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documenta 12 : Die Migration der Form

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Am 16. Juni wird in Kassel die zwölfte documenta eröffnet. Ihr künstlerischer Leiter Roger M. Buergel erläutert das Konzept der weltweit größten Ausstellung zeitgenössischer Kunst: die Migration der Form über kulturelle und geographische Grenzen hinweg.

          Es gibt viele Krisen bei einer documenta. Wie schön. Es gibt Krisen, die mit der finanziellen Ausstattung der Ausstellung zu tun haben, von deren budgetierten neunzehn Millionen Euro ganze zwei Millionen in die Kunst fließen. Und es gibt Krisen, die der Standort Kassel mit seinen räumlich viel zu klein dimensionierten Spielstätten verursacht. Aber will man Kassel mit den unendlichen Privilegien einer Stadt, die entschlossen mitspielt, missen? Keinesfalls. Und will man auf die Unabhängigkeit verzichten, welche die staatliche Unterstützung der Ausstellung garantiert? Niemals.

          Die Frage ist, wie man mit den Krisenherden umgeht. Betrachtet man Krisen als despektierliche Situationen, die man besser unter den Tisch kehrt? Oder sind sie nicht bereits Teil des Eigentlichen, nämlich Unterpfand ästhetischer Erfahrung? Aber schieben wir das Institutionell-Unterhaltsame einmal beiseite und wenden uns einer Krise zu, die unzweifelhaft das Herz der Ausstellung ausmacht: der Formkrise.

          Suche nach dem Mittelweg

          Die documenta 12, nicht anders als ihre Vorgängerinnen, zeigt Werke aus den unterschiedlichsten Geographien. Das Gros der Betrachter weiß wenig bis nichts über die Entstehungszusammenhänge. Ignorieren lassen sich diese Entstehungszusammenhänge nur um den Preis ethnozentrischer Mystifikationen. Kunst aus Afrika muss „afrikanisch“ aussehen; Kunst aus dem arabischen Raum „arabisch“. Aber was ist „afrikanisch“ und was „arabisch“? Und, en passant, was ist „europäisch“? Gleichzeitig ist die Ausstellung aber vor allem Ausstellung, also kein Wissenspaket, das uns mehr oder weniger akademisch über lokale Zusammenhänge informiert. Denn beschreitet man diesen Weg, degradiert man Kunst zur Illustration. Also: Was tun? - Gibt es den goldenen Mittelweg? Vielleicht. Die documenta 12 hat einen Vorschlag zu machen: die Migration der Form. Aber die documenta 12 ist auch ein Experiment. Wir möchten herausfinden, ob dieser Weg tatsächlich gangbar ist.

          Folgen wir diesem Weg entlang einer Kordel, welche die indische Bildhauerin Sheela Gowda auslegt: „And tell him of my pain“. Neunundachtzig Nadeln hat die Künstlerin zur Hand genommen und durch jede einen rund hundert Meter langen Faden gezogen. Diese Fäden wurden ineinander verdreht, mit Gummiarabikum verklebt und mit leuchtend rotem Kurkuma eingefärbt. Zeichnerisch wie skulptural erschließt die Kordel Raum; das massive Nadelbündel am Kopf konterkariert den bloßen Lyrismus.

          Lokale und politische Kontexte

          Zu den lokalen Kontexten, die in diese Arbeit hineinspielen, gehört der rituelle Gebrauch von Kurkuma ebenso wie traditionelles Frauenhandwerk, aber auch die typische Linearität indischer Malerei. Und eine Geburtserfahrung. „And tell him of my pain“, der Titel, verrät ein autobiographisches Motiv. Daneben demonstriert Gowdas Arbeit ein Bewusstsein für die Formensprache der Moderne. Zu denken wäre an Eva Hesses Erkundungen ins Reich der „Eccentric Abstraction“, wo Hesse anthropomorphe Gemenge von Schnüren entwickelt, die den Gegensatz von Chaos und Ordnung vergessen machen. Halten wir uns an die Form, entfaltet das Werk aber auch historisch-politische Kontexte.

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