29.02.2008 · Einst war er der geheimste Ort der Bundesrepublik: Der unterirdische Regierungsbunker in einem Weinberg bei Ahrweiler. An diesem Samstag wird ein Teilstück dieses Stollens als Museum eröffnet.
Von Andreas Rossmann„Ab hier Museum, bitte nichts verändern!“ ist mit knallpinker Schrift auf die Wand gesprüht, und ein Pfeil zeigt zurück zum Eingang. Es ist die einzige Spur der Gegenwart. Wer bis hierher in den Stollen vorgedrungen ist, der bei Ahrweiler einen Weinberg unterhöhlt, hat hinter sich, was vom Regierungsbunker übrig geblieben ist. Vor ihm tut sich, am Ende eines hallenartigen Raums und von diesem durch ein Gitter getrennt, die nackte Röhre auf: Leer und suggestiv beleuchtet, wirkt sie wie ein Bild. Erst der zweite Blick zeigt, dass sie in die dritte Dimension führt.
Dies also sind jene zweihundert Meter, die von einem monströsen, zwischen 1960 und 1972 in den Berg geschmuggelten Bau erhalten wurden, der offiziell „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Krisen- und Verteidigungsfall zur Wahrung von deren Funktionstüchtigkeit“ (AdVB) hieß und den Tarnnamen „Dienststelle Marienthal“ trug: Ein Gang, an dem im Erdgeschoss Aufenthalts-, Arbeits- und Technikräume, sanitäre Anlagen und Dekontaminationskammern liegen.
Die Zeit scheint festgefroren
Auch der Friseursalon ist - vornehm geht die Welt zugrunde - original überliefert, dann ein Teil des Kontrollzentrums mit Regalen voller Leitz-Ordner und der damals modernsten Kommunikationstechnik, mit Fernschreiber und einer roten IBM-Kugelkopfschreibmaschine, die „Suite“ des Bundespräsidenten, wo sich eine kirschrote Sitzgarnitur mit einem orangen Lampenschirm beißt, sowie der „Kanzlerbereich“, ein schmales Feldbett, aber immerhin im Einzelzimmer.
Im Geschoss darüber reihen sich beiderseits des Gangs winzige Schlafräume, nummeriert und mit zweimal zwei Hochbetten, jeweils keine zehn Quadratmeter groß. Hier hätten sie dreißig Tage überleben sollen, die Bundesregierung und ein Apparat der „oberen dreitausend“, um bei einem atomaren Angriff des Ostens noch einmal zurückschlagen zu können: Letzte Windung der Wahnspirale Wettrüsten. Die Farben, viele Grau- und Ockertöne, die Aufschriften („Bitte nicht rauchen“) und Fluchtpläne, die auf den Wänden verlegten Kabelbündel, das Mobiliar: Die Zeit scheint festgefroren.
Nur wenige hundert Meter oberhalb des Museums
Zweihundert Meter von neunzehn Kilometern, das ist alles, was von dem mit drei bis fünf Milliarden D-Mark teuersten „öffentlichen“ und doch geheimsten Gebäude in der Geschichte der Bundesrepublik geblieben ist: Wenig mehr als ein Prozent und mithin nur eine Seitenkapelle dieser Kathedrale des Kalten Krieges. Einen Parlamentsbeschluss für den Teilerhalt hat es nie gegeben, doch fiel der 2001 begonnene Rückbau der Gesamtanlage mit 16,6 Millionen Euro fast um die Hälfte günstiger aus als kalkuliert.
So konnte Florian Mausbach, der Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, im Finanzministerium durchsetzen, dass zweieinhalb Millionen Euro abgezweigt werden, um einen Abschnitt zu bewahren. Die „Dokumentationsstätte Regierungsbunker“ befindet sich - Dramaturgie der Kulturgeschichte! - nur wenige hundert Meter oberhalb des Museums Römervilla.
Abgründig und aufgeräumt, angstbesetzt und perfekt
Der Besucher, der durch die tonnenschwere Sicherheitsschleuse, Ingenieurkunst „Made in Germany“, tritt, kann - bei einer Temperatur von zwölf Grad - eine kühle Ahnung von der Organisation, Beklemmung und Tristesse gewinnen, die im Ernstfall geherrscht hätte: Ein sehr deutscher Ort ist zu besichtigen, abgründig und aufgeräumt, angstbesetzt und perfekt. Die zweihundert Meter auf die neunzehn verzweigten Kilometer fünf autonomer Sektionenhochzurechnen, übersteigt das Vorstellungsvermögen. Doch kündet erst diese Gigantomanie von der kafkaesken Wirkung der Gesamtanlage. So verhält sich der Teil zum Ganzen wie der Klappentext zu einem Geschichtsbuch von mehreren hundert Seiten.
Erschlossen wird der Museumsstollen durch einen Anbau der Bonner Architekten Schroeder + Schevardo: Das kubische Splitterschutzgebäude des Bunkers, das als unscheinbare graue Betonwand erscheint, flankieren zwei Erweiterungsbauten - Foyer und Vortragsraum. Ihre Fassaden sind mit vorgehängten Stahlplatten verkleidet, die eine rostbraune Patina anzusetzen beginnen. So bleibt, was von der Gesamtanlage übrig ist, in den Berg „getarnt“, und auch der Bund zieht sich nach der Eröffnung am heutigen Samstag zurück.
Denn die Dokumentationsstätte, Zeugnis der nach Berliner Mauer und Todesstreifen „bedeutendsten“ Wehrarchitektur des Kalten Krieges, wird vom Heimatverein Alt-Ahrweiler betrieben, der mehr als fünfzig ehrenamtliche Führer ausgebildet hat. Aus dem ehemaligen Hubschrauberlandeplatz ist ein Parkplatz geworden, und der Rotweinwanderweg, der jahrzehntelang „ahnunglos“ die Bunkeranlage überwand, wurde so verlegt, dass er direkt am Eingang vorbeiführt.