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Die zweite Reihe (1) De la Tours „Auffindung des heiligen Sebastian“

Berlins Gemäldegalerie enthält auch „Zweitmeister“. Eine neue Serie weist nach, dass sie Kunstschätze sind, die in keinem Archiv verschwinden dürfen. Zum Beispiel de la Tours „Auffindung des heiligen Sebastian“.

Zur „Auffindung des heiligen Sebastian“ muss man hinab in die Studiensammlung der Gemäldegalerie. Das Bild hängt im Schummerlicht des langen Gangs: Es zeigt den zum christlichen Glauben konvertierten, von seinen Häschern getroffenen römischen Soldaten Sebastian am Boden liegend, seine körperliche Spannung aber verrät ekstatische Hingabe. Statt der vielen sonst bei Sebastian-Darstellungen verschwenderisch eingesetzten Pfeile beschränkt sich der Maler auf nur ein einzelnes Geschoss, eingedrungen unterhalb des Herzens: Es penetriert einen makellosen, jugendlichen Körper, der das Martyriumswerkzeug wie eine göttliche Begattung empfängt.

Die Legende berichtet, dass die heilige Irene den Verwundeten wieder gesund pflegte und dieser erst in einem weiteren bestialischen Akt den Märtyrertod starb. In diesem, der Werkstatt des großen französischen Tenebristen Georges de la Tour zugeschriebenen Gemälde kniet die Heilige zum Todgeweihten nieder. Dessen vom Fackelschein kontrastreich beleuchteter Körper und ihr Gewand gehen farblich ineinander über - im Märtyrerblut vereinigt sich die karitative Geste mit dem Opfer. In chromatischer Verschmelzung sind Opfer und Retterin zu einer Pietà gebildet; das flammende Licht der Fackel - eine überraschende Mischform aus früher Glühbirne und spätem Hans Hartung - weist, die Genesung und Wiederaufrichtung des Opfers vorzeichnend, in die obere rechte Bildhälfte.

Für nichts wird Georges de la Tour mehr geschätzt

In solch konzentrierter Nähe und in der Lichtdramatik, in der prospektiven Auffaltung nach oben, hat die christliche Tugend der Caritas selten eine schlüssigere, stärker überredende Form gefunden. Und das sowohl kompositorisch als auch in ihrer eigenwilligen Licht- und Farbregie. Die Besonderheit des Berliner Gemäldes wird im Vergleich mit einer weiteren Fassung des Bildes im Pariser Louvre deutlich. Diese gilt gemeinhin als das Original, die Berliner Variante als Kopie (weshalb sie dort auch unter „Werkstatt“ firmiert und ins Untergeschoss verbannt wurde). Grund dafür ist, dass in Paris die Bildfläche insgesamt heller erscheint.

In der Pariser Fassung hat der Maler durch erhebliche Beimischung von Lapislazuli für einen dauerhaften Erhalt der blauen Farbe gesorgt; im Berliner Bild, das materiell scheinbar weniger ambitioniert ausgeführt worden ist (deshalb die Werkstattzuschreibung), hat das Fehlen dieses Zusatzes zu frühzeitiger Verdunkelung geführt. Das bewirkt freilich, dass im Berliner Bild der Chiaroscuro-Effekt, das spektakuläre Helldunkel, weitaus stärker zum Tragen kommt. Und für nichts ist Georges de la Tour bekannter und zu Recht mehr geschätzt.

Die treffendere Attribution

Der Lothringer gilt überhaupt als einer der eigenwilligsten Vertreter des nordischen Caravaggismus. Ob er freilich die Licht-und-Schatten-Malerei des Caravaggio auf einem eigenen Besuch in Rom oder über dessen Utrechter Nachfolger kennengelernt hat, muss ebenso ungewiss bleiben, wie alle Organisation seiner Werkstatt und überhaupt die Entstehungsbedingungen seiner Gemälde. Wissen tut man also wenig; sehen kann man viel. Die Berliner Fassung jedenfalls stellt eine noch gesteigerte Kontrastmalerei dar, die sowohl dem allgemeinen Charakter der de la Tourschen Werke als auch der dramatischen Episode näher kommt als die Pariser Version.

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Der Autor ist Professor für Kunstgeschichte. Er leitet das Deutsche Forum für Kunstgeschichte in Paris.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 02.01.2013, 12:49 Uhr

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