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Die Vorzüge des Privatmuseums : Wer jetzt keins hat, baut sich eins

  • -Aktualisiert am

Ganz schön imposant: Das Würth Museum in Künzelsau. Bild: Würth

Nach Südkorea und den Vereinigten Staaten hat Deutschland die meisten Privatmuseen. Wie erklärt sich der Erfolg dieser Häuser hierzulande?

          Die elf amerikanischen Museen, die kürzlich Post aus dem Senat in Washington erhielten, dürften darüber wenig erfreut gewesen sein. Absender war der Vorsitzende des Finanzausschusses, Orrin G. Hatch, Senator in Utah. Sämtliche Adressaten waren Privatmuseen, darunter international bekannte Einrichtungen wie die Hall Art Foundation, die enge Verbindung zum Ashmolean Museum in Oxford unterhält. Oder The Broad, das von dem Unternehmer und Sammler Eli Broad gegründete Privatmuseum in Los Angeles, das im September eröffnete. Ausgelöst hatte den Brief ein Artikel in der „New York Times“, in dem der Frage nachgegangen wurde, inwiefern diese Einrichtungen im öffentlichen Interesse handeln.

          Bei der Antwort geht es um Hunderte Millionen Dollar: Die angeschriebenen privaten Museen sind nämlich von sämtlichen Steuern befreit, ein Status, der in Amerika „tax exempt“ heißt. Diese Regelung ist nur so lange gültig, wie die Einrichtungen dem Wohl der Öffentlichkeit dienen. Der Brief des Abgeordneten Hatch hielt fest, dass „wohltätige Organisationen eine wichtige Rolle in der Förderung des Guten in der Gesellschaft spielen“. Er äußerte jedoch Zweifel daran, ob nicht einige private Stiftungen Museen unterhielten, die nur einen minimalen Nutzen für die Gesellschaft hätten, es den Stiftern aber erlaubten, „substantielle Steuervorteile einzuheimsen“. Dem Brief lag ein Fragenkatalog bei, der etwa die Zugänglichkeit des Museums und die Besucherzahlen abfragte.

          Kurzum: In den Vereinigten Staaten hat sich die Politik in die Debatte darüber eingeschaltet, ob der Museumsgedanke im einundzwanzigsten Jahrhundert von einigen nicht auf den Kopf gestellt wird. Der Stolz des bürgerlichen Museums und seiner Kunst lag einmal darin, private Reichtümer in öffentliche zu verwandeln. Was, wenn die Kunst und das Museum inzwischen einigen Leuten dazu dient, aus öffentlichen Geldern private zu machen?

          Sammler binden sich lieber nur noch auf Zeit

          Die Diskussion wirft ein Schlaglicht auf eine Entwicklung, die auch in Deutschland weit fortgeschritten ist: auf den Boom der Privatmuseen. Mit 42 Privatmuseen nimmt Deutschland im internationalen Vergleich Platz drei ein; mehr Privatmuseen gibt es nur noch in den Vereinigten Staaten, nämlich 43, und in Südkorea, wo die Sammlerdatenbank „Larry’s List“ 45 zählt. Laut der aktuellen Ausgabe des „BMW Art Guide“, der sich als „globaler Führer zu privaten, doch öffentlich zugänglichen Sammlungen zeitgenössischer Kunst versteht“, ist Deutschland sogar das Land mit der weltweit höchsten Dichte an Privatmuseen.

          Für den Aufstieg gibt es mindestens drei Gründe; Eckart Köhne, der Präsident des Deutschen Museumsbunds, nennt einen Mentalitätswechsel als den ersten: „Früher haben private Sammler ihre Werke in die Museen als bürgerliche Institutionen dauerhaft und meist als Geschenk eingebracht“, sagt Köhne, „heute errichten sie immer öfter eigene Museen oder binden sich nur auf Zeit an bestehende Einrichtungen.“ Illustrieren lässt sich dieser Befund mit zahlreichen Fällen. Im Jahr 2006 zog das Galeristenehepaar Otto und Etta Stangl mehr als tausend Leihgaben aus dem Kunstmuseum Stuttgart ab, um diese an das Franz Marc Museum in Kochel am See zu geben, zu dessen Betreibern die Stiftung Etta und Otto Stangl gehört.

          Videoinstallationen, Film und Fotografie sind hier der Schwerpunkt: Die Stoschek Collection in Berlin.

          In München bestanden die Sammler Udo und Anette Brandhorst auf ein eigenes Haus, das ihnen 2009 der Freistaat Bayern spendierte, direkt neben den Pinakotheken. In anderen Fällen, wie bei Frieder Burda in Baden-Baden, hat die öffentliche Hand nur das Grundstück gegeben, den Bau und die Betriebskosten trägt die Stiftung des Sammlers. Auch die Bau- und Betriebskosten der Museen der Würth-Gruppe werden privat getragen, durch die Adolf Würth GmbH& Co. KG; diese ist Teil der gesamten Würth-Gruppe, die ihrerseits in Familienstiftungen gegliedert ist. Einige andere Privatmuseen erfahren öffentliche Unterstützung, indem sie in den Genuss der Staatshaftung kommen und ihre Kunst auf diese Weise versichert ist.

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