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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Die Unsterblichen“ in der Münchner Glyptothek Diese Götter sind unsere Ebenbilder

 ·  Sie sind unsere unbestechlichen Spiegelbilder: Die Bewohner des Olymp in der Ausstellung „Die Unsterblichen. Götter Griechenlands“ in der Münchner Glyptothek.

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© Katalog „Geber des Guten“: Zeus und Hera, die obersten der Götter, thronen auf diesem Vasenbild vor Hermes, dem Götterboten, der ihnen Nektar einschenkt. Wie sie die Höhen des Olymp, beherrscht Oceanos die Tiefen der Meere und der Flüsse

Kaum ist der Münchner Königsplatz erreicht, kneift man die Augen zusammen. Das liegt nicht nur am grellen Sonnenlicht der Hochsommerattacke. Stärker als sie blendet das Goldflirren einer riesigen Statue auf dem Treppenpodest der Glyptothek - Athena mit Helm und Speer, Wallegewand und kokettem Kontrapost blickt versonnen ins Weite. Offen gesagt: Sie stiert. Anders lässt sich dieser blitzweiße und kornblumenblaue Blick aus aufgerissenen Augen, die ein - pardon! - Pfannkuchengesicht mit Schmollmündchen beherrschen, nicht charakterisieren.

Wer ein wenig Kenntnis in Archäologie hat, wird irgendwann anhand der Umrisse dieser Riesenfrau die berühmte klassische, um 420 vor Christus gegossene Bronzestatue der „Athena Velletri“ erkennen. Doch was die Besucher der Glyptothek als Rekonstruktion des Originals, von dem wir nur hellenistische und römische Marmorkopien besitzen, empfängt, hat nichts von der „stillen Größe“, der Gemessenheit und Anmut, die unsereins an den antiken Bildwerken bewundert. Mögen Experten noch so oft beteuern, das Jeff-Koons-Geflirr dieser Athena entspreche dem, was die Griechen einst an den Bronzen ihrer Götter und Helden schätzten - die Münchner Titanin posiert vor ihrem Museumstempel wie eine bronzierte Glücksgöttin vor den Spielautomatenbaracken in Vegas.

Keine Insel der Seligen

Ein wenig später, mitten im Ausstellungsparcours, der die zwölf Hauptgötter (der Katalog nennt sie salopp zutreffend Patchworkfamilie) vorstellt, taucht eine Darstellung auf, die den spontanen Ärger über die Goldliese draußen endgültig vergessen lässt. Ein bezauberndes Bildnis der Hera, das alles hat, was der Rekonstruktion fehlt: Nicht würdige „Göttermutter“, sondern eine anbetungswürdig schöne, scheu selbstbewusste junge Frau mit Königsbinde (stephane), elegant fallenden, bestickten Gewändern und schlankem Hoheitsstab, schmückt in delikat blassen Farben eine attische 470 vor Christus entstandene Schale.

So winzig dieses Kunstwerk ist, erlebt man es doch als einen Höhepunkt der Sonderausstellung, mit der Florian Knauß, der neue Direktor der Glyptothek, seinen Einstand gibt. „Die Unsterblichen“ und ihre Allgegenwart im Denken und Handeln der Antike - „Alles ist voll von Göttern“, sagt Thales von Milet - sind ein klug gewähltes Thema. Denn das Allgemeinwissen um die Götter, Heroen und Dämonen Griechenlands, Etruriens und Roms versinkt in den Informationsfluten der Mediengesellschaft, und mit ihm die Kenntnis, dass ihre Mythen noch heute unsere Zivilisation prägen, ihre Regeln und Orakel, Taten und Untaten noch die unseren sind.

Leicht macht die Schau es dem Besucher nicht. Man betritt keine Insel der Seligen, sondern muss gleich zu Beginn beispielsweise ertragen, dass unser felsenfest in allen Köpfen verankertes „Methusalem-Syndrom“ am uralten „Erkenne dich selbst“ des Orakels von Delphi wie Glas zerschellt: Nicht nur Selbsterkenntnis, sondern vor allem das Akzeptieren der Sterblichkeit, des größten Grauens aller Lebenden, und die Einsicht in die Begrenztheit alles menschlichen Handelns forderten in Gestalt der Pythia die unsterblichen Götter von unseren Vorfahren. Das ist die unüberbrückbare Kluft, die sie, die der Dichter Hesiod um 700 vor Christus in seiner Mythensammlung „Theogonie“ (die Antike kennt keine Heilige Schrift) die „Geber des Guten“ nannte, vom Menschen trennt.

