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Künstlerin Trisha Donnelly : Wie erzeugt man Regen in Kanada?

Trisha Donnellys Kunst ist schwer ausstellbar, denn manchmal taucht sie nur als Geräusch auf oder als Gerücht: Jetzt würdigt Köln das Werk der Amerikanerin.

          Lange wusste man nicht, ob es Trisha Donnelly wirklich gibt oder ob sie sich jemand ausgedacht hatte. Man hörte von Performances, aber selten war wirklich jemand dabei. Einmal sang sie in Oslo ein Lied von Nina Simone und verschwand direkt danach. Einmal soll sie im Dunkeln etwas über ein Musikstück erzählt haben, das sie im Dunkeln aufgenommen hatte. Einmal, hieß es, bestand ihre Arbeit darin, in das Lüftungssystem eines Gebäudes in Moskau hineinzuflüstern und zu singen.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Einmal, im April 2002, soll sie ein Pferd bestiegen und – was nach den Anschlägen von 2001 nicht so einfach war, wo man in New York allem Ungewöhnlichen gegenüber sehr skeptisch war, auch angesichts einer Frau, die auf einem Pferd nach Manhattan reitet – bis vor die Casey Kaplan Gallery in Chelsea geritten sein, wo sie, immer noch zu Pferde, folgende Botschaft verlesen haben soll: „Seien Sie still, und hören Sie mir zu. Ich bin nur ein Bote. Aber ich bringe Neues von der Zerstörung. Wenn das Wort Kapitulation wirklich nötig ist, so soll es denn sein . . . Der Kaiser ist gefallen, er legt seine Last auf eure Seele und die meine, und hiermit bin ich elektrisch. Ich bin elektrisch.“ Woraufhin sie ihr Pferd gewendet hatte und in der Nacht verschwand. Heißt es.

          In der Arbeit „Dark Wind“ heulte plötzlich ein Wind durch die Galerie, als sei die Kunstwelt ein Western. Oft geht es um die Mutationen von Formen, den Wandel von Atmosphären in einem Raum, in den plötzlich eine Stimme, ein Ton, eine natürliche Energie oder auch eine verwirrende Geschichte einbricht und an der Ordnung der Dinge rüttelt. Was war das? Und was bedeutet es? Irgendwo ist ein Riss im Marmor. Irgendwo ist ein Fenster offen, ein Loch, durch das Licht fällt, ein fremder Ton dringt.

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          So ging es schon früh in den Arbeiten der 1974 in San Francisco geborenen Künstlerin nicht um das optische, verkäufliche, ausstellbare Kunstwerk, sondern um die Akustik, das Gesprochene, das Geräusch, die Haptik, das Ereignis, das Gerücht. Trisha Donnelly war, im doppelten Sinn des Wortes, nicht „ausstellbar“: Sie tauchte plötzlich auf, als Körper, als Ton, als Gerücht. Wie bei einer Theateraufführung zählte das Erlebnis eines nicht wiederholbaren Moments, die Begegnung mit einem Körper. Und so war es fast eine kleine Sensation, dass sie überhaupt anwesend und sichtbar war und sogar ein paar Dankesworte in die Mikrofone hauchte, als ihr jüngst in Köln der Wolfgang-Hahn-Preis verliehen wurde – was eine gute Nachricht nicht nur für den Preisträger, sondern auch für die Bedeutung des Preises ist, mit dem nicht die gut abgehangenen Lebenswerke alternder Marktlieblinge nachvergoldet werden, sondern eine jüngere, spannende, zukunftsträchtige Kunst ausgezeichnet wird.

          Anlässlich des Preises zeigt Donnelly in Köln vier neue Arbeiten. Es sind typische Donnelly-Werke: Da lehnt an einer Wand eine Marmorplatte im Historienbild-Format, die man auch erst für ein Gemälde hält und die mit einem Gerät bearbeitet wurde, mit dem man normalerweise Buchstaben und Zierkanten in Grabplatten einfräst. Diese bis an die Bruchgrenze zerfrästen Steine sind sehr moderne Objekte, wenn man unter Moderne den Versuch versteht, Materialien und Geräte bis an ihre äußerste Leistungsgrenze zu treiben – denn was Spannbetonbauten und kubistische Gemälde verbindet, ist ja nichts anderes als der Versuch, herauszufinden, wie weit eine Form gedehnt, konvulsivisch verdreht, überspannt werden kann, ohne in tausend Stücke zu brechen. Das Verfahren ist typisch für Donnelly – etwas Lautes, Schweres, Undurchdringliches wird mit kreischenden, schmirgelnden, heißlaufenden, höllisch lauten Geräten in etwas fast schon wieder Zerstäubendes, Leises, Unbestimmtes verwandelt, in den Grenzbereich von Form und amorphem Dasein getrieben.

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