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Die Kunst der Achtziger : Die Freiheit der „genialen Dilletanten“

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Die achtziger Jahre leben auf riesigen Leinwänden. Ausstellungen in Frankfurt, München und Augsburg zeigen die damaligen Künstler als gut ausgebildete Dilettanten. Ihre Werke sind vieles, aber nicht subversiv.

          Was sieht der Betrachter auf diesem Bild? Zunächst einmal: jede Menge Farbe. Das Gemälde misst 1,80 auf 1,80 Metern und ist damit im Original schon fast so groß wie das Garagentor eines Einfamilienhauses. Zu sehen gibt es außerdem den unterschiedlichen Einsatz des Pinsels. Im Hintergrund schieben sich Farbschichten pastos übereinander, die Kontraste führen dazu, dass sich das Orange etwas euphemistisch als glühend beschreiben ließe. Zugleich gibt es auch Linien, die gezeichnet, nicht gemalt aussehen. Im Zentrum des „Selbstporträts mit Palette“ steht der Künstler Albert Oehlen. Die Palette dient nicht zur Arbeitsplatzbeschreibung, denn auf dieser kuchentellergroßen Scheibe hätten Oehlens Farblawinen gar keinen Platz. Sie ist, wie der Totenkopf, ein Zitat, eine Erinnerung an die akademische Malereitradition. Auch der Finger, der sich durch die Palette bohrt, lässt sich als eine zotige Anspielung auf den männlich codierten Geniekult verstehen. Im Gegensatz nun zur alten Akademiemalerei müssen hier die Pigmente aber nicht mehr Dressur reiten. Sie laufen in Schlieren die Leinwand hinunter, was den lustigen Effekt produziert, dass das Bild, kaum fertig, so aussieht, als würde es sich schon wieder auflösen.

          Dieses Selbstbildnis von Albert Oehlen aus dem Jahr 1984 hängt nun im ersten Raum der Frankfurter Ausstellung „Die 80er - Figurative Malerei in der BRD“ im Städel Museum. Sie ist mit neunzig Bildern von 27 Künstlern die umfangreichste Schau zum Thema. Zeitgleich widmet sich auch das Münchner Haus der Kunst diesem Jahrzehnt, wobei es vor allem um Musik geht und nur am Rande um Malerei. In Augsburg zeigt die Pinakothek der Moderne in ihrer Zweigstelle im Glaspalast die „Deutsche Malerei der 1960er bis 1980er Jahre“. Albert Oehlen kommt in allen drei Schauen vor: In Frankfurt und in Augsburg als Maler, in München als Musiker - der Katalog nennt etwa seine kurzlebige Bigband „Zwischenopfer“.

          Nicht einfach „Mali, Mali“ machen

          Die große Frage, die in allen drei Städten aufgeworfen wird, lautet nicht einfach: Was sieht der Betrachter? Sondern: Was soll der Betrachter sehen? Jede Schau versieht die Kunst mit einem Narrativ, einer Erzählung, einem Kontext und einem Interpretationsrahmen. Und die Antwort, die als Schnittmenge in Augsburg, München und Frankfurt gegeben wird, lautet: Wir sollen im Rückblick vor allem „Gegen“, „Sub“ und „Anti“ sehen: Oehlens Bild hat also die Unterwanderstiefel an.

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          In Frankfurt und in Augsburg läuft in der Ausstellung der Dokumentarfilm „Martin Kippenberger und Co“, in dem neben ihm selbst Albert Oehlen, Markus Büttner oder Georg Herold ironische oder auch ein wenig bürgerschreckhafte Auftritte haben. Die bildungsbürgerliche Kunstvorstellung wird veralbert, an einer gewissen Meisterschaft soll aber dennoch festgehalten werden. Einer der Künstler sagt sinngemäß, die von ihnen produzierte Kunst dürfe man sich nicht so vorstellen, dass zu Hause einfach „Mali, Mali“ gemacht werde.

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