03.04.2006 · Auferstanden aus Ruinen: Die restaurierten Räume des Grünen Gewölbes in Dresden sind wieder offen. Die Prunkzimmer gehören zu den schönsten, die Dresden bietet - und zu den wahrhaftigsten.
Von Dieter Bartetzko„Grünes Gewölbe“ - dem Wort wohnt dieselbe Magie inne wie der Rede von Frauenkirche, Zwinger oder Semperoper. Dresdens legendäre Pracht und Herrlichkeit scheint darin gebannt, seine Schönheit, seine Kunst - und sein Untergang. Denn jahrzehntelang gab es nach dem Feuersturm vom Februar 1945 die Schätze des Grünen Gewölbes nur in Ausweichquartieren und nur in Teilen zu sehen. Doch man wußte: Der Brand des Stadtschlosses hatte die Schatzkammer der Wettiner zwar schwer beschädigt, doch nicht gänzlich vernichtet. So waren es vielleicht die Reste des weltberühmten Grünen Gewölbes, die selbst in den Hochzeiten der SED-Willkür das Schloß vor dem Abriß bewahrt haben.
In der vergangenen Woche war es nun endlich soweit: Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden verkündeten, daß alle Räume restauriert seien und nun das Aufstellen der Preziosen beginne. Womit nicht nur für unkundige Besucher erneut ein Verwirrspiel beginnen wird. Denn das Grüne Gewölbe gibt es im Grunde gar nicht: Der klangvolle Name bezieht sich auf den Ursprung der Institution, auf jenen gewölbten und malachitgrün gestrichenen Raum im Erdgeschoß des Schlosses, den Kurfürst August von Sachsen 1560 wegen dessen relativer Feuersicherheit zur Kunstkammer erklärte. Deren Inventar aber wuchs im Lauf der Jahrhunderte und erforderte neue zusätzliche Räume.
Die Sinne des Besuchers verwirren
Ein malachitgrünes Zimmer gibt es auch unter den sieben, die nun wiederhergestellt wurden. Doch es ist zur Zeit des Barock entstanden, nachdem August der Starke 1721 angeordnet hatte, die Schätze einer ausgesuchten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, und es heißt „Silbergold-Zimmer“. Das leuchtende, fast schreiende Grün seiner Wände ist größtenteils authentisch. Es wurde mit Ausnahme der Fensterwand auf hölzerne Panele aufgetragen, die 1945 nicht Feuer fingen, sondern nur - was katastrophal genug war - verrußten. Gesäubert und ergänzt, mit strahlend vergoldeten Voluten, umrahmen sie Spiegel, teils alte, teils neugeschliffene, die den Raum ins Unendliche erweitern. Ein gleißendes Kaleidoskop, das, wenn wieder die silbervergoldeten Kunstwerke, nach denen es benannt ist, hier stehen, dem Besucher ganz nach dem Wunsch schon der Dekorateure des Barock die Sinne verwirren wird.
Wenn er deren überhaupt noch mächtig ist. Denn zuvor hat er das „Weißsilber-Zimmer“ passiert, einen Rausch in kräftigstem Zinnoberrot und Gold. Daß dort - wieder mit Ausnahme der Fensterpartie - nahezu alles original ist, wird man vielleicht ahnen. Nicht aber, welche Mühe es gekostet hat, diesen graziösen Pomp zu retten. Zwar waren hier nach 1945 die Panele ausgebaut und notdürftig eingelagert worden, doch Schwamm und andere Schädlinge hatten sie perforiert. So entschlossen sich die Restauratoren, das geschädigte Holz bis auf die farbtragenden Schichten zu entfernen und die nun millimeterdünnen Partien auf neue Holzträger aufzubringen. Es gelang - bis auf einige Retuschen und die Fensterwand ist alles hier original.
Auch Experten werden Mühe haben
Eine fast vollständige Nachbildung dagegen ist das „Elfenbeinzimmer“, das künftige Entree des Grünen Gewölbes. Es war 1889 im Zuge einer durchgreifenden Restaurierung und Neuordnung durch Umbauten verschwunden. Dadurch aber blieben in vermauerten Türlaibungen Reste de mamorierend bemalten Wandvertäfelung und des Marmorbodens erhalten. Nach ihrem Vorbild wurden neue Tafeln geschnitzt und bemalt, die sich zwischen den zierlichen, teils noch originalen Wandpilastern aus Marmor ausbreiten; der ergänzte Bodenbelag wurde so sorgfältig ausgesucht und bearbeitet, daß auch Experten nur mit Mühe die historischen und neuen Teile werden unterscheiden können.
