06.07.2007 · Die Skythen, das legendäre antike Volk der Krieger und Nomaden, hüteten nicht nur Gold, sondern konnten es auch wundervoll verarbeiten. Dieter Bartetzko hat im Martin-Gropius-Bau eine Ausstellung gesehen, in der sich größte Kunstfertigkeit und rätselhafteste Magie, Kultur und Barbarei vereint.
Von Dieter BartetzkoGrimms Märchen sind nicht nur der Hausschatz deutscher Dichtkunst, sondern auch ein Hort der Barbarei. Ein besonders grausiges Bild enthält das Märchen von der Gänsemagd. Täglich durchschreitet darin eine zur Leibeigenen erniedrigte Prinzessin ein Tor, über dem ihre Peiniger den Kopf ihres Pferdes Fallada angenagelt haben. An ihn denkt unweigerlich, wer im Berliner Martin-Gropius-Bau die aus einer weißen Wand ragende Nachbildung eines Pferdeschädels anschaut. Sie dient der Präsentation einer goldüberzogenen skythischen Pferdemaske.
Der untere Teil zeigt, verziert mit Spiralen und