräsentationssaal ausgestalten ließ.
So rahmen die vierzehn Siegesgöttinnen die Porträtreliefs der zehn wichtigsten Maler des Ersten Kaiserreichs. Im Jahr 1851 wurde der Saal feierlich eröffnet, ein Jahr später ließ sich der Präsident als Napoleon III. zum Kaiser wählen. Die Neugestaltung war also ein hochpolitischer Akt - und ein ästhetisches Signal für Frankreichs Führungsanspruch auf dem Kontinent. Unter dem Blick der großen napoleonischen Vergangenheit sollte die glanzvolle, nun wieder napoleonische Gegenwart inszeniert werden: Ausgestellt wurde hier die damals moderne französische Malerei.
Louvre und Comic - Geht das?
Diese Geschichte muss man kennen, um zu ermessen, was es bedeutet, wenn nun im Salon des Sept-Cheminées wieder ein moderner französischer Künstler mit seinem Werk Einzug hält. Enki Bilal, geboren 1951 in Belgrad, lebt seit seinem zehnten Lebensjahr in Paris. Er zeigt hier seinen 2012 im Auftrag des Museums entstandenen Zyklus „Les fantômes du Louvre“.
Dabei ist Bilal vor allem berühmt geworden als Comiczeichner; erst seit einigen Jahren hat er sich auch als Maler etabliert, dennoch zählt er mittlerweile zu den vom Kunstmarkt höchstgeschätzten zeitgenössischen französischen Künstlern. Erst vor zwei Monaten brachten fünfzehn neue Gemälde Bilals bei einer Versteigerung in Paris zusammen 1,5 Millionen Euro, und auch schon früher bewegten sich einige seiner Bilder in ähnlichen Dimensionen. Wenn sein jüngstes Werk nun im Louvre an der Stelle ausgestellt wird, an der früher die meistgeschätzten Zeitgenossen präsentiert wurden, dann sagt das etwas über die Einstellung des geschichtsbewussten Louvre zur Comic-Kunst aus.
Geister mit Geschichte
Schon seit sechs Jahren gibt das Museum eine Buchreihe heraus, in der französische Zeichner Comics publizieren, die jeweils im Louvre spielen oder mit dem Louvre zu tun haben. Für diese Reihe hat jetzt Bilal seinen Beitrag geliefert. Dabei hat er sich etwas Neues einfallen lassen: Er erbat sich das Privileg, während der Schließzeiten allein in den Sälen fotografieren zu dürfen. So trug er etwa vierhundert Aufnahmen von Kunstwerken oder Museumsansichten zusammen. Zweiundzwanzig davon ließ er auf kleine Leinwände drucken und übermalte sie mit Figuren, die er „fantômes du Louvre“ nennt. Diese „Gespenster“ sind Persönlichkeiten, zu denen Bilal sich jeweils Lebensläufe ausgedacht hat, die irgendwie mit dem Kunstwerk verknüpft sind, vor dessen Kulisse sie spuken.
Der einzige bekannte Name ist Longinus, jener römische Zenturio, der angeblich die Lanze in Jesu Seite stach, um zu prüfen, ob der Gekreuzigte noch lebe. Bilal lässt ihn auf eine spanische Skulptur des toten Christus des achtzehnten Jahrhunderts herabblicken - kein Hauptwerk des Louvre, aber die Stärke des Zyklus liegt genau darin, dass neben Erwartbarem wie der Mona Lisa oder der Nike von Samothrake auch Objekte einbezogen sind, die Bilal aus der Masse des Louvre-Kunstreichtums herauslöst. Einen viertausend Jahre alten ägyptischen Männerkopf aus Kalkstein etwa, zu dem er einen Werkstattmitarbeiter ersinnt, der am Tourettesyndrom erkrankt war und nach Fertigstellung der Statue deren Kopf abbrach, ehe er gestellt und von einer Wache getötet wurde. Dessen Kopf hat Bilal auf dem Foto so auf die Seitenstreben der Vitrine gemalt, dass man an den Speer denkt, der ihm in der Geschichte sein Ende bereitete.
Nike lockt ins Verderben
Neben jedem der kleinformatigen Bilder, die an den Seitenwänden von vier mächtigen, frei im Raum stehenden Quadern gehängt sind, ist die dazugehörige Geschichte zu lesen. Man erfährt von einer verflossenen Geliebten Dürers namens Melencolia, deren Andenken den Maler auf seinem ersten Selbstporträt ihre Porträtskizze zerknüllen lässt, von dem korinthischen Mädchen Hekuba, das sich als Mann ausgab, um als Soldat dienen zu können, und deshalb einen Helm entwickelte, der ihr Gesicht verbarg, oder von der riesenhaften Französin, Djeynaba, Tochter eines Missionars und einer Schwarzen, die 1863 ohne Wissen des Architekten die heute als Salles Rouges bekannte Raumflucht im Louvre rot ausmalte. Diese und andere Akteure aus Bilals Geschichten haben entscheidend ins Entstehen der Kunstwerke eingegriffen. Doch da wir ihre Namen nicht kennen, sind sie zum Phantomdasein im Museum verdammt.
Ergänzt ist die Präsentation durch zwei Objekte des Louvre selbst: den korinthischen Helm aus dem siebten vorchristlichen Jahrhundert, der den Anlass zur Geschichte von Hekuba gab, und die rechte Hand der Nike von Samothrake. Diese aus Fragmenten zusammengesetzte Spolie liegt als Leihgabe des Wiener Kunsthistorischen Museums und des Museums von Samothrake in Paris, wo die berühmte kopf- und armlose Marmorstatue seit 1879 aufbewahrt wird. Bilal erfindet dazu die Figur von Aloyisias, eines griechischen Bildhauers des zweiten Jahrhunderts vor Christus, der während der Arbeit an der Siegesgöttin einen tödlichen Unfall mit der Kutsche hatte und dabei selbst Kopf und Hände einbüßte. Die Hand der Nike ist so in einer Vitrine vor dem Bild aufgestellt, als lockten ihre zwei verbliebenen Finger den Bildhauer weiter ins Verderben.
Das Phantom ohne Namen
Diese im Vergleich mit dem größten Museum der Welt so winzige Ausstellung ist ein Genuss, auch wenn man Bilals typische körperliche Drastik und seine Pastelltechnik nicht schätzen sollte. Sein geistvoller Zyklus regt an, weil er uns die Rätselhaftigkeit der Objekte vor Augen führt. Und als Clou der Ausstellung erweist sich im hintersten Winkel der Präsentation ein dreiundzwanzigstes Bild, obwohl Bilal in seiner Erläuterung zum Konzept lange Zeit darüber spricht, warum es nur zweiundzwanzig geworden seien.
Betitelt ist dieses Bild „Le fantôme inconnu“ - das unbekannte Gespenst. Ein wunderbarer Witz, denn unbekannt waren vorher ja alle. Aber dieses Phantom trägt überdies die Züge eines Teufels, und es fällt über eine halb ausgewickelte ptolemäische Mumie her, die in der ägyptischen Abteilung des Louvre die Technik des Mumifizierens erläutert. Der Dämon schnappt sich das hilfloseste Kunstwerk und hinterlässt keine Spuren - das Bild ist konsequenterweise im Katalog nicht zu finden. Und es hat auch keine eigene Geschichte. Ein teuflischer Spaß, den sich Bilal erlaubt, und eine Herausforderung an uns, die fehlende Episode zu ergänzen und zu erkennen, dass alle Kunst, die uns begeistert, besessen ist.