Überhaupt die Böden: Wüßte man nicht, daß sie aus Thüringer Marmor bestehen, dächte man an Samt oder Moos, so sehr suggeriert ihr matter Schimmer und perfekter Schliff, daß man auf Samt oder Moos schreitet. So drängt sich irgendwann das abgenutzte Wort vom Barock als dem Schöpfer von Gesamtkunstwerken auf. Daß dieses Zeitalter bei aller Selbstherrlichkeit die Werke vorangegangener Epochen zu schätzen wußte, zeigt der „Preziosensaal“, der größte Raum des Grünen Gewölbes. Hier, in einem schön proportionierten langgestreckten Raum, den drei Pfeiler in zwei Schiffe unterteilen, dominiert die Baukunst der frühen Renaissance. Vor allem das stuckierte Gewölbe zählt zum Schönsten, was in Deutschland aus jener Epoche erhalten geblieben ist; man glaubt ihm noch das Staunen und die Freude anzusehen, mit der im sechzehnten Jahrhundert die Künstler vor den Grotesken der neu entdeckten Domus Aurea in Rom standen.
Ornament-Rausch der Renaissance
Zu schweigen vom Eckkabinett, hinter dessen kunstvoller Gittertür sich ein polygoner intimer Raum unter einem Rundgewölbe öffnet, dessen Wände übersät sind von bronzenen Büsten grimmig oder lieblich schauender Atlanten, Faune und Karyatiden, die als Konsolen dienen; ein Ornament-Rausch der Renaissance, nur wenige Büsten mußten ersetzt werden.
Durch das „Wappenzimmer“ drang 1945 die Feuerwalze aus dem Großen Schloßhof ins Innere. Deshalb blieb nichts von seinen Vertäfelungen erhalten. Auf die Nachbildungen wird man die geretteten Wappen heften, denen aber allenfalls die Aufmerksamkeit passionierter Heraldiker zuteil werden dürfte. Denn im Wappenzimmer werden, wie ehemals, die Staatsinsignien zu sehen sein, allen voran die polnische Krone samt Szepter Augusts des Starken. So könnte man diesen Raum auch den Kronzeugen des beginnenden, zunächst unmerklichen Verfalls des Absolutismus in Europa nennen und der Schwäche Augusts des Starken, aller Welt tagtäglich die Insignien seiner gekauften Macht zu präsentieren, so, als müsse er deren Legitimität fortwährend beteuern.
Orgie in Spiegelglas und Gold
Wie sehr diese Investition sich gelohnt hatte, bewies und beweist künftig wieder das angrenzende „Juwelenzimmer“. Diese flirrende, blitzende Orgie in Spiegelglas, Gold, Ultramarin und Karmesin ist eine komplette Rekonstruktion. Geschaffen wurde sie von Computern - technischen Wunderwerken, die nach Angaben einiger kläglicher, aus dem Boden gewühlter Scherben und einiger Fotografien das gesamte Ensemble virtuell wiederauferstehen ließen. Selbst Raumabschnitte, die nur in den Spiegeln anderer Raumteile zu sehen waren, konnten berechnet werden. Hier, in diesem Homunculus neuester Technologie, wird künftig wieder der lächelnde halblebensgroße Mohr seine Schüssel mit Smaragden anbieten, und werden die juwelenstrotzenden Zwerge der Brüder Dinglinger den „Hofstaat von Delhi“ spielen.
Egal aber, wie sehr die Preziosen einen begeistern werden - vor allen anderen wird das Erlebnis dieser aus Resten geretteten Prunkzimmer zu den schönsten gehören, die Dresden bietet, und zu den wahrhaftigsten. Es wird ein notwendiges Gegengewicht sein zum ordinären Illusionismus, der sich rings um die Frauenkirche mit messerscharf in Beton und Kunststein gefrästem Pseudobarock als angebliche Rekonstruktion von Dresdner Bürgerhäusern breitmacht.