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Documenta zeigt Maria Eichhorn : Eigentum, das verwaist ist

Auf der Documenta in der Neuen Galerie zu sehen: Bücher aus der Berliner Stadtbibliothek. Heute werden sie dort als von den Nationalsozialisten unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbenes Gut bewahrt. Bild: Reuters

Wie besetzt ist der Besitz? Auf der Documenta fordert Maria Eichhorn in einer Installation zur Auseinandersetzung mit der Geschichte nationalsozialistischen Raubguts heraus.

          In der Neuen Galerie hat Maria Eichhorn für die Dauer der Documenta ihr „Rose Valland Institut“ eingerichtet. Es ist ein Kunstprojekt, die Person Rose Valland (1898 bis 1980) aber gab es wirklich. Rose Valland war seit 1939 Konservatorin im Pariser Musée du Jeu de Paume und hat die Kunstraubzüge der Nationalsozialisten im besetzten Paris heimlich in Listen verzeichnet. Das Jeu de Paume diente dem berüchtigten „Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg“ (ERR) als Depot. Valland arbeitete noch vor Kriegsende mit den Amerikanern zusammen und danach weiter für die Rettung und Rückgabe enteigneter Werke. In George Clooneys Film „Monuments Men“ von 2014 wurde sie, unter dem Namen Claire Simone, von Cate Blanchett verkörpert.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wer den zentralen Bereich von Maria Eichhorns Installation in Kassel betritt, steht zunächst vor der sechs Meter hohen, bis zur Decke ragenden Stahlkonstruktion eines Regals voller Bücher. An der Seite reihen sich Vitrinen mit Dokumenten, weitere Dokumente hängen an den Wänden. Eichhorns Arbeit gibt dem großen Raum eine wohlproportionierte Ordnung. Die Bücher im Regalturm kommen aus der Berliner Stadtbibliothek, die sie 1943 erwarb. Sie sind sorgfältig nach ihren Zugangsnummern geordnet, die sie 1944/45 erhielten, als sie dort im „Zugangsbuch J“ registriert wurden. Das „J“ steht für „Juden“, das originale Zugangsbuch liegt jetzt in Kassel hinter Glas aus. Heute bewahrt die Staatsbibliothek diese Bücher als von den Nationalsozialisten unrechtmäßig aus jüdischem Eigentum erworbenes Gut. Und bis heute sind ihre rechtmäßigen Eigentümer nicht ermittelt.

          Urteilen und Entscheiden

          Maria Eichhorn will mit ihrer Installation nun erreichen, dass die Suche nach ihnen aufgenommen wird. Wie sie überhaupt möchte, dass viel mehr Gegenstände, die ihren Besitzern gestohlen wurden, zurückgegeben werden – nicht nur die Kunstwerke. Fundstücke, wie sie zum Beispiel der Band „Witnessing the Robbing of the Jews: A Photographic Album, Paris, 1940 – 1944“ zeigt, in dem Fotografien der Plünderungen in Paris gezeigt werden. Es sind Spielzeuge, Pfannen und Töpfe, Möbel, sogar Bettzeug. Es geht Maria Eichhorn nicht um die materiellen Dinge. Es geht ihr, so sagt sie im Gespräch, um die „Zerstörung von Lebenszusammenhängen“. Deshalb stellt sie auch alle Dokumente aus, die von der Beschlagnahme des Besitzes und der Kunstsammlung von Alexander Fiorino, einem jüdischen Bürger Kassels, zeugen.

          Mit ihrer Arbeit ist die Künstlerin keineswegs auf ein Thema aufgesprungen, das – zumal nach dem Fall Cornelius Gurlitt – hohe Aufmerksamkeit genießt; schon in ihren früheren Arbeiten hat sich Eichhorn mit der Problematik befasst: „Restitutionspolitik“ hieß im Jahr 2003 ein Projekt im Münchner Lenbachhaus, in dessen Rahmen sie sich mit der komplizierten Geschichte der Museumssammlungen auseinandersetzte.

          Eichhorns Arbeit geht es um die Vermittlung von Geschichte und Gegenwart, um die Fragen, die Besitz aufwirft, der scheinbar unangefochten ist. Sie wünscht sich, dass „verwaistes Eigentum“ wieder an seinen richtigen Ort zurückkehrt, nicht nur aus öffentlichem, sondern auch aus privatem Besitz.

          In einem „Open Call: Unrechtmäßige Besitzverhältnisse in Deutschland“, den die Documenta gerade veröffentlicht hat, fordert sie dazu auf, nationalsozialistisches Raubgut im ererbten Besitz zu recherchieren und Kenntnisse darüber oder eventuelle Funde dem Rose Valland Institut mitzuteilen. Auch diese öffentliche Aktivität ist Teil des Kunstprojekts. Eichhorn zitiert Hannah Arendt mit den Sätzen, dass es „weder um Erkenntnis noch um Wahrheit geht, sondern um Urteilen und Entscheiden, um das urteilende Begutachten und Bereden der gemeinsamen Welt und die Entscheidung darüber, wie sie weiterhin aussehen und auf welche Art und Weise in ihr gehandelt werden soll“.

          Auch Kunst ist eine Realität

          In einem weiteren Raum der Neuen Galerie läuft ein Film als Loop: In ihm sind die originalen Listen enteigneter versteigerter Objekte der Jahre 1935 bis 1942 abgelichtet. Er dauert 720 Minuten lang – und er zeigt auch die Namen der Käufer, die in diesen sorgfältigen Kladden verzeichnet sind. Darüberhinaus hat Eichhorn Bücher aus der ganzen Welt gesammelt, die sich ihrem Thema widmen. Die hält sie in einer Handbibliothek für die Besucher der Documenta bereit. Es ist ein Raum mit großen Fenstern, dem beruhigenden Blick auf Kassels sanftes Grün – der „eben auch schön ist, so dass man sich hier gerne aufhält“, sagt sie. Es geht Eichhorn um die Atmosphäre der Freiwilligkeit, sie will verständiges Interesse wecken für ihr Anliegen, die Augen öffnen für die zerstörten Leben anderer.

          Es gibt auch ein Büro, einen Rückzugsort für Gespräche. Als wir dort sitzen, sagt Maria Eichhorn, dass sie als Künstlerin handelt, und sie fügt gleich hinzu, dass es für sie keinen Unterschied zwischen der Kunst und der Realität gibt: „Kunst ist genauso eine Realität.“ Wobei ein künstlerisches Projekt ihr eine größere Handlungsfreiheit biete, als sie eine politische Institution wie etwa das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg haben kann. Bisher ist das Institut Rose Valland von der Documenta 14 finanziert, ein Projekt auf Zeit also. Eine Verlängerung könne sie sich aber sehr gut vorstellen, sagt Maria Eichhorn. „Ideal wäre es, das Rose Valland Institut an eine Universität anzudocken. Es geht ja wirklich um ein Forschungsgebiet.“ Darauf, dass eines Tages eine Universität Forschungsgelder für so eine Einrichtung bekommen könnte, hofft Maria Eichhorn. Und die vielen wahren Geschichten von falschem Eigentum mit ihr.

          Das Rose Valland Institut ist zu erreichen unter kontakt@rosevallandinstitut.org.

          Quelle: F.A.Z.

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