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Veröffentlicht: 10.05.2017, 19:53 Uhr

Emil-Nolde-Ausstellung Grausig drollige Gestalten

So hat man Emil Nolde nie gesehen: Das Museum Wiesbaden zeigt seine Grotesken in einer Ausstellung. Die selten gezeigten Bilder enthüllen unter anderem wundersame Gestalten und eine große Farbenpracht.

von Konstanze Crüwell

Ausflüge ins Traumhafte, ins Visionäre, ins Phantastische stehen jenseits von Regeln und kühlem Wissen ... Wer nicht träumen oder schauen kann, kommt nicht mit.“ Diese späte Erkenntnis Emil Noldes könnte bereits für seine von 1894 bis 1897 entstandenen Porträts der Schweizer Berge gelten, die er mit skurrilen menschlichen Physiognomien darstellte. Vielen Zeitgenossen war es aber offensichtlich nicht fremd, zu träumen und zu schauen. Denn mit diesen grotesken, auch sehr witzigen Alpenbildern wie „Das Matterhorn lächelt“ oder „Finsteraarhorn, Das Böse“, die er als „Bergpostkarten“ ziemlich kühn in hohen Auflagen drucken ließ, hatte er großen Erfolg, auch finanziell.

Notausgang eines Helden: Nun konnte Nolde, der seit Jahren erfolglose, damals bereits gekündigte technische Zeichenlehrer am Industrie- und Gewerbemuseum in Sankt Gallen, zum Glück endlich seiner wahren Bestimmung als freier Maler folgen, wobei die ungewöhnlichen „Bergpostkarten“ als Frühwerk sehr hilfreich waren. Eine großartige Ausstellung im Museum Wiesbaden in Kooperation mit den „Internationalen Tagen Ingelheim“ widmet sich nun Noldes Grotesken. Es ist eine echte Premiere und eine besonders sehenswerte: Noch nie war der komplette Bestand dieser rätselhaften Werke aus der Nolde Stiftung Seebüll bisher im ganzen Umfang zu sehen.

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In Wiesbaden ist also der andere Emil Nolde präsent: nicht der Maler vielfältiger Schönheiten unserer Natur, sondern der Maler phantastischer Bilder von oft schrägem Witz. Diese Gemälde und Aquarelle, ein wichtiger und umfangreicher Teil seines Gesamtwerks, waren in der Tat bisher noch weitgehend unbekannt.

Zwei sympathische Fabeltiere

Auch die zu Recht so populären Nolde-Ausstellungen mit den farbschönen Blumenstilleben, den Landschaften unter hohen Wolkenhimmeln oder den religiösen Darstellungen zeigen seine grotesken Bilder, wenn überhaupt, oft nur in geringer Zahl, als Ausnahme oder Kontrapunkt. Dass in Wiesbaden jetzt zum ersten Mal diese grandiosen Bilder von Nolde in großer Fülle und erstaunlicher Vielfalt zu sehen sind, ist ein beglückendes Erlebnis und eine seltene Freude.

Es sind Gemälde, die im Gedächtnis bleiben: der strahlend blaue „Frühmorgenflug“ mit zwei sympathischen Fabeltieren; ein knallgelbes, sich auf erstaunliche Weise vor dem männlichen Betrachter verrenkendes „Tolles Weib“ mit roten Haaren; und das extrem magere „Seltsame Liebespaar“. Besonders anziehend ist eine Suite von Aquarellen, deren abstrakte Flächen Nolde zwischen 1931 und 1935 aus ineinanderfließenden wunderschönen Farben in einer Art von écriture automatique entstehen ließ und nach dem Trocknen mit schwarz getuschten Linien in hinreißende Figuren verwandelte: So ist eine prachtvolle „Sagengestalt“ entstanden oder „Tier und Weib“, sie mit roten Flammen auf dem Kopf.

Die Natur war belebt von Gestalten

Aus diesem Kosmos seines Œuvres stammen auch die 1918 im Bauernhof Utenwarf entstandenen Aquarelle in Noldes stets betörenden Farben. Es sind nie gesehene, allein seiner Gefühlswelt entsprungene Szenen mit den merkwürdigsten Wesen: die „Unheimliche Begegnung“ eines großen Schweinskopfs und eines Herrn mit vor Schreck gesträubten Haaren oder die sehr graziös auf einer Männerglatze „Tanzende“ in gelber Robe.

Die naheliegende Frage, wie Nolde sich neben seinen erfolgreichen und vielgezeigten Sujets zu diesen Grotesken durchmalte, hat der sprachmächtige Künstler in seiner Autobiographie und weiteren Schriften beantwortet: Als Kind meinte er oft, in den Wolken so etwas wie Köpfe, menschliche Figuren oder seltsame andere Formen wahrzunehmen, und diese Bilder hat er sich immer bewahrt.

Oder er erinnerte sich, dass er als Kind im Kuhstall des elterlichen Bauernhofs den herabfallenden Kalk der Wände beobachtete, der in seinen Augen „Gesichter und wilde Figuren bildete“. Und im Rückblick auf die um 1900 entstandenen Bilder schrieb Nolde später: „Ich hatte zu dieser Zeit schon unendlich viele Gesichte, wohin ich schaute, die Natur war belebt, der Himmel, die Wolken, auf jedem Stein und zwischen den Zweigen der Bäume, überall, regten und lebten in stillem oder wildem lebendigem Leben meine Gestalten, die mich in Begeisterung versetzen und auch plagend nach Verbildlichung riefen.“

Abgehängt, wenn Hitler kommt

Ein schwieriges Kapitel ist Noldes ambivalente Rolle im „Dritten Reich“. Er war Antisemit und als Anhänger des Hitler-Regimes auch Mitglied der Nationalsozialistischen Arbeiterpartei Nordschleswig. Einige seiner Landschaftsaquarelle erwarb Propagandaminister Joseph Goebbels im Jahr 1933, entfernte sie aber, als Hitler kam. Bald darauf wurde Nolde gerade wegen seiner grotesken Bilder, die eine Berliner Galerie damals zeigte, als „entarteter“ Künstler diffamiert.

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Mehr als tausend seiner Werke wurden später beschlagnahmt und verkauft oder zerstört, einige auch in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. 1941 erhielt Nolde Berufsverbot, worauf er sich nach Seebüll zurückzog und während des Krieges zahlreiche kleine Aquarelle, seine „Ungemalten Bilder“, schuf. Dass er nach 1945 seine Karriere fortsetzen konnte, verdankte er Arnold Bode und Werner Haftmann, die Noldes Werke auf der ersten Documenta von 1955 zeigten. Jetzt sind die „Ungemalten Bilder“ ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung, mit so wundersamen Figuren wie dem „Grotesken Tier in Hundegestalt“, einem „Froschgrünen Paar“ oder dem „Alten Baumgeist über schlafendem König“.

Als „grausig, drollig und lustig, böse, gut und lieb“ hat Nolde selbst die unzähligen, immer wieder neuen Wesen bezeichnet, die seine „köstliche, seltsam reiche Wunderwelt“ bevölkerten – zum Vergnügen der staunenden Betrachter auch unserer Zeit.

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