09.05.2006 · Seit der Einweihung des Stelenfeldes von Peter Eisenman ist die Kritik verstummt. Mittlerweile ist das Holocaust-Mahnmal populär geworden. Nur die finanzielle Situation ist beklemmend.
Von Heinrich WefingWer auch nur vage in Erinnerung hat, welche Abneigung der Plan seinerzeit hervorrief, im Zentrum Berlins ein Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu bauen; wer daran zurückdenkt, wie hitzig und verletzend die Debatten um die Gestaltung dieses nationalen Gedächtnisortes über anderthalb Jahrzehnte geführt wurden - der kann heute nur staunen.
Seit der Einweihung des Stelenfeldes von Peter Eisenman vor einem Jahr ist alle Kritik verstummt. Einige der prominentesten Gegner des Entwurfs, etwa der ehemalige Präsident der Berliner Akademie der Künste, György Konrad, haben sogar öffentlich ihren Irrtum eingestanden.
Ein „Touristen-Magnet“
Und nicht nur das. Mittlerweile ist das Denkmal richtiggehend populär geworden, ein „Touristen-Magnet“, wie der Geschäftsführer der Mahnmal-Stiftung, Neumärker, mit deutlich artikuliertem Zögern jetzt bei einer Pressekonferenz formulierte. Bei jedem Wetter und zu beinahe jeder Tageszeit ist das Areal von Schaulustigen umlagert, die einzeln oder in Gruppen zwischen den Betonquadern herumschlendern.
Reichlich dreieinhalb Millionen Menschen haben nach Schätzungen der „Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ die Anlage unweit des Brandenburger Tors bislang besucht; genauere Zahlen lassen sich nicht ermitteln, da die Anlage von allen Seiten und rund um die Uhr zugänglich ist. Vierhundertneunzigtausend Besucher, etwa vierzig Prozent davon aus dem Ausland, wurden im ersten Jahr im unterirdischen „Ort der Information“ gezählt, wo eine dichte und bewegende Ausstellung über die Organisation des Holocaust und die Schicksale der Opfer unterrichtet.
Besucher lesen jede Zeile
Wie von selbst, ohne jeden Hinweis, so berichtete Neumärker sichtlich beeindruckt, verhielten sich die Ausstellungsbesucher still und „angemessen“. Im Durchschnitt verbringen sie eine Stunde in den vier Räumen des „Ortes“ und lesen dort „jede Zeile“, wie der Geschäftsführer sagte. Auch im Stelenfeld komme es überraschend selten zu Störungen oder Irritationen; die weithin befürchteten Schmierereien oder Pöbeleien von Rechtsradikalen seien ausgeblieben. Lediglich fünf Hakenkreuze und vier Davidsterne habe man entfernen müssen, ein Unfall sei zu beklagen gewesen. Weniger erfreulich als die durchweg positive Besucherbilanz zeigt sich die finanzielle Situation der Stiftung.
Nachdem sich der Bund als alleiniger Geldgeber bei den Baukosten von rund 27 Millionen Euro recht großzügig gezeigt hatte, ist der laufende Zuschuß mit zwei Millionen nun offenbar eher knapp bemessen. Neumärker wies darauf hin, daß sein Haushalt durch Fixkosten für Personal, für Unterhalt, Bewachung und Reinigung der Anlage weitgehend gebunden sei. Um wissenschaftliche Projekte und die Bildungsarbeit zu bezahlen, immerhin auch gesetzlicher Auftrag der Stiftung, sei er auf die Einwerbung von Drittmitteln angewiesen. Diese finanzielle Beklemmung ist alles andere als ein Ruhmesblatt für die Republik, die sich vor einem Jahr so demonstrativ zum Mahnmal bekannt hat. Und sie ist ein deutlicher Hinweis darauf, wie dringlich ein Gesamtkonzept für das Zusammenwirken aller NS-Gedenkstätten in Berlin ist.