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Echter Klimt? Falscher Klimt? Die Sehnsucht nach dem Meisterwerk

Ein umstrittenes Gemälde wurde zu einem echten Gustav Klimt verklärt: Welche Interessen stecken dahinter? Zwischen Kunsthistorikern und Naturwissenschaftlern schwelt ein Streit um den „Trompetenden Putto“.

© dpa Vergrößern Streitfall: Hat Gustav Klimt tatsächlich den „Trompetenden Putto“ gemalt?

Die Pressekonferenz in Hannover war kaum zu Ende, als einige Medien die dort angeblich verbreiteten Erkenntnisse bereits in die Welt entließen: „Lange verschollenes Klimt-Gemälde als Original bestätigt“, meldete die Nachrichtenagentur dapd. Das Gemälde, das Mitte der Woche diese Schlagzeilen machte, stand unterdessen auf einer hölzernen Staffelei im Chemietrakt der Leibniz-Universität Hannover neben einem Regal mit Apothekerflaschen: ein ungerahmter Tondo mit pausbäckigem Putto, der in eine Trompete bläst.

Von der Hand des Wiener Jugendstilmalers Gustav Klimt stamme das Bild, sagt der Restaurator und Mäzen Josef Renz. Er will das Bild in einer Garage im nördlichen Österreich entdeckt und später erworben haben und bemüht sich seitdem um Aufnahme des Bildes ins offizielle Verzeichnis der Werke Gustav Klimts.

Diesen Wunsch allerdings konnten ihm zunächst auch die Naturwissenschaftler in Hannover nicht erfüllen, die das Gemälde im Auftrag des Besitzers untersuchen sollten. Die reißerischen Schlagzeilen waren falsch. Und spiegeln eine häufig enttäuschte Erwartung wider: Nicht selten sind öffentliche und private Labore die letzte Hoffnung für Sammler und Händler, deren Werken Kunsthistoriker die Anerkennung verweigerten.

Einsatz für das Strahlenmessgerät

In Hannover gibt man sich zunächst bescheidener: „Wer wäre ich denn, meinen Kunsthistorikerkollegen vorzugreifen?“, fragt Franz Renz, Professor für Anorganische Chemie an der Leibniz-Universität, Mitglied der Nasa-Mars-Mission - und Bruder des Klimt-Entdeckers. „Wir tragen in einem Konsortium von etwa fünfzehn Professoren samt Mitarbeitern Puzzlestücke zusammen, die sich irgendwann zu einem Gesamtbild fügen werden. Noch gibt es dieses Bild aber nicht.“

Erste Ergebnisse hatte Universitätspräsident Erich Barke dennoch am vergangenen Mittwoch bei einer Pressekonferenz präsentiert. Danach passe der „Trompetende Putto“ materialtechnisch sowohl in die Schaffenszeit von Klimt als auch in die Region Wien. Chemiker an der Universität hätten bereits Eisenverbindungen auf dem Kunstwerk festgestellt, die eine ungefähre Datierung möglich machten. Trotzdem seien weitere Gutachten nötig.

Nach der chemischen Untersuchung in Hannover fand am Donnerstag noch eine physikalische an der Uni Mainz statt. Dabei kam auch ein Strahlenmessgerät zum Einsatz, das bereits von der Nasa benutzt wurde, um Marsgestein zu analysieren.

Alfred Weidinger erzählt eine andere Geschichte

„Das Bild ist offenbar nach dem Krieg übermalt worden“, berichtet Franz Renz über die bisherigen Erkenntnisse. „Unter dem heutigen Motiv können wir mit unserer Technologie einen Putto mit komplett anderem Aufbau und offenbar auch von anderer Hand sehen. Er hat eine ganz andere Qualität und ist viel farbiger. Offenbar ist irgendwann einmal ein Restaurierungsversuch missglückt, bei dem beispielsweise die Brustwarze des Engels um einige Zentimeter verschoben wurde. Dieses ursprüngliche Bild muss nun freigelegt werden. Und dann müssen die Kunsthistoriker entscheiden.“

Einer, dessen Meinung dann eine maßgebliche Rolle spielen wird, erzählt schon jetzt eine andere Geschichte. Alfred Weidinger, stellvertretender Direktor der Österreichischen Galerie Belvedere in Wien und Autor eines Werkverzeichnisses des Malers, kennt die Geschichte des Trompetenputto und weiß auch um seine ungeklärten Eigentumsverhältnisse: „Dass es das Bild gibt, ist aus dem Dehio-Kunstführer seit Ende der sechziger Jahre bekannt. Darin wurde ein Tondo im Treppenhaus von Klimts Atelierhaus beschrieben. Damals hielt man ein Gemeinschaftswerk für möglich. Als wir 2005 am Werkverzeichnis arbeiteten, haben wir natürlich auch nach diesem Bild gesucht und erfahren, dass es 1994 beim Einbau eines Lifts entfernt wurde und danach nicht wiederaufgetaucht ist. Die heutige Eigentümergemeinschaft des Hauses in der Sandwirtgasse hält deshalb auch einen Diebstahl für möglich.“

Versuch mit der runden Form

2006 konnte Weidinger den Tondo im Original ansehen: „Er hat mit Gustav Klimt nichts zu tun.“ Trotzdem recherchierten er und seine Mitarbeiter weiter und fanden deutliche Indizien für eine andere Urheberschaft: „Gustav Klimt hat sich damals ein Atelier mit Franz Matsch und mit seinem Bruder Ernst geteilt, der 1892 starb. Sie nannten sich ,Künstler-Compagnie’. Von Ernst Klimt haben wir in Privatbesitz ein halbes Dutzend Studien von Putti gefunden - offenbar Vorzeichnungen für einen Auftrag zur künstlerischen Ausgestaltung von Schloss Mondsee. Dort hängen bis heute fünf Tondi von Ernst Klimt - vergleichbar dem Trompetenengel, aber von besserer Qualität. Es spricht deshalb einiges dafür, dass das nun untersuchte Bild ein Versuch des Bruders war, zum ersten Mal mit dem runden Format zurechtzukommen.“

Franz Renz entgegnet: „Wir haben im maltechnischen Aufbau des Tondo sehr große Ähnlichkeiten mit Gustav Klimts Beethovenfries von 1902 entdeckt. Den haben wir zwar nicht im Original untersuchen können, aber die Literaturdaten sind sehr verlässlich. Als dieser Zyklus entstand, war Ernst Klimt aber schon seit zehn Jahren tot.“

Leinwand, Pigmente, Lattenrahmen, die Nägel, mit denen der Bildträger befestigt wurde - alle naturwissenschaftlichen Untersuchungen können das verwendete Material ebenso gut Ernst wie Gustav Klimt zuschreiben.

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Josef Renz hat unterdessen das Angebot von Weidinger angenommen, den Wiener Treppenhaustondo nach dessen Rückkehr aus Deutschland auch noch einmal im Belvedere untersuchen zu lassen. Er würde sich das Bild sehr gern noch einmal ansehen, sagt Weidinger: „Im Herbst wird eine aktualisierte Ausgabe des Verzeichnisses der Werke von Gustav Klimt erscheinen, in dessen Anhang wir auch die Werke von Ernst Klimt dokumentieren wollen. Darin möchte ich gern auch die Geschichte des ,Putto mit der Trompete’ erzählen.“

Quelle: F.A.Z.

 
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