Athene als Kriegsfurie

Dennoch sind die Bewohner des Olymp unsere unbestechlichen Spiegelbilder: Eben noch gebannt von der Mädchen-Hera, lernen wir, geleitet von Homers „Ilias“, gleich darauf in verbissen majestätischen Statuetten und Vasenmalereien eine selbstgerechte, notorische Unruhestifterin kennen, deren Treiben nur noch von Ares, dem Gott des Kriegs, übertroffen wird. Zeus, Götterkönig, Bruder und Gemahl Heras, schreit ihm, ihrer beider Sohn, seine Abscheu zu: „Der Verhassteste bist du mir von allen olympischen Göttern! Gleich der Mutter an Trotz und unerträglichem Starrsinn, Hera, welche ich mühsam nur durch Worte bezwinge!“

Wer nun Hera als zeitlose zänkische Matrone und Ares als Wutbolzen à la Mario Gomez belächelt, wird von den besten Kunstwerken der Schau eines Erschreckenderen belehrt: Ares, das zeigen sein irrlichterndes Gesicht und die fiebrig gespannte Körperhaltung selbst noch in den schöngeistig geglätteten klassischen Statuen, steht für sämtliche Kriegsgreuel, vor denen - und damit vor sich selbst - sogar die kriegslüsternen Griechen und Römer sich fürchteten. Der Furor des Ares greift im Extremfall auf die anderen Götter über: Athene zum Beispiel, laut Homer „berühmt unter allen den Göttern durch Einsicht und kluge Gedanken“, erscheint auf frühgriechischen Darstellungen des Gigantenkampfs als Kriegsfurie, die mit den abgerissenen, bluttriefenden Gliedmaßen ihrer Gegner um sich schlägt.

Zwischen Untertänigkeit und Gleichstand

Artemis, die Göttin der Jagd, hilft, kaum geboren, ihrer Mutter Leto den Zwillingsbruder Apollon zur Welt zu bringen. Doch sie, die ewig jungfräuliche Schutzpatronin der Schwangeren, würgt als „Herrin der Tiere“ Löwen und streckt, gemeinsam mit Apollon, den wir so gern als strahlend schönen Herrn der Musen sehen, erbarmungslos strafend die Söhne und Töchter der Niobe mit Pestpfeilen nieder. Aus Machtgier tötet (er frisst sie auf) Zeus seine schwangere erste Gattin, die Gottwesenheit Metis (Weisheit), und bringt mittels Kopfgeburt Athena, seine Lieblingstochter, zur Welt. Hermes stiehlt, eben zur Welt gebracht, dem Bruder Apollon eine Rinderherde, bringt als Dieb mit seinem durchtriebenen Charme sämtliche Götter zum Lachen - und ist als Seelengeleiter der Sterblichen so sanft wie keiner seiner göttlichen Verwandten. Für jede dieser widersprüchlichen, das wirre Menschenwesen so exakt widerspiegelnden Charaktereigenschaften zeigt die Ausstellung fesselnde Kunstwerke. Das wohl krasseste Beispiel bietet der Kontrast zwischen den Vasenbildern des tröstenden, mitleidenden Seelengeleiters Hermes und dem Kopfgefäß mit der furchterregenden, hakennasigen und zerfurchten, grellbunten Bartfratze des Charun, der etruskischen Entsprechung des Hermes, in der die Todesfurcht des Menschen Gestalt geworden ist. Je näher man in München den Göttern kommt, desto einleuchtender wird die Losung der Ausstellung, dass in der Antike „Götter und Menschen eine Schicksalsgemeinschaft“ gewesen seien.

Die Rolle der Sterblichen schwankt in dieser Allianz sonderbar zwischen Untertänigkeit und Gleichstand: „Ich gebe, damit du gibst“ lautet der Grundsatz aller Kulte und Opfer. Und doch gilt es tausend Regeln zu beachten, um nicht den Zorn der Götter und unvorstellbar grausame Strafen heraufzubeschwören. Ist unsereinem schon diese Unterwürfigkeit fremd, so erst recht die Unbefangenheit, mit der man die Hilfe der Götter bei Schandtaten forderte. In der Glyptothek steht dafür eine „Fluchtafel“ aus Griechenland, auf der ein anonymer Gläubiger Dutzende Personen verflucht und die Götter anfleht, das Hasswerk zu vollbringen. Was wir heute bei Voodoo-Riten als Primitivismus fassungslos anstaunen, das Durchbohren von Wachspuppen mit Nadeln, um Feinde in Abwesenheit zu töten, war bei Griechen, Etruskern und Römern weit verbreitet. Und wer, was heutzutage als christliche Grundhaltung selbst Atheisten Respekt abnötigt, still für sich betete, war verdächtig: Die Götter hatte man laut und deutlich anzurufen; wer stumm betete, führte Böses im Schild.

