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Kunst-Biennale Berlin : Haiti liegt an der Spree

Mancher fährt einfach dran vorbei: Firelei Baez’ Replik des haitianischen Schlosses Sanssouci. Bild: dpa

Leise und mit feinem Gespür kuratiert, entwirft die zehnte Kunst-Biennale in Berlin neue Weltkarten. Fast übersieht man dabei, wie wild und polemisch sie eigentlich ist.

          Der Entwurf ist eigentlich alt – und einer der irrsinnigsten Pläne der an irrsinnigen Plänen nicht armen Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts. 1928 schlug der deutsche Architekt Herman Sörgel vor, Gibraltar und Marokko – und damit Europa und Afrika – mit einem gigantischen Staudamm zu verbinden. Mit der Wassersperre sollte der Meeresspiegel des Mittelmeers so abgesenkt werden, dass ganz neue Landmassen entstehen würden und man bequem mit Zügen und Lastwagen nach Nordafrika fahren könnte. Sörgel nannte das Projekt „Atlantropa“, und er fand zahlreiche Anhänger seiner Idee. Auf der diesjährigen Berlin-Biennale greift die Künstlerin Heba Y. Amin diese Idee in einer Videoinstallation auf und zeigt, wie die Welt aussähe, wenn Europa und Afrika zu einem Superkontinent vereint würden.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Ganze schwankt, wie schon bei Sörgel und seinen Anhängern, denen es vor allem darum ging, Afrika endlich bequem kontrollieren und ausbeuten zu können, zwischen dunkler Kolonialvision, politischer Vereinigungsutopie und ökologischem Horrorszenario. Aber es zeigt auch, wie wackelig die Grenzdefinition zwischen Europa und Afrika ist und dass „europäische“ Länder wie Spanien und Italien „nordafrikanischen“ Ländern wie Marokko nicht nur geographisch, sondern auch kulturell näher sind als den ebenfalls als „europäisch“ gelabelten Ländern im Osten oder Norden der Europäischen Union. Wer sind „die“, wer „wir“? Es wurde im Vorfeld dieser Biennale viel über Afrika geredet – wobei es kein gutes Zeichen ist, wenn die Herkunft und die Hautfarbe einer Künstlerin oder Kuratorin in der Berichterstattung mehr Platz einnimmt als ihr Werk oder ihre Arbeit. Als bekannt wurde, dass die Berliner Kunst-Biennale von der Südafrikanerin Gabi Ngcobo geleitet werden würde, und zwar mit den Ko-Kuratorinnen Nomaduma Rosa Masilela aus New York, Serubiri Moses aus Uganda und Yvette Mutumba aus Berlin, wurde immer wieder ganz aufgeregt darüber geschrieben, dass es abermals um Postkolonialismus gehe und hier ein „rein schwarzes Team“ am Werk sei – als sei das Hauptanliegen der Kuratorinnen etwas, das sich aus ihrer gemeinsamen Hautfarbe ableiten lasse.

          Diejenigen, denen schon die letzte Documenta mit ihrem Fokus auf nichteuropäischer Kunst nicht passte, machten ein langes Gesicht und klagten, dass sie, obwohl es doch so viel schöne, superzeitgenössische, superaktuell wirkende Post-Internet-Kunst gebe, vermutlich wieder nur zum Dekolonialisierungskurs geschickt werden würden, und gleich nach der Vorbesichtigung dieser Biennale fuhren die ersten Zeitungen auch prompt mit pampigen Überschriften wie „Dekolonisiert euch doch selber“ vor.

          Kusntstoffköpfe als Lautsprecher: Installation der nicaraguanischen Künstlerin Patricia Belli.

          Aber wenn man dann auf diese Biennale geht, sieht man sehr schnell, dass die Begriffe „postkolonial“ und „außereuropäisch“ gar nicht oder nur am Rande vorkommen und dass man es hier – anders als in manchen Bereichen der Documenta, wo Artefakte tatsächlich zu bloßen Referenzmateralien von politischen Thesen reduziert wurden – mit einer der besten Ausgaben dieser seit 1998 stattfindenden Biennale zu tun hat. Sie fördert einen ganzen Kosmos an Werken von 46 meist noch unbekannten Künstlerinnen und Künstlern zutage, von denen etliche auch aus Afrika kommen, der Maler Herman Mbamba etwa, der jetzt in Norwegen lebt. Aber von einer trocken-kunstfernen „Dekolonialisierungsschau“ kann keine Rede sein, wobei allein die Reaktionen auf Ncobo und ihr Team zeigen, dass das Nachdenken über die Bedingungen, unter denen Menschen mit dunkler Hautfarbe in diesem Land leben und arbeiten, dringend notwendig ist (auf der Biennale passiert das in einem Film von Natasha A. Kelly über schwarze deutsche Frauen).

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