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documenta Was tun? Familie Wu reist nach Kassel

13.06.2007 ·  Der Künstler Ai Wei Wei lässt 1001 Chinesen zur documenta reisen. Sie - und ihre Bilder und Filme - sind sein Kunstwerk. Natürlich haben sie alle schon jetzt ein Bild von Deutschland im Kopf. Wir haben einen von ihnen in China besucht.

Von Mark Siemons
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Dass 1001 Chinesen nach Kassel kommen, ist eigentlich keine große Sache. In Deutschland leben mehr als 70.000 Chinesen, und im vergangenen Jahr wurden 441.000 durchreisende chinesische Geschäftsleute und Touristen gezählt. Chinesen gehören längst zum deutschen Stadtbild. Was also ist der Witz?

Der Witz ist, dass die 1001 Chinesen, die der Pekinger Künstler Ai Wei Wei zur documenta bringt, reine Kunst sind: Sie kommen nicht aufgrund der Absichten und Interessen, die einen für gewöhnlich in ein anderes Land ziehen, sondern von Gnaden eines Kunstsystems, das mit dem schier unerschöpflichen Geld, das es auftreiben kann, das Unmögliche möglich macht und wie im Märchen - „Fairytale“ heißt der Titel des Projekts - die üblichen Begrenzungen des Schicksals aufhebt: das also Leuten, die sich das sonst niemals hätten leisten können, einen Flug und eine Woche Aufenthalt in Kassel bezahlt.

Menschen als Symbol

Die einzige Bedingung, die das Kunstsystem stellt - eine Bedingung gibt es im Märchen schließlich für jedes Wunder -, ist, dass die Leute als Symbol auftreten. Aber Symbol für was? Für die Gastgeber können die 1001 Chinesen die Vorhut der globalen Massen repräsentieren, die sich mit wachsender Geschwindigkeit auf sie zuzubewegen scheinen, und damit auch die eigene Angst vor kulturellem und materiellem Verlust. Für die Gäste aber steht das Projekt für die Plötzlichkeit, mit der das Leben zurzeit jahrtausendealte Schranken hinter sich lässt und sich in eine ungewisse Weite hinein öffnet: Das Symbolischste also an diesem eigenartigen Kunstwerk ist die Verschiedenheit dessen, was es symbolisiert - je nachdem, auf welcher Seite der Globalisierung man steht.

Familie Wu wird mit neunzehn Personen anreisen: drei Brüder und deren Frauen, die erwachsenen Kinder mit ihren Ehepartnern sowie zwei betagte Tanten. Herr Wu Ping-zhong ist schon zu seiner Tochter, die in Peking lebt, vorausgefahren, die anderen werden erst Ende Juni aus ihrem Heimatdorf im Süden nachkommen, um dann gemeinsam nach Deutschland zu fliegen. Er ist ein kleiner, aufrechter Mann, der kerzengerade auf dem Bett sitzt. Mit Kunst hatte er bisher noch nie etwas zu tun. Aber er weiß, dass sein Leben dokumentiert werden soll, das gehört zur Vereinbarung. Vor kurzem war ein Dokumentarfilmer, der renommierte Regisseur Wang Bing, in seinem Heimatdorf und hat dort einen Monat lang alles festgehalten. Und so erzählt Herr Wu freundlich und bereitwillig über sein Herkommen.

Holzarchitektur ohne Nägel

Die ganze Familie stammt aus Jichang, das ist ein Dorf von 120 Familien in der südlichen Provinz Guangxi. Das Dorf gehört zur Stadt Sanjiang, die in China als klein gilt, aber immerhin 200.000 Einwohner hat. Familie Wu zählt zu einer Bevölkerungsgruppe, die in China Dong-Minorität genannt wird und sich in dieser Gegend sammelt. Sie hat eine eigene Sprache, eine eigene, etwas atonale Musik und eine eigene Holzarchitektur, die ohne Nägel auskommt. Das Essen hat einen säuerlichen Geschmack, gern isst man Klebreisknödel mit Teeblättern. Wie viele andere Dörfer der Gegend auch ist Jichang in einen Berg hineingebaut, auf dessen Gipfel eine Pagode steht. Abends trifft man sich dort, schwatzt miteinander und singt Lieder.

Herr Wu weiß gar nicht, was sie in Kassel machen werden. Er weiß nur das, was auch die deutschen Zeitungsleser schon wissen: dass sie in einer ausrangierten Fabrikhalle wohnen werden, dass einheimische Köche mitreisen werden. Noch nicht einmal seine Tochter weiß Näheres, obwohl die doch die ganze Sache eingefädelt hat. Die Tochter lebt schon seit 1992 in Peking. Sie singt in einer Rockband, schreibt Romane und führt seit drei Jahren für ein Magazin Interviews mit Regisseuren und Schriftstellern. Sie kennt Ai Wei Wei, den Patriarchen der Pekinger Kunstszene, schon lange, und früh hatte er ihr von seinem documenta-Vorhaben erzählt. Jetzt reist sie nicht nur als Teilnehmerin mit, sie wird auch im Dokumentationsteam sein und Interviews mit den anderen Chinesen führen. Aber was genau in Kassel passieren wird, weiß auch sie nicht.

Freude und Staunen

Vielleicht weiß es niemand. Aber das spielt keine Rolle; als die Rede auf die Reise kommt, verklärt sich das Gesicht von Herrn Wu, auch bei aller Ungewissheit. Ja, als sie durch die Tochter von dieser Möglichkeit erfahren haben, haben sie alle, ohne zu überlegen, zugesagt. Das ist doch sehr schön, wenn man etwas anderes kennenlernen kann, warum soll man das nicht machen. Die Freude bei Herrn Wu ist ohne jede Berechnung - nicht wie die Freude nach einem gelungenen Coup, eher ein Staunen, dass es so etwas im Leben geben kann.

Sieben der Wus, die nach Kassel reisen, sind Bauern; die anderen arbeiten als Lehrer, Beamte und Arbeiter. Die Landwirtschaft in Jichang besteht vor allem aus Reisanbau, der Zucht von Ölbäumen und Holzverkauf. Man hält sich aber auch Wasserbüffel. Jede Familie bearbeitet die Parzelle Land, die sie nach dem Ende der Kollektivwirtschaft gepachtet hat. Alle Wus sprechen außer ihrem Heimatdialekt auch das offizielle Amts-Chinesisch, das Putonghua, das man in der Schule lernt; nur die beiden betagten Tanten sprechen es nicht.

Die lange Reise

Herr Wu ist der Einzige in der Familie, der schon herumgekommen ist. Er ist Jahrgang 1944, sechs Jahre konnte er die Schule besuchen. Als junger Mann ist er in die Armee eingetreten, hat sechzehn Jahre lang in der Nachbarprovinz Guangdong Wache gestanden, da bekam man, erzählt er, von den schlimmen Jahren der Kulturrevolution nicht so viel mit. 1974 heiratete er. Nachdem er 1979 die Armee verlassen hatte, wurde er Verwaltungsangestellter in Guigang. Er war auch schon in Hunan. Die anderen aus der Familie aber haben ihre Stadt zum ersten Mal verlassen, als sie jetzt alle gemeinsam nach Kanton reisten, um dort beim deutschen Konsulat ihr Visum zu beantragen. Vorher mussten sie sich bei den lokalen Behörden in der Stadt einen Pass besorgen. Und dann steht bald die große Fahrt in die Hauptstadt Chinas an, bevor danach das ganz andere - Kassel - kommt.

Es ist ein alter Traum der Kunstreligion, dass sie das Leben ihrer Jünger verändert. Jeder Kurator malt sich von neuem aus, was in den Menschen passieren wird, die zu seiner Ausstellung kommen. Obwohl doch bei den meisten, die zu einer Ausstellung gehen, um Kunst zu sehen, der Routinepanzer in Wirklichkeit dick genug ist, um gegen Veränderungen gefeit zu sein. Wie aber ist es bei denen, die zu einer Ausstellung gehen, um selber Kunst zu sein? Die Reise der Familie Wu zur documenta ist lang, und man kann sagen, dass sie ihr Leben schon jetzt gehörig durcheinander gebracht hat.

Auch bei der Tochter, die doch dem Kulturmilieu angehört: Aber sie ist weit entfernt davon, die Reise mit Abgeklärtheit zu betrachten. Sie ist so neugierig wie ihr Vater. Sind die deutschen Männer romantisch? Haben die deutschen Journalisten Zeit genug, Romane zu schreiben? Und vor allem: Kann man in Kassel sämtliche Brahms-Noten kaufen? Das wäre doch wirklich sehr schön.

Er bringt 1001 Chinesen nach Kassel: Wer ist Ai Wei Wei?

Der chinesische Künstler und Architekt Ai Wei Wei wurde 1957 in Peking geboren. Bekannt wurde er unter anderem durch seine Zusammenarbeit mit den Schweizer Architekten Herzog & de Meuron, mit denen er am Pekinger Nationalstadion für die Olympischen Sommerspiele 2008 arbeitet. Ai Wei Wei ist der Sohn von Ai Qing, einem berühmten kommunistischen Dichter und Regimekritiker. Nach Ai Wei Weis Geburt wurde die Familie in die Wüste Gobi verbannt, Ai wuchs in der Mandschurei auf. „Ich war gerade geboren, als mein Vater in Ungnade fiel“, erzählte Ai Wei Wei vor einiger Zeit in einem Interview: „Er hat den Großen Marsch mitgemacht und war seit den dreißiger Jahren einer der populärsten Dichter. 1949 kam er mit Maos Truppen nach Peking. 1957 mussten meine Eltern alles aufgeben und in den Nordwesten ziehen, in die Provinz Xinjiang an der mongolischen Grenze. Oft gingen wir betteln.“ 1981 wanderte Ai Wei Wei in die Vereinigten Staaten aus, lebte in Kalifornien und in New York und studierte an der Parsons School; seine Arbeiten waren geprägt von Dada und Konzeptkunst. 1993 kehrte er zurück nach China.

In Kassel will er zwei Arbeiten zeigen - eine wird darin bestehen, dass 1001 Chinesen, darunter Bauern, Arbeiter und Polizisten, eine Woche lang durch die Stadt laufen, Fotos machen und Filme drehen. Was zunächst nach einer massiven Form von Sozialmontagefluxus aussieht, entpuppt sich als ein Spiel mit den Formen und Folgen des Massentourismus, mit der Frage, wer wohin reisen darf, und was passiert, wenn die Verlierer der Globalisierung plötzlich an ihren weltumspannenden Bewegungen teilnehmen dürfen. Am Ende sollen die Teilnehmer ihr Bildmaterial bei Ai Wei Wei abgeben - und so den fremden Blick auf uns dokumentieren. (nma)

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