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Ein Kunstwitz mit Folgen : Die große Eselei des Jahres 1910

Wider die Avantgarde: Auf dem Pariser „Salon des Indépendants“ wurde vor hundert Jahren ein Bild gezeigt, das ein Esel gemalt haben soll. Daraus entwickelte sich ein Streit um die moderne Kunst, den Hitler wie später Chruschtschow auf gefährliche Weise instrumentalisierten.

          Sie klingt wie ein harmloser Spaß, die Geschichte von der Landschaft, die vor hundert Jahren ein Esel mit seinem Schwanz auf die Leinwand zu zaubern vermochte. Damals konnte man im Pariser „Salon des Indépendants“ im Raum 22 das Bild „Sonnenuntergang über der Adria“ sehen, das ein Maler namens Joachim-Raphaël Boronali eingesandt hatte. Der Titel des Gemäldes suchte augenscheinlich die Stimmung von Monets berühmtem malerischem Manifest „Impression aufgehende Sonne“ zu kippen. Dieses hatte achtundzwanzig Jahre zuvor dem Impressionismus seinen Namen gegeben.

          Werner Spies

          Freier Autor im Feuilleton.

          Beim Maler Boronali gab es keinen Sonnenaufgang, der die Welt in nihilistischem Dunst verschwinden ließ. Boronali lieferte einen in Rot, Grün und Gold glühenden Sonnenuntergang. Und der Titel war sicherlich symbolisch zu verstehen, als Götterdämmerung der hektischen Avantgarde. Offensichtlich sorgte das Bild für Verwirrung. Der Besucher konnte, ohne etwas über den Urheber zu wissen, ein beinahe abstraktes Gemälde entdecken, das vage mit der Reminiszenz von Wasser und Himmel spielte.

          Ein Sammler hat sich das Werk damals für vierhundert Franc gesichert. Die Debatte in dem Ausstellungsraum und die Reaktion der Presse sollen, wie in Yasmina Rezas Stück „Ruhm“, zwischen Ablehnung und hysterischer Begeisterung geschwankt haben. Doch wie sich dies alles 1910 im Detail abspielte, lässt sich heute nicht mehr feststellen.

          Tabaksblätter machten das Tier anscheinend kreativ

          Immerhin widmete das „Dictionnaire des Peintres“, das Standardwerk von Bénézit, dem bislang unbekannten Maler eines einzigen Bildes ohne Zögern einen Eintrag. In der Auflage von 1911 konnte man lesen: „Boronali, Joachim-Raphaël, Maler aus Genua, geboren im 19. Jahrhundert“. Christelle Martin, die der Geschichte des Bildes nachgegangen ist, gibt zur Resonanz einige Informationen. Wir erfahren, dass „Sonnenuntergang über der Adria“ auf dieser liberalsten aller Pariser Ausstellungen in einem Saal gezeigt wurde, der eher für den Schund unter den Einsendungen reserviert war. Erst nachdem sich die Urheber der Aktion, allen voran der Journalist Roland Dorgelès, in der Tageszeitung „Le Matin“ geoutet hatten, strömten die Lacher massenhaft in den Saal.

          Dorgelès veröffentlichte in seinem Artikel den Bericht einer Amtsperson, des Maître Brionne, der bei der Aktion als Zeuge hinzugezogen worden war. Man erfuhr aus der Niederschrift, dass die farbenprächtige Abendstimmung im Kabarett „Le Lapin Agile“ auf der Anhöhe des Montmartre von einem Esel namens Aliboron zustande gebracht worden sei. Um Aliboron bei Laune zu halten und seinen Schwanz, an den ein Pinsel gebunden worden war, zu künstlerischer Aktivität aufzustacheln, fütterte man ihn abwechselnd mit Karotten und Tabakblättern. Vor allem diese vermochten ihn in eine kreative Stimmung zu versetzen. Einige Fotografien dokumentieren das Geschehen.

          Der Vierfüßler, der den Namen des allbekannten Esels in den Fabeln von La Fontaine trug, gehörte Père Frédé, dem legendären Besitzer des Kabaretts in der Rue des Saules. Dort verkehrten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs Picasso, Braque, Modigliani, Guillaume Apollinaire, Max Jacob wie auch Roland Dorgelès. Der Name, den La Fontaine für den Esel ausgewählt hatte, lieferte das willkommene Anagramm für den Künstler. Aus „Aliboron“ wurde der genuesische Meister Boronali.

          Ein entscheidendes Datum der Geschmacksgeschicht

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