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Emil Nolde im Frankfurter Städel : Mehr Sympathisant als Widerständler

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Der Künstler Emil Nolde sympathisierte mit den Nationalsozialisten und stilisierte sich nach dem Krieg als Widerständler. Dies zeigt eine Ausstellung in Frankfurt. Was bleibt nun von seinem Werk?

          Was stimmt eigentlich noch von dem, was wir über den Maler Emil Nolde wissen? Wenig. Das ist ein Ergebnis der Nolde-Schau, die heute im Frankfurter Städel Museum eröffnet, der ersten Retrospektive seit mehr als zwei Jahrzehnten, für die 140 Arbeiten zusammengetragen worden sind, darunter neunzig Gemälde, von denen einige, als wäre nichts dabei, das Datum „1942“ oder „1943“ tragen. Diese Bilder stammen also aus genau den Jahren, in denen Nolde doch, wie alle Welt zu wissen meint, Malverbot hatte.

          Es sind große Bilder, riesige Sonnenblumen und wuchtiger Klatschmohn, gemalt in Öl auf Leinwand, nichts, was man heimlich im Verborgenen tun kann. Ölfarbe riecht verräterisch, sie braucht Luft zum Trocknen und Zeit dazu.

          Was diese Bilder zeigen, kann man im Katalog nachlesen, in den hervorragend recherchierten Beiträgen von Felix Krämer, Aya Soika, Bernhard Fulda und Isgard Kracht: Nolde malte während des angeblichen Malverbots. Das Malverbot war demnach nicht das, wofür wir es hielten. Und vor allem: nicht das, wofür wir es halten sollten.

          Diese Ausstellung ist mehr als eine Retrospektive. Das erste Mal in der Geschichte der Bundesrepublik werden Noldes Bilder in einem Museum gezeigt, ohne dass sie vom Haus verklärt werden, ohne dass sie ein Mythos verstellt. Geknackt wird ein Kokon, ein Panzer, der Noldes Bilder die längste Zeit vor jeder Kritik geschützt hat.

          Vorbild für die „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz

          Um den Knall zu hören, mit dem diese harte Schale jetzt aufplatzt, muss man noch einmal zu jener stillen Urszene zurückkehren, die in den westdeutschen Schulen Pflichtlektüre war. Hier, im Deutschunterricht, lagen Schüler über Generationen mit Siggi Jepsen, dem jugendlichen Helden und Rebellen aus Siegfried Lenz’ Roman „Deutschstunde“, auf dem kühlen Boden seines Verstecks, einem Hohlraum unter gefällten Pappelstämmen, und beobachteten durch einen Lichtschlitz, wie Siggi Jepsens Vater, der Polizeiposten Rugbüll, dem Maler Max Ludwig Nansen die Beschlagnahme und Zerstörung seiner Bilder androht: „Wir werden feststellen, welche Bilder eingezogen werden müssen.“ – „Ihr seid verrückt, Jens, ihr könnt euch das nicht anmaßen“, sagt der Maler. Und dann der berühmte Satz des Polizeipostens: „Ich tu’ nur meine Pflicht, Max.“

          Nur meine Pflicht. Selten wurde Literatur mit größerer Überzeugung für Wirklichkeit gehalten als im Fall von Siegfried Lenz’ „Deutschstunde“ und dem darin geschilderten, von den Nationalsozialisten verhängten Malverbot gegen Max Ludwig Nansen.

          Die Vorlage hatte Emil Nolde selbst geliefert, der als Hans Emil Hansen 1867 im Dorf Nolde an der deutsch-dänischen Grenze geboren wurde und sich erst später umbenannte. Es war Nolde, der nach dem Krieg einen „Antrag auf Entschädigung für Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung“ stellte.

          Der Antrag, immerhin, wurde abgelehnt. Nolde betrieb trotzdem weiter Geschichtsklitterung, erfolgreich. Er starb 1956. 1968 machte Siegfried Lenz aus seinem Fall ein Lehrstück über die Pflicht und die deutsche Vergangenheit.

          Bis heute hängt Nolde im Kanzleramt

          Oberflächlich betrachtet ist der Roman ein Manifest gegen die Pflicht. Auf den zweiten Blick ist das Buch aber auch das Gegenteil, ein Manifest für die Pflicht. Wir nämlich, die mit Siggi Jepsen Zeuge werden, wie sich der pflichterfüllte Vater in einen Unmenschen verwandelt, erhielten die Pflicht, Max Ludwigs Nansens Kunst zu retten und zu lieben. Wer in der Literatur Nansen nicht liebte, war der Polizeiposten Rugbüll. Und wer in Wirklichkeit Nolde nicht liebte, setzte sich dem Verdacht aus, ein Nazi zu sein.

          Dieser Nolde-Kult wird bis heute im Bundeskanzleramt betrieben: Der Katalog zeigt eine Fotografie von 2013, Angela Merkel im Gespräch mit dem amerikanischen Außenminister John Kerry im Bundeskanzleramt, im Rücken die obligatorische Welle von Nolde – „Der Brecher“ aus dem Jahr 1936. Helmut Schmidt ließ vor seinem Büro im Bonner Bundeskanzleramt das Schild „Nolde-Zimmer“ anbringen, als „kleine Wiedergutmachung“.

          Die Schau zeigt nicht nur Meisterwerke

          Was also ist in Frankfurt zu sehen, was bisher nicht bekannt war? Die Ausstellung führt durch das Gesamtwerk, bekannt sind vor allem Noldes glühende Blumenbilder, die tobenden Meere, die Südseegemälde, tanzende Frauen. Sie sind in der Ausstellung zahlreich vertreten.

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