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„Die Wunder Roms“ in Paderborn : Hier stehe ich, Venus, der Welt zum Spott

Vergangener Pomp, alte Pracht: Eine Ausstellung in Paderborn erzählt von der Sehnsucht des Nordens nach Rom. Und spielt mit der Unschärfe und Weite des Antikenbegriffs.

          Eine Ausstellung über Rom, beginnend mit Konstantin dem Großen und fortgeführt bis zur Gegenwart, eine Hommage an den Reichtum, den Zauber, den Verfall und die Wiedergeburt der Ewigen Stadt – für ein einzelnes Museum, gar eines in der deutschen Provinz, ist das im Grunde undenkbar. Zu gewaltig das Thema, zu uferlos seine kunst- und realgeschichtlichen Bezüge, zu weit verstreut und streng gehütet die Schätze, aus denen man schöpfen könnte; von der Frage, wo und wie für all das, was man da zeigen müsste, überhaupt Platz wäre, ganz abgesehen. Ein unmögliches, ein unfassbares Projekt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und doch ist es genau das, was man im Diözesanmuseum Paderborn unter dem Motto „Wunder Roms“ gezeigt und erzählt bekommt: das zweitausendjährige Epos einer Welthauptstadt, gespiegelt in den Bildern, die ihre Besucher und Bewunderer sich von ihr machten, all jene, die aus Nebel- und Regenreichen mühselig über staubige Landstraßen zogen, um am Ende des Weges den vatikanischen Hügel aus der Landschaft steigen zu sehen. „Im Blick des Nordens“ nämlich und nur in ihm allein zeigt die Paderborner Ausstellung das Wunderwerk der Verwandlung, das dem Christentum auf den Trümmern der Antike gelang, und in dieser Perspektivenverengung liegt ihr genialer Kniff. Jeder Versuch, ein zeitlich oder geographisch umgrenztes Gesamtbild der Rom-Phantasien nach Konstantin zu zeichnen, hätte die Kuratoren an Abgründe der Unübersichtlichkeit geführt; aber der „Blick“, der aus nördlichen Breiten auf die Gräber von Aposteln und Vestalinnen fällt, hat genau die richtige Unschärfe, um seinen Gegenstand einerseits zu begrenzen und andererseits spielerisch zu erweitern. Von beiden Möglichkeiten macht die Ausstellung auf vorbildliche Weise Gebrauch.

          Wunder und Wunden

          Der Gang durch die Geschichte unserer Rom-Bilder beginnt mit einer Kugel und einer Hand. Die Kugel stammt von der Spitze des vatikanischen Obelisken, und im Mittelalter hieß es, sie enthalte die Asche Julius Cäsars. Als sie 1586 bei der Versetzung des Obelisken auf den Petersplatz geöffnet wurde, fand sich in ihrem Inneren jedoch nur Staub, der durch die Einschusslöcher des „Sacco di Roma“, der Eroberung der Papststadt durch kaiserliche Söldner, seit sechzig Jahren hereingeweht war – handfestes Beispiel einer Rom-Rezeption mit Feuer und Blei, die gar nicht so selten war, wie es uns heute erscheinen mag. Die Hand dagegen, die zu einer Kolossalstatue des großen Konstantin gehörte, stammt zwar auch von einem Rom-Eroberer, doch in Wirklichkeit markiert sie einen epochalen Verzicht. Denn mit dem Umzug der Reichshauptstadt nach Byzanz kam jener Prozess der Machtübertragung vom Römerstaat zur römischen Kirche in Gang, der in den Weltherrschaftsansprüchen der mittelalterlichen Päpste gipfelte. Der Zeigefinger weist zum Himmel, als wüsste er bereits, dass die Legitimation der Nachfolger Petri, die fortan am Tiber regieren, von dort oben kommen wird. Dem Besucher aber verdeutlicht der Torso ganz nebenbei, dass die Wunder von Rom immer auch Wunden sind, weil die Geschichte sie nicht in ein Museum gesperrt, sondern sich an ihnen abgearbeitet hat.

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