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Kader Attia in Frankfurt : Die Wunden der Welt zeigen und flicken

Er ist einer der wichtigsten Künstler unserer Gegenwart, seine Werke fassen jeden an: Der französische Künstler Kader Attia im Frankfurter Museum für Moderne Kunst.

          Der Weg in die aktuelle Ausstellung des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt führt durch eine Installation, von der die zentrale Halle beherrscht wird. Es ist ein Gang, an den Seiten begrenzt von übermannshohen Holzwänden, oben von einem Metallgitter, ein Käfig, auf dem Abfall jeglicher Art liegt. Kader Attia hat eine reale Situation nachgebaut aus der Altstadt von Hebron im Westjordanland. Mit den Drahtnetzen schützen sich die dort lebenden Palästinenser vor dem Unrat, den die israelischen Siedler vom Abhang oberhalb auf die Straße werfen. Der französische Künstler, der 1970 als Sohn algerischer Eltern in Dugny in der Nähe von Paris geboren wurde, setzt mit der raumgreifenden Arbeit „Los de Arriba y Los de Abajo“ (Die von Oben und die von Unten) aus dem Jahr 2015 ein im Wortsinn unumgängliches, brachiales Zeichen für jene unsichtbare horizontale Linie, jene unüberwindlich scheinende Logik, die Gesellschaften zerschneidet. Dies nicht nur in der von ihm nachempfundenen, konkret historischen Situation, sondern überall auf der Welt, wo Systeme konflikthaft aufeinandertreffen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Mit „Sacrifice and Harmony“, so der Titel der Frankfurter Schau, gibt Attia ein Programm vor. „Opfer und Harmonie“ handelt vom Gedanken an eine Versöhnung, unsentimental und wilden Herzens, die nicht am Horizont steht, aber einen Vorschein hat in der uralten Praxis der Reparatur. Das Reparieren, das Wieder-Herstellen, darf nicht heißen, eine Amnesie der Verletzung, den Gedächtnisverlust für die Bruchstelle zu erzielen. Denn genau dadurch wird das Opfer verleugnet zugunsten einer unwahren Harmonie, ähnlich einer Schönheitsoperation, die einen Zustand fingiert, den es zuvor nie gab. Unter dem Vorzeichen dieses Prinzips der Reparatur entfaltet der Künstler sein Panoptikum, es lässt sich eine Psychopathologie der Moderne nennen.

          Am Ort des selbstgefälligsten Luxus

          Doch Kader Attia führt keine wohlfeile Klage, sondern er versucht, den Ursachen solch heilloser Konflikte, von denen die Moderne entstellt ist, auf die Spur zu kommen. Dass er tiefgreifend gebildet ist, gibt ihm die Mittel zur Analyse wie zur Empathie, zur Abgrenzung wie zur (Hoffnung auf) Bewältigung an die Hand. Er zeigt auf die schwärenden Wunden und schlecht verheilten Narben, wie sie der Zusammenprall grundverschiedener Kulturen geschlagen hat und schlägt, von Kapitalismus und Kolonialisierung auf über Jahrhunderte gewachsene Strukturen in der arabischen Welt und in Afrika. Vielleicht ist überhaupt Kolonialisation, in all ihren Facetten vom Privatesten zum Öffentlichen, Dreh- und Angelpunkt dieser großartigen Ausstellung.

          Bei seinen so emotionalen wie intellektuellen Parforceritten verbindet Attia auf seine einzigartige Weise Anspruch mit Wirkung, Ethik mit Ästhetik; das macht ihn zu einem der wichtigsten Künstler unserer Gegenwart. Eine erste Begegnung mit ihm konnte schon 2008 stattfinden, ausgerechnet in Miami Beach in Florida, als die Kunstmesse Art Basel dort zum siebten Mal stattfand und junge Künstler in Containern am Strand ihre Werke zeigten. Kader Attia hatte da seinen „Halal Sweatshop“ eingerichtet, in dem Frauen auf engstem Raum an Nähmaschinen saßen, um im Akkord herzustellen, was die modische Welt des Westens zusammenhält. Ohne ein einziges Wort machte er die Spielregeln schizophrenen Konsums sichtbar, am Ort des selbstgefälligsten Luxus. Jahre später, auf der Messe 2015 in Basel, gab es plötzlich während der Eröffnung der „Unlimited“-Halle mit den übergroßen Werken einen Lärm, der alle in Schrecken versetzte. Einer schmiss da mit rohen Steinen auf leere Vitrinen, bis alles Glas zersprungen war. Es war Kader Attia mit seiner Performance „Arab Spring“, die an die gescheiterte Revolution im Nahen Osten und in Nordafrika gemahnte, und an die seither herrschenden Ängste und Bedrohungen. Die Vitrinen in Basel waren jenen nachgebaut, die im Ägyptischen Museum in Kairo 2011 zertrümmert wurden.

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