Ist das, was sich wie eine Maserung über den lichtgrauen seidigen Beton der schnittigen Außenkeile an Münchens Pinakothek der Moderne zieht, ein Bauschaden oder Patina? Seit bekannt ist, dass Risse das erst zehnjährige Museum durchziehen, die eine Sanierung unvermeidlich machen, traut man keiner Wand mehr. Was 2002 als 121 Millionen Euro teurer Triumph einer festlichen Zweiten Moderne begann, schien abzustürzen aufs Elendsniveau des grassierenden Baudilettantismus, wie ihn die Hamburger Elbphilharmonie und der Flughafen Berlin-Brandenburg bezeugen.
„Weit gefehlt“, versicherte man gestern auf der Pressekonferenz zur Sanierung: Entstehen werde, so der bayerische Kunstminister Wolfgang Heubisch, ein „Provisorium, das ein Hingucker sein wird“. Name: Schaustelle, Architekt: Jürgen Mayer H., einer der international bekanntesten deutschen Architekten. Und der Vorsitzende des Stiftungsrats des Pinakothek, Markus Michalke, schwärmte von der Chance, dank des temporären Ausstellungsbaus dem Wesen der zeitgenössischen Kunst, „sich fortwährend neu zu erfinden“, wieder ganz nah zu kommen.
Unübersehbare Risse
Jedes Böse hat auch sein Gutes, so tönte es verklausuliert vom Podium. Es brauchte Konzentration, um zwischen den schadensbegrenzerisch freudigen Prognosen die Fakten auszusondern: Das Museum, bestehend aus den vier Sammlungen Moderne Kunst, Graphik, Architektur und Design wird von Februar bis September 2013 schließen. Die Sanierungsarbeiten werden rund vierzehn Wochen andauern, davor und danach werden die Bestände aus- und eingeräumt. Kosten: 750.000 Euro. Eine Bagatelle fast, so der Minister, gegenüber den 700 Millionen Euro, die als Bedarf für große Sanierungsprojekte in Bayern (darunter das Haus der Kunst und das Gärtnerplatztheater) auf das Land zukommen.
Sanierungszentrum wird das Glanzstück der Pinakothek sein, die zweischalige innere Rotunde. An ihr ist das Übel, das dann doch noch erläutert wurde, unübersehbar: Risse, entstanden durch Verformungsbewegungen, ausgelöst vom Schwinden des Betons und Aufquellen der Ziegel infolge Feuchtigkeit. Man wird die Ziegelwände durchbohren und sie mit Klebedübeln an die Stahlträger und Betonplatten heften müssen. Weitere Quellungen sind nicht auszuschließen, deshalb wird es in den zuvor spiegelglatten Wänden einige „Schattenfugen“ geben, Spielräume gleichsam, die neue Bruchlinien verhindern können.
Quellung? Eine Seltenheit!
Was Stephan Braunfels dazu sagt, der Architekt des Museums, der seidigen Sichtbeton und makellos glatte Wände so anbetet wie einst der Renaissancebaumeister Sangallo den Marmor? Man werde den ursprünglichen Gesamteindruck des seinerzeit im In- und Ausland einhellig gelobten Bauwerks wiederherstellen, versichern sofort die Beteiligten. Man wird sehen. Doch es geht mehr um Fragen des Verursachens als um die der Urheberschaft: Auch wenn der entstandene Schaden bei Sanierungskosten von 750.000 Euro verhältnismäßig gering erscheint, bleibt es ein Skandal, dass ein öffentliches Bauwerk nach gerade einmal zehn Jahren Bestand saniert werden muss. Die Erklärung des Ministers, er sei „sehr verwundert“ gewesen, habe den Vorgang aber „hinzunehmen“, reichen da so wenig wie die Beteuerung der Fachleute, das Aufquellen der Ziegel sei ein „äußerst seltenes Phänomen“ und darauf bezogene europäische Normen seien erst 2003, also ein Jahr nach Eröffnung der Pinakothek, in Bauordnungen fixiert worden.
Verkettung unglücklicher Umstände? Schicksal? Oder doch Schlamperei? Die Pinakothek erwiese sich und letztlich der gesamten Republik einen Bärendienst, würde sie den Fall Pinakothek auf sich beruhen lassen. Zu oft sind im vergangenen Jahrzehnt Fehlplanungen und programmierte Bauschäden aufgetreten, zu oft haben sich Kostenprognosen als Makulatur und Baukonzerne als Meister der profitablen Verlangsamung und Dilettanten in Sachen Logistik erwiesen, als dass man wieder einmal, wie beispielsweise beim Berliner Hauptbahnhof oder bei den umstrittenen Kalkulationen von Stuttgart 21, zur Tagesordnung übergehen könnte.
Trotzdem sollte die Misere nicht den Blick für die Qualitäten der Schaustelle von Jürgen Mayer H. verstellen: Auf Anregung von Andres Lepik, dem designierten Direktor des Architekturmuseums in der Pinakothek, wird dessen 2010 unrealisiert gebliebener Entwurf „Aus.Gestell“ für eine temporäre Kunsthalle in Berlin nun in München aushelfen. Würfelförmige Gerüstelemente, zwischen denen poppig farbige Flächen aufblitzen, werden einen White Cube samt Terrasse und Aussichtsplattform bilden. Das Talent von Mayer H. für Spielerisches, scheinbar Zufälliges und Schwereloses kann sich nun im gediegenen München entfalten; ein Gegenakzent, der, zumal er nur auf Zeit geplant ist, der Stadt guttun wird.
Insgesamt werden etwa fünfhundert Quadratmeter entstehen, auf denen die vier Museumsabteilungen ihr Improvisationstalent beweisen dürfen respektive müssen, um den bisherigen Besucherstrom nicht abreißen zu lassen. Eine Chance durchaus, neue Konzepte zu erproben, Kunst „unter die Leute zu bringen“. Und das für „nur“ weitere 750.000 Euro, die die Stiftung und Audi als Sponsor aufbringen wollen - schön, dass eine Kommune in diesen unseren Zeiten Gönner hat.
So weit, so gut. Wäre da nicht, als befände man sich auf einer Insel der Seligen, noch unentwegt die Rede vom geplanten zweiten Bauabschnitt der Pinakothek gewesen. In Europa geht die Furcht vor Staatspleite um, in der Bundesrepublik die Angst, in den Bankrottstrudel gerissen zu werden, überall stoppt man Pläne und Baustellen für Kulturbauten - nur München träumt. Kurios.