Es ist ein bemerkenswertes kleines Gemälde, das vom kommenden Donnerstag an vier Monate lang im Obergeschoss des Wallraf-Richartz-Museums in Köln zu sehen sein wird, in der Ausstellung „1912 - Mission Moderne: Die Jahrhundertschau des Sonderbundes“. Auf einer eigenen Wand, ein wenig abseits von den anderen Werken, die an die legendäre Sonderbund-Schau von 1912 erinnern, hängt dann ein nur 27 mal 35,6 Zentimeter großes Stillleben in einem breiten, golden lackierten Rahmen mit floralen Motiven, wie ihn besonders Privatsammler aus der Schweiz und Museen aus den Vereinigten Staaten lieben.
Zu sehen sind drei pastos gemalte Früchte in Grün und Rot, die auf einem Bett aus rund drei Dutzend Kastanien liegen. Der Hintergrund ist in breiten, grau-braunen Pinselstrichen so gestaltet, dass jede Auskunft darüber, wo die Früchte liegen, unmöglich wäre: Ein Tisch, ein Tuch, ein Gefäß sind nicht zu erkennen. Das Bild ist nicht signiert. Ein Schild daneben nennt Vincent van Gogh als Autor. Es beschreibt allerdings auch die Zweifel, die es bislang an dieser Zuschreibung gab - und warum das Bild nun nach Jahrzehnten doch anerkannt werden könnte.
Das kleine Stillleben ist von der amerikanischen Westküste für die Sonderbund-Ausstellung nach Köln gereist. Seit 1960 gehört es zur Sammlung des Fine Arts Museum of San Francisco. Ein Sammlerehepaar hatte es dem Haus geschenkt - als Original von Van Gogh. Dem allerdings mochte sich niemand so recht anschließen. „Als ich vor einigen Jahren ans Haus kam“, erinnert sich Lynn Orr, Kuratorin für Europäische Kunst, „hing das Bild noch im Depot. Mein Kollege Steve Nash und ich fanden es dann aber so interessant, dass wir es wieder in die Schauräume geholt haben. Nun hoffen wir, dass die Ausstellung in Köln Klarheit über seinen Status bringt.“
Kastanien sind die Ausnahme
Im offiziellen Werkverzeichnis des Niederländers fehlt das Werk bis heute, in einer Ausstellung war es noch nie zu sehen. Auch die maßgeblichen Experten im Amsterdamer Van-Gogh-Museum haben das Stillleben noch nicht begutachten können. Allerdings nahm es Jacob-Baart de la Faille 1930 nicht in seinen Katalog der Van-Gogh-Fälschungen auf. Damit sprach in der Vergangenheit gleich viel für wie gegen die Zuschreibung.
Barbara Schaefer, Kuratorin der Kölner Sonderbund-Ausstellung, sieht nun gute Gründe, auch dieses Gemälde zu zeigen. Recherchen im Vorfeld haben ergeben, dass das Bild aller Wahrscheinlichkeit nach schon 1912 in Köln zu sehen war, in der großen Van-Gogh-Abteilung der historischen Sonderbund-Schau. Der damalige Katalog führte als Nummer 6 ein auf das frühe Schaffensjahr 1885 datiertes Bild mit dem Titel „Kastanien und Birnen“ auf. Auch das erste, kurz nach Van Goghs Tod aufgestellte handschriftliche Nachlassinventar nennt unter der Nummer 42 „Poires & marrons“. Der später hinzugefügte Name „Bernard“ dahinter könnte auf Émile Bernard deuten, der nach dem Tod Van Goghs als Freund Werke erhielt. Als Maler des Stilllebens scheidet er aus stilistischen Gründen aus.
„Birnen und Kastanien“ sind im gesicherten OEuvre Van Goghs aber nicht zu finden. Zwar malte der Autodidakt 1885 in Nuenen in der niederländischen Provinz in Ermangelung von Modellen und Motiven viele Stillleben mit Früchten. Auf ihnen sind deutlich Kartoffeln, Äpfel, Trauben, Zwiebeln, Kürbisse, Kohlköpfe und durchaus auch Birnen zu erkennen - nirgends aber Kastanien. „Kastanien und Birnen, 1885“ passt deshalb einzig zu dem kleinen Gemälde, das seit 1960 in San Francisco hängt.
Vom Zensor zum Kunstsammler
Auch die Provenienz des Bildes spricht dafür, dass es dieses Stillleben war, das vor hundert Jahren als Nummer 6 in Köln zu sehen gewesen ist. Vor 1960 gehörte es dem aus Deutschland stammenden Sammler Bruno Adriani. Seit 1937 wohnte er mit seiner Frau Sadie in der kalifornischen Kleinstadt Carmel-by-the-Sea. Zuvor allerdings hatten beide in Berlin gelebt, wo Adriani von 1923 an im Polizeipräsidium für die damals übliche Theaterzensur zuständig war. Im April 1930 wechselte der Jurist in die Kunstabteilung des Preußischen Kultusministeriums. Schon knapp fünf Monate später gab es dann allerdings Hinweise darauf, dass sich der homme de lettres in der auch für Zensurmaßnahmen zuständigen Abteilung nicht wohl fühlte.