Mit Mut zur Vasenmalerei und Kleinkunst

Der Pragmatismus des „Gibst du mir, geb ich dir“ war auch Notwehr. Denn in jedem windbewegten Baum, jedem Bach und jeder Erdspalte konnte ein Gott oder Dämon wirken. Die Götter seien zahllos, erklärte Hesiod und segnete damit auch die Offenheit der Alten für fremde Götter und Kulte. Die Götter Ägyptens und des übrigen Alten Orients, später die Germaniens und anderer römischer Kolonien, verschmolzen entweder mit den Olympiern oder zivilisierten sich zu gleichartigen Nebengöttern. Die beiden faszinierendsten Beispiele dafür sind in München der Marmorkopf eines „Zeus Ammon“, die römische Kopie eines um 450 vor Christus gemeißelten Originals, und die um 50 nach Christus gegossene Bronzestatuette eines ägyptischen Priesters. Zeus zeigt die gewohnten klassisch ruhigen Züge, doch aus seinen üppigen Locken winden sich die Widderhörner des altägyptischen Reichsgottes Amun; der Priester wiederum, dem Bocksgott von Mendes geweiht, trägt eine gehörnte Tiermaske auf dem Scheitel einer ägyptisch gestuften Perücke, könnte ansonsten aber mit seinem Kontrapost, den üppigen Draperien und dem weich gerundeten Körper eine hellenistische Darstellung des Apollon oder Dionysos sein.

Stunden könnte man zubringen in dieser Ausstellung. Und muss man zubringen. Denn ihre Gestalter hatten die Courage, nicht nur zugkräftige große Statuen und Büsten einzusetzen, sondern vor allem die zu oft im Schatten stehende, auf Konzentration angewiesene Vasenmalerei und Kleinkunst. Herrliche Exemplare lernt man kennen, zum Beispiel die unfassbar fein ziselierte, förmlich vibrierende Brunnenmaske des Ozeanos aus Teuchtlingen-Schambach oder die kleine „Juno Regina“ (150 nach Christus) aus Weißenburg, so perfekt geformt, dass man sie niemals in der Provinz, sondern in Rom vermutet hätte und getrost stadtrömischen Großplastiken zur Seite stellen könnte.

Das schleichende Ende der Olympier

Ein Gewinn also an Wissen und Genuss. Aber er muss hart erkämpft werden: Oft stehen die größten und schönsten bemalten Vasen zu ebener Erde, so dass man knien muss, um sie genauer zu betrachten. Irritierend auch, dass Gipsabgüsse (nichts gegen sie als Lehrobjekt, aber viel, wenn sie Originale ersetzen wollen) die prominentesten Standorte einnehmen, aber die Beschriftung, die sie als Abguss kennzeichnen, unleserlich klein gedruckt ist. Schlicht lausig ist die Wegführung. Wo die Ausstellung beginnt, in welchen Nebenräumen sie fortgesetzt wird und dass die Dauerausstellung auch als ergänzender Bestandteil der Sonderschau betrachtet werden kann, muss erraten oder erfragt werden.

Die leise Bedrückung aber, mit der man die Glyptothek verlässt, wächst aus anderem. Aus dem Blick nämlich auf das schleichende Ende der Olympier, das die Ausstellung zuletzt dokumentiert. In den von eifernden Christen verwüsteten Gesichtern der letzten Götterstatuen sieht man, was 362 nach Christus die Pythia dem Abgesandten des römischen Kaisers Julian gesagt haben soll: „Das schöngefügte Haus ist gefallen. Die Zuflucht Apollons dahin, der heilige Lorbeer verwelkt. Die Quellen schweigen für immer, die Stimme verstummt.“

Die Unsterblichen. Götter Griechenlands. Glyptothek München. Bis 7. Juli 2013. Der Katalog kostet 25 Euro.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1949, Redakteur im Feuilleton.

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