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Die Vögel Augusts des Starken : Zerbrechliche Tiere für Dresden

  • -Aktualisiert am

August der Starke, der Taler und Hufeisen mit der bloßen Hand verbogen haben soll, umgab sich mit vielen reizenden zerbrechlichen Tieren. Ein Sammler hat sie den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden nun als Dauerleihgabe vermacht.

          Ein Eichelhäher, zwei Mandelkrähen, zwei Kakadus und ein Papageienpärchen: Was Sie hier abgebildet sehen, sind sieben Porzellanskulpturen von insgesamt vierzig, die ein Privatsammler den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden als Dauerleihgabe vermacht hat und daran auch klug eine Bedingung knüpft. Denn die Vögel sollen nach dem Willen des Sammlers, der bisher ungenannt bleiben möchte, wieder in ihr altes Lebensumfeld einziehen, in den nächsten neun Monaten wird dafür gebaut, lackiert, geschnitzt und vergoldet.

          Rekonstruiert wird das Japanische Palais Augusts des Starken, jeder Vogel erhält einen vergoldeten Sockel in einer Landschaft aus lackierten Paneelen und Seidentapeten. Dank des Engagements von Ulrich Pietsch, dem Direktor der Porzellansammlung, besitzt Dresden jetzt mit den kostbaren Tieren, um die sich auch andere Museen in Deutschland bemüht hatten, die größte Kollektion Meißener Vogelplastiken weltweit.

          Es gab keine Vorbilder

          Warum aber ließ August der Starke die Vögel aus Porzellan arbeiten? Was trieb den Herrscher, der Taler und Hufeisen mit der bloßen Hand verbogen haben soll, der Sage nach sogar einen Pokal zerdrückte, sich mit so vielen reizenden zerbrechlichen Tieren zu umgeben? Die Geschichte führt zurück ins Jahr 1731, als August der Starke Johann Joachim Kaendler an die Meißener Porzellanmanufaktur berief, mit dem Auftrag, die kurfürstliche Menagerie in Porzellan nachzumodellieren. Vierhundertsechzig Tiere tummelten sich damals in den Käfigen, Volieren und Gehegen. Die Liebe zu Prunk und Glanz mag eine Rolle gespielt haben, als der Kurfürst den jungen gelernten Steinbildhauer also zu Löwe, Bär, Affe, Wisent oder Pelikan schickte.

          Schon Kaiser Rudolf II., wie August der Starke im Besitz einer überbordenden Kunstkammer, hatte sich ein Jahrhundert zuvor seinen aus Mauritius eingeschifften Dodo zuerst in Öl auf Leinwand malen und dann aus Elfenbein nachschnitzen lassen. Die Sorgfalt mit der Kaendler nun zu Werke ging, lässt jedoch noch auf ein weiteres Motiv schließen. Hinterlassen hat er seine Arbeitsberichte, durch die überliefert ist, dass er tatsächlich alle Tiere nach dem Leben im Dresdner Privatzoo des Herrschers studierte und Bozzetti vor Ort herstellte. Nach diesen Entwürfen fertigte er die Porzellanskulptur; für die Herausforderungen, die sich dabei stellten, gab es keine Vorbilder.

          Lebensgroß und natürlich

          Die europäische Tradition kannte bis dahin nur Tierplastiken aus Bronze oder Stein; aus Japan oder China gab es zwar in Porzellan gearbeitete Figuren von Hunden oder Vögeln, sie besaßen allerdings weder die Dimensionen noch den Realismus, den Kaendler nun anstrebte. Über den Ast, auf dem die Mandelkrähe sitzt, ließ er Raupen und Käfer kriechen, Pilze sprießen aus den morschen Sockeln der Kakadus hervor, eine Kohlmeise baut ihr Nest unter den Augen ihres Jägers, dem Eichelhäher. Lebensgroß wollte Kaendler seine Porzellangeschöpfe wenn möglich haben, natürlich in den Bewegungen. Einem Geier legte er in einer mehrfigurigen Plastik einen geschlagenen Kakadu mit aufgerissener Brust zwischen die Krallen, zwei Hunde verbeißen sich ineinander in einer weiteren Gruppe. Und damit dem Fischreiher aus Porzellan beim Brennen im Ofen nicht der lange Hals einsackte, setzte ihm der umsichtige Modelleur einen Frosch zwischen die Beine, sodass der Vogel den Kopf am Körper entlang- nach unten führt.

          Wissenschaftlich könnte man Kaendlers Detailversessenheit nennen, die Achtsamkeit, mit der er seinen Vögeln Insekten oder Kleinvögel als Nahrung beilegte. Vielleicht war es aber auch vorausahnende Sehnsucht, die August den Starken zu dem Auftrag bewog, seine Vögel vor der Vergänglichkeit zu bewahren. Mit der Entwicklung des kolonialen Überseehandels waren seit dem siebzehnten Jahrhundert immer mehr exotische Tiere in die westeuropäischen Häfen gelangt, auf dem direkten Seeweg aus Indien, Südostasien, Südafrika und Südamerika. Die Reise vertrugen sie nur schlecht, diejenigen, die nicht auf der Überfahrt erkrankten, verhungerten oder verdursteten, überlebten auch in ihrem Exil meist nicht lange.

          Um wenigstens ihre Körper zu retten, wurde seit dem frühen siebzehnten Jahrhundert damit experimentiert, die befiederte Haut nach Entfernen des Fleisches über künstliche Körper aus Stroh, Torf oder Holz zu ziehen, die Haltbarkeit solcher Präparate war jedoch gering. Erst hundert Jahre später erfand Jean-Baptiste Bécoeur eine Technik, Bälge mit Arsen zu präservieren. Für die Vögel Augusts des Starken kam diese Erfindung jedoch zu spät. Zum Glück hatte ihnen Kaendler da schon Körper aus Porzellan gegeben, in denen sie inzwischen schon weit über zweihundert Jahre alt geworden sind. Ausgestellt werden die schönen Tiere vermutlich Ende diesen Jahres in Dresden.

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