Home
http://www.faz.net/-hh9-70dic
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vor der Eröffnung Was bringt die Documenta?

 ·  Die Documenta 13 soll ein Ort der Welterfahrung werden. Aber was sollen das für Erfahrungen sein? Von welcher Welt ist die Rede? Ein erster Blick nach Kassel.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (6)

Ende dieser Woche beginnt in Kassel die Documenta 13, mehr als hundert Künstler bauen ihre Arbeiten auf – geredet wird aber nur über eine Person, über Carolyn Christov-Bakargiev nämlich, die Leiterin der Großausstellung. Nun ist es eine zeittypische Unsitte, dass mehr über die Kuratoren als über die Kunst diskutiert wird, zumal dann, wenn diese die Künstler einfach erst mal machen lassen und trotz energischer Nachfragen keinerlei hermeneutisches Besteck an die wartenden Berichterstatter herausgeben. Und wenn man der Presse nicht sagt, was „Konzept“ und „These“ der Großausstellung sei, macht sie sich ihre Themen eben selbst – weswegen im Vorfeld der Eröffnung zwei angebliche Skandale die Diskussion dominieren.

Zum einen soll Christov-Bakargiev versucht haben, zwei parallel zur Documenta stattfindende Kunstausstellungen zu verhindern. Tatsächlich hat sie sich über eine Skulptur des Bildhauers Stephan Balkenhol im Glockenturm von Sankt Elisabeth erregt – eine naturgroße männliche Figur, die weit über das Fridericianum schaut und den gleichen Figurenwitz vorträgt, mit dem Balkenhol seit Jahren den öffentlichen Raum dekoriert (F.A.Z. vom 18. Mai). Großes Wehgeschrei stimmte auch der Künstler Gregor Schneider an, der finstere Zensurmächte der Documenta am Werk sieht, weil die evangelische Kirche eine mit ihm geplante Ausstellung in der Kasseler Karlskirche abgesagt hat. Nun gibt es sehr viele Gründe dafür, eine Schneider-Ausstellung abzusagen, den Verdacht zum Beispiel, der Hang des Künstlers zum Essentialkitsch könne einmal wieder mit ihm durchgehen – die Documenta-Pressesprecherin Henriette Gallus bestreitet jedenfalls im Gespräch mit dieser Zeitung, dass die Documenta-Leiterin etwas für die Absage getan und auch nur davon gewusst habe.

Die Formwahrnehmung von Hunden

Für tiefgreifendere Aufregung sorgte zuletzt ein irres Interview mit Christov-Bakargiew, in dem sie – sichtbar genervt davon, über Monate Stellungnahmen zu ihren feministischen, von Judith Butler und Donna Haraway geprägten Theoremen und anthropozentrismuskritischen Überzeugungen abgeben zu müssen – kurzerhand erklärte, sie sehe „keinen grundlegenden Unterschied“ zwischen Menschen und Hunden und Tomaten. Das war die schrillstmögliche Verknappung der Theorie, dass wir wenig über die Weltsicht und ein mögliches ästhetisches Empfinden von nichtmenschlichen Lebewesen wüssten; und diese seien nicht bloß Begleiter des Menschen, sondern ebenbürtige Mitwesen, was man zumindest im Fall von Tomaten sehr komisch finden darf.

Seitdem das Zitat in der Welt ist, machen Leute, die Gegenwartskunst sowieso für einen übergeschnappten Bluff halten, die erwartbaren Witze über die kommende Documenta – auf der tatsächlich einige Skulpturenparcours anzutreffen sein werden, die speziell auf die Formwahrnehmung von Hunden abgestellt sind, und man kann darauf warten, dass irgendein Klamaukonkel das Ganze als Dogumenta abtun wird, womit man den vielen spannenden Künstlern unrecht täte, die hier ihre Arbeiten zeigen werden.

