20.12.2008 · Er ist der Mann für die Manns: Armin Mueller-Stahl spielt in Heinrich Breloers „Buddenbrooks“ nun den Konsul Jean. Ein Rückblick auf Drehpausen, die DDR, Hollywood und eine Figur namens Hitler.
Er ist der Mann für die Manns: Armin Mueller-Stahl spielt in Heinrich Breloers „Buddenbrooks“ nun den Konsul Jean. Ein Rückblick auf Drehpausen, die DDR, Hollywood und eine Figur namens Hitler.
Herr Mueller-Stahl, der Konsul Jean Buddenbrook wird von Thomas Mann als ein Mann „mit einer fast religiösen Achtung vor Thatsachen“ beschrieben. Er ist nüchtern und fromm. Steht er Ihnen nahe?
Es steckt viel von Thomas Mann in dieser Figur. Anders als Thomas Mann, den ja - im Gegensatz zu seinem Bruder Heinrich - tatsächlich der Erfolg aufrechterhielt, ist Jean aber am Ende zusammengebrochen. Deswegen ist die Geschichte auch zeitlos. Ein Mann hat sein Selbstbewusstsein an die Karriere gebunden wie so viele Leute. In dem Moment, in dem die Karriere vorbei ist, rutscht auch das Selbstbewusstsein. Das macht diese Figur so modern. Thomas Mann trat mit einem anderen Bewusstsein von der Bühne ab: der wusste, dass er aufgehoben wird. Ich hätte vielleicht den Heinrich noch lieber gespielt, als wir mit Heinrich Breloer „Die Manns“ gemacht haben, aber er stand ja nicht im Mittelpunkt. Das Schicksal hat den Thomas zu hoch gehoben und den Heinrich zu tief. Ich zeichne ja immer die Figuren, mit denen ich mich beschäftige, und es ist interessant, dass ich den einen nur mit Aufwärtsstrichen zeichnen kann und den anderen mit Abwärtsstrichen. Wären sie beide an die Ostsee gefahren, Heinrich wäre ertrunken, Thomas wäre gerettet worden.
Für Jean Buddenbrook ist die Firma seine Religion - er vertritt tatsächlich die protestantische Ethik im Geist des Kapitalismus.
Da sprechen Sie zwei Dinge an: Im Darstellen einer solchen Figur ist der Konsul mir, ehrlich gesagt, fast ein wenig zu einseitig gewesen. Er hat wenig Pegelschläge. Was eine Figur interessant macht, sind die Konflikte mit der Außenwelt, weniger mit der Innenwelt, weil die ja unsichtbar sind. Die Religion - was gibt sie den Leuten an Kraft, was ist das für ein Geländer! Es wird mit der Religion so viel Schindluder getrieben. Und was treibt die Religion wiederum mit den Menschen! Aber wenn ich Lübeck betrachte mit den sieben Kirchtürmen, sehe ich alles - eine Gewissheit, die uns heute nicht mehr möglich ist.
Stattdessen kommt mit Hanno Buddenbrook und seiner Mutter Gerda die Kunst ins Spiel.
Und damit auch wir mit unserer Gegenwart. Immer, wenn ich eine Szene zu Ende gedreht habe, nehme ich die Seite des Drehbuchs und bemale sie. Das ist eine einsame Arbeit, die ich sehr viel lieber habe als das Spielen. Wir waren bei den Buddenbrooks sehr unter Zeitdruck. Da suche ich in der privaten Beschäftigung die Antworten, die ich bei einem kreativen Vorgang bekomme. Die Farben machen etwas mit einem, da kriege ich manchmal in der Kunst oder im Kreativsein die Antworten, die ich in der Religion nicht kriege. Das ist vielleicht wirklich eine Brücke ins Jenseits.
Ist das Schauspiel auch eine Kunst?
Eigentlich nicht, wenn ich ehrlich bin. Oder es ist eine Kunst des Weglassens. Ich neige generell dazu, auch als Schauspieler ein Geheimnis zu wahren. Ich bin kein expressiver Schauspieler. Wenn ich einen Besoffenen spiele, dann versuche ich, ihn „nüchtern“ zu zeigen. Das ist generell mein Stil, insofern ist diese Figur des nüchternen Konsuls Jean Buddenbrook gar nicht so weit weg von mir.
Sie wurden im Jahr 1930 im ostpreußischen Tilsit geboren. Haben Sie als Kind eine ähnliche Atmosphäre der anfänglichen Aufgehobenheit wie die bei den Buddenbrooks noch erlebt?
Was die Kunst anlangt, ja. Meine Großmutter malte, ich guckte ihr zu, dann habe ich mich gelangweilt und sie zurückgemalt. Mein Vater wollte unbedingt Schauspieler werden, aber da kam natürlich der Krieg dazwischen. Ich war immer umgeben von Kunst und Musik. Das ist nicht zu irgendeinem Zeitpunkt zu mir gekommen.
Wie haben Sie den Krieg erlebt?
Zunächst war der Krieg für mich ein Spiel. Ich weiß, dass ich aus dem Schreibtisch meines Vaters Schnaps klaute und den gegen Waffen tauschte, mit denen ich dann Karl May spielte. Mit dreizehn Jahren wurden wir an der Panzerfaust ausgebildet, wir sollten bei Pasewalk sowjetische Panzer vernichten, zum Glück kam es nicht zu einem Einsatz. Die Furchtbarkeit des Krieges wurde mir erst bewusst, als eine Bombe neben unserem Haus einschlug. Mein Vater kam im Krieg um. Meine Mutter war eine ganz starke Frau, sie sprach fließend Russisch, man konnte sich in ihrer Gegenwart nach dem Krieg ungeheuer sicher fühlen. „Stalin hat gesagt“, war ihre Formulierung, wie eine Geheimwaffe, als ob sie irgendeinen Kontakt zu ihm hätte. Der erste glückliche Moment kam später in Prenzlau, in einer Stadt, die zu neunzig Prozent zerstört war. Ich stand da und hörte nichts, keinen Panzer, keine Bomben, kein Flugzeug. Diese Stille, das war der Frieden. In den Trümmern Berlins hörte ich dann zum ersten Mal die Geräusche des Friedens: Keilberth da, Celibidache da.
Dann kam die DDR. Heute ist, nicht zuletzt durch Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“, viel von einem bürgerlichen Leben in dem Arbeiter-und-Bauern-Staat die Rede. Haben Sie das selbst vielleicht auch erlebt?
Es gab das. Die Klassen waren aufgelöst, aber wir haben künstlerisch gearbeitet, wir haben uns bemüht, Stoffe durchzusetzen, Filme durchzusetzen. Ich hatte mir eine Möglichkeit ausgesucht, meinen Frust loszuwerden, indem ich kleine Gedichte schrieb und vortrug, das war sehr populär. Ich habe immer in befreundeten Künstlerkreisen gelebt. Ich sehe drei Strömungen damals: die Leute, die für die Partei waren, denen ging's gut, dann die Mitläufer, denen ging's auch gut, und schließlich die, die gegen die Partei waren. Denen ging's miserabel.
Sie haben, bevor Sie die DDR hinter sich ließen, wichtige Filme mit Frank Beyer gedreht. Wie haben Sie ihn in Erinnerung?
Frank war für mich unter allen meinen Freunden die integerste Figur. Wenn man etwas leise sagte, antwortete er laut. Er mochte keine Geheimnisse. Es gibt keinen anderen Regisseur, der sich so viele Beulen hat holen müssen. Er war ein Fels. Ich weiß noch, wie wir den ersten Teil von „Königskinder“ machten, das war genau 1961, als die Mauer gebaut wurde. Ich fuhr während der Dreharbeiten mehrmals in den Westen und bekam dort auch Angebote zu bleiben. Ich wollte ihn aber nicht im Stich lassen.
Kalifornien, wo Sie heute meist leben, wird immer wieder als eine neue Gesellschaft jenseits bürgerlicher Formen beschrieben. Trifft das zu?
Also, mein Leben ist total frei und schön und wunderbar. Ich habe es erreicht in meinem Leben, frei zu sein. Ich arbeite gern, aber Malen und Musik sind wichtiger. Amerika zeichnet sich durch dünne Besiedlung aus, die Menschen verlieren sich in dem Land. Zugleich gibt es eine wahnsinnige Klassengesellschaft, dort trifft sich der Geldadel, aber die Milliardäre grenzen sich tunlichst von den Millionären ab. Und dann sieht man überall die Obdachlosen. Ich habe das in meinem Buch „Venice“ beschrieben. Dann passiert ein Erdbeben, und plötzlich fallen die ganzen Klassen weg, plötzlich ist die Improvisierfreude dieses Landes wieder da, alle helfen einander.
Sind Sie als deutscher Schauspieler in Hollywood manchmal Opfer eines gewissen Typecastings geworden? Sie spielen häufig sinistre Europäer, wie zuletzt in „Eastern Promises“ von David Cronenberg.
Ich habe die Guten und die Schlechten gespielt, darauf bin ich auch ein wenig stolz. Die Figur, die ich in „Music Box“ gespielt habe, könnte den Sam Krichinsky aus „Avalon“ umgebracht haben. Auf diese Bandbreite bin ich schon ein wenig stolz. Bei Cronenberg spiele ich einen Paten, das hat eine Tradition, die durch Marlon Brando geprägt wurde. Da frage ich mich: Wie kann ich mich in dieser Umgebung behaupten? Und ich habe das so gelöst, dass ich auch dieser Figur ein Geheimnis gegeben habe: Ist er gut, ist er schlecht? Die Presse hat das dann wieder trivialisiert: Von allen Mafia-Bossen ist Armin Mueller-Stahl der gemeinste. Ich habe das als Kompliment genommen.
Sie haben einmal sogar einen Film über Hitler gedreht, „Gespräch mit der Bestie“, mit zwiespältigem Erfolg.
Wissen Sie, alle Arbeiten, die ich irgendwie abschließe, sind abgeschlossen. Nach „Music Box“ habe ich einen Essay über Hitler geschrieben, der sollte auch als Buch veröffentlicht werden, während ein Produzent unbedingt einen Film daraus machen wollte. Ich habe den Film gern gemacht, weil ich mit Schauspielern gut arbeiten kann. Ich wollte eine Filmskizze, und ich finde, als Filmskizze ist mir dieser Film auch gelungen. Ein Gedankenspiel, das am Ende durch eine Kamerabewegung in ein Filmstudio als solches offengelegt werden sollte. Als ich es drehte, habe ich es jeden Tag komischer gemacht. Weil ich begriff: Ich kriege sonst keine Distanz zu dieser Figur Hitler, die in meinem Buch nicht sterben kann, weil nicht einmal der Tod ihn haben will.