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Vor der Eröffnung : Was bringt die Documenta?

Die Documenta 13 soll ein Ort der Welterfahrung werden. Aber was sollen das für Erfahrungen sein? Von welcher Welt ist die Rede? Ein erster Blick nach Kassel.

          Ende dieser Woche beginnt in Kassel die Documenta 13, mehr als hundert Künstler bauen ihre Arbeiten auf – geredet wird aber nur über eine Person, über Carolyn Christov-Bakargiev nämlich, die Leiterin der Großausstellung. Nun ist es eine zeittypische Unsitte, dass mehr über die Kuratoren als über die Kunst diskutiert wird, zumal dann, wenn diese die Künstler einfach erst mal machen lassen und trotz energischer Nachfragen keinerlei hermeneutisches Besteck an die wartenden Berichterstatter herausgeben. Und wenn man der Presse nicht sagt, was „Konzept“ und „These“ der Großausstellung sei, macht sie sich ihre Themen eben selbst – weswegen im Vorfeld der Eröffnung zwei angebliche Skandale die Diskussion dominieren.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Zum einen soll Christov-Bakargiev versucht haben, zwei parallel zur Documenta stattfindende Kunstausstellungen zu verhindern. Tatsächlich hat sie sich über eine Skulptur des Bildhauers Stephan Balkenhol im Glockenturm von Sankt Elisabeth erregt – eine naturgroße männliche Figur, die weit über das Fridericianum schaut und den gleichen Figurenwitz vorträgt, mit dem Balkenhol seit Jahren den öffentlichen Raum dekoriert (F.A.Z. vom 18. Mai). Großes Wehgeschrei stimmte auch der Künstler Gregor Schneider an, der finstere Zensurmächte der Documenta am Werk sieht, weil die evangelische Kirche eine mit ihm geplante Ausstellung in der Kasseler Karlskirche abgesagt hat. Nun gibt es sehr viele Gründe dafür, eine Schneider-Ausstellung abzusagen, den Verdacht zum Beispiel, der Hang des Künstlers zum Essentialkitsch könne einmal wieder mit ihm durchgehen – die Documenta-Pressesprecherin Henriette Gallus bestreitet jedenfalls im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die Documenta-Leiterin etwas für die Absage getan und auch nur davon gewusst habe.

          Die Formwahrnehmung von Hunden

          Für tiefgreifendere Aufregung sorgte zuletzt ein irres Interview mit Christov-Bakargiew, in dem sie – sichtbar genervt davon, über Monate Stellungnahmen zu ihren feministischen, von Judith Butler und Donna Haraway geprägten Theoremen und anthropozentrismuskritischen Überzeugungen abgeben zu müssen – kurzerhand erklärte, sie sehe „keinen grundlegenden Unterschied“ zwischen Menschen und Hunden und Tomaten. Das war die schrillstmögliche Verknappung der Theorie, dass wir wenig über die Weltsicht und ein mögliches ästhetisches Empfinden von nichtmenschlichen Lebewesen wüssten; und diese seien nicht bloß Begleiter des Menschen, sondern ebenbürtige Mitwesen, was man zumindest im Fall von Tomaten sehr komisch finden darf.

          Seitdem das Zitat in der Welt ist, machen Leute, die Gegenwartskunst sowieso für einen übergeschnappten Bluff halten, die erwartbaren Witze über die kommende Documenta – auf der tatsächlich einige Skulpturenparcours anzutreffen sein werden, die speziell auf die Formwahrnehmung von Hunden abgestellt sind, und man kann darauf warten, dass irgendein Klamaukonkel das Ganze als Dogumenta abtun wird, womit man den vielen spannenden Künstlern unrecht täte, die hier ihre Arbeiten zeigen werden.

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