Im Sumpf des Ignorabimus

Carolyn Christov-Bakargiev, 1957 als Tochter einer italienischen Archäologin geboren, wuchs in Washington auf, sie hat Literatur und Kunstgeschichte studiert und war leitende Kuratorin des New Yorker PS1, Chefin des Castello di Rivoli bei Turin und verantwortete 2008 die Sydney-Biennale. Fragt man sie, worum es ihr in Kassel gehe, erklärt sie, man wolle ein mögliches anderes Weltbild vor Augen führen, sich Welt neu vorstellen und dafür zunächst einmal die Begriffe auseinandernehmen, mit denen wir Realität beschreiben. Dieses Vorhaben beginnt ganz pragmatisch bei experimentellen Architekturen und Denk-Gebäuden in den Auen, mit denen gefragt wird, wie wir leben, was wir für eine Vorstellung vom Privaten und vom Öffentlichen haben und was Alternativen wären. Es reicht weiter über die Begegnung mit Künstlern aus dem Nahen Osten und China, Mittelamerika und Afghanistan und ihre Weltsicht bis hin zu der vieldiskutierten Erkenntnis, dass ein Hund eine Stadt und ihre Formen und Gerüche ganz anders erlebt als wir.

Es wird viel geben auf dieser Documenta, worüber man streiten kann und muss. Dazu gehört nicht nur Carolyn Christov-Bakargievs Version einer Anthropozentrismuskritik. Man will die Welt mit Hundeaugen sehen, aber man hat diese Augen nun mal nicht und kann nur über sie spekulieren, und so droht vieles, was an Formen für eine andere Weltsicht errichtet wird, im Sumpf des großen Ignorabimus steckenzubleiben. Dazu kommt, dass etliche Gegenwartskünstler ohnehin dazu tendieren, ihre Besorgnis um den ökologischen, sozialen und politischen Weltzustand etwas zu direkt in eine aufkleberhaft flache Paraphrasekunst umzuwandeln, die es für ausreichend erachtet, metaphorisch noch einmal zu sagen, was schon bekannt ist. Auf der anderen Seite drohen Ausstellungen, in denen mit einem gewissen antihermeneutischen Furor auf die unmittelbare, intensive Wirkung und ästhetische Präsenz des Kunstwerks gesetzt wird, immer zu einem seltsamen Wellness-Trip zu werden, bei dem Kunst vor allem eine tröstende Kulinarik „für alle Sinne“ abverlangt und Kunst in der Folge, gewissermaßen als Yoga für die Augen, Teil jener Bewusstseinssedationsanlagen wird, zu denen sie angeblich Alternativen biete. Aber das gilt für jede Gegenwartsausstellung.

Schrille Misogynie und ersticktes Gegluckse

Man kann an zahlreichen neueren Großausstellungen kritisieren, dass sie die Kunst zum bloßen Illustrationsmaterial der These des Kurators denaturieren; der Kurator, einst angetreten, um Künstler besonders sinnfällig zu präsentieren, hat in einer putschartigen Bewegung sich selbst zum Künstler und dessen Arbeiten zum bloßen Rohmaterial seines eigentlichen Werks degradiert. Dass Christov-Bakargiev dagegen allen bohrenden Versuchen der vorabinformationsdürstenden Kunstpresse zum Trotz keinerlei festmachbares Metakonzept ihrer Documenta herauszugeben gewillt war, sondern ganz im Gegenteil die wartende Meute mit immer verrückteren Thesen zur Identität von Tomaten, Hunden und Menschen bombardierte, kann man da auch erst einmal ganz sympathisch finden.

Was bisher an Kritik vorgebracht wurde, hat einen ranzigen Unterton. Ob man die „Esoterik“ der Kuratorin beklagt (hat man je in ähnlicher Weise die Esoterik von Beuys’ Eichen und Honigpumpen bejammert?) oder sie in einer ebenso infamen wie bemerkenswert uninformierten Glosse als „Schwester Humorlos“ abkanzelte und allen Ernstes mit Nazi-Größen in Zusammenhang brachte, weil sie, was nachweislich falsch ist, persönlich Schneiders und Balkenhols Ausstellungen verhindert haben soll: Die Kritik an dieser Documenta bietet bisher nicht viel mehr als schrille Misogynie und ersticktes Gegluckse aus dem vollgequalmten Herrenzimmer der Kulturberichterstattung. Wofür diese Documenta steht, wird sich erst in einigen Tagen zeigen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1972, Redakteur im Feuilleton.

Jüngste Beiträge