Am 6. September 1930 spekulierte die „Vossische Zeitung“ unter der Überschrift „Rücktritt des Oberregierungsrats Adriani?“ darüber, „dass er wohl nicht in die Behörde zurückkehren werde und lieber im Süden seinen Leidenschaften als Sammler und Buchhändler nachgehen wolle“. Tatsächlich blieb Adriani, der als Gegner der NS-Ideologie galt, auch nach 1933 noch Leiter der Abteilung für moderne Kunst und Literatur im Ministerium. Dann erst emigrierte er zunächst in die Schweiz, später nach Los Angeles und nach Carmel.
Ob es Adriani gelungen war, bei seiner Emigration Werke aus Deutschland mit nach Amerika zu nehmen, ist nicht sicher. Fest steht aber, dass er schon in Berlin Kunst sammelte und jene Galerien aufsuchte, die sich um die Verbreitung der Moderne bemühten. So dokumentiert die Kundenkartei der Galerie Thannhauser, die sich im Zentralarchiv des Internationalen Kunsthandels in Köln befindet, gleich mehrere Besuche auf der Karteikarte mit der Titelzeile „Bruno Adriani, Regierungsrat, Berlin-Wilmersdorf, Rabensbergerstr. 4/1. Tel: am besten Polizeipräsidium, Kunstabteilung“.
Die aussagekräftige Geschichte seiner Besitzer
Nach seiner Emigration beteiligte sich der Kunstsammler Adriani von Kalifornien aus weiter am kulturellen Leben in Deutschland. Er veröffentlichte einen Band über den später von der Gestapo verhafteten Tierbildhauer Philipp Harth und einen Vortrag, den er im selben Jahr in Los Angeles über Stefan George und Charles Baudelaire gehalten hatte. Sadie Adriani starb am 2. Juli 1968 in Carmel, ihr Mann folgte ihr zweieinhalb Jahre später, am 1. Januar 1971. Schon zu Lebzeiten hatten die beiden verschiedenen Museen Werke von Liebermann, Monet, Toulouse-Lautrec und Lehmbruck gestiftet.
1960 hatte sich das Paar auch von dem kleinen Bild mit Birnen und Kastanien getrennt, das beide zeit ihres Lebens für einen authentischen Van Gogh hielten. Dafür, dass dieses Gemälde in der Sonderbund-Ausstellung von 1912 als Nummer 6 zu sehen gewesen ist, spricht zurzeit also neben dem im OEuvre Van Goghs singulären titelgebenden Motiv auch die Lebensgeschichte seiner Besitzer, die es durchaus vor dem Krieg in Berlin gekauft haben könnten. Ein erwiesenes Van-Gogh-Original wäre das Gemälde damit allerdings noch nicht.
Ein ausgebuchtes Untersuchungsteam
In die Van-Gogh-Säle der Kölner Sonderbund-Ausstellung von 1912 fanden nämlich auch mindestens sieben Werke Eingang, die heute nicht mehr als eigenhändig gelten. Das OEuvre des Niederländers war noch nicht arrondiert; ein erstes Werkverzeichnis erschien erst 1928. Andererseits gibt es mehrere gesicherte Gemälde, die in Format, Farbgebung und Hintergrundgestaltung dem kleinen Bild aus San Francisco zumindest sehr ähneln und stilistisch in die Zeit um 1885/86 passen: ein kleines „Stillleben mit Muscheln und Garnelen“ zum Beispiel, das immer zur Sammlung der Van-Gogh-Familie gehörte, oder die Darstellung eines Fliederzweiges im Armand-Hammer-Museum in Los Angeles. Außerdem gleicht die Darstellung der zwei Birnen - bei der dritten Frucht handelt es sich entgegen dem Bildtitel wohl eher um einen Apfel - jener von Früchten auf zweifelsfreien Van-Gogh-Werken: etwa auf einem Stillleben aus Chicago oder einem Gemälde mit Birnen und Zitronen, das in Amsterdam hängt. Was nun dringend fehlt, sind die ausführliche Untersuchung zur Provenienz des Bildes aus San Francisco und eine stilkritische und materialtechnische Untersuchung durch die ausgewiesenen und unabhängigen Experten des Van-Gogh-Museums in Amsterdam.
Ob sie aus Anlass des Deutschlandbesuchs des Kastanienstilllebens endlich stattfinden wird, ist allerdings fraglich: Das Untersuchungsteam des Van-Gogh-Museums ist auf Jahre hinaus ausgebucht. Und aus San Francisco gab es bislang keine Bitte um Prüfung des kleinen Gemäldes.
Bestimmt!
Peter Hinz (redouble)
- 29.08.2012, 13:35 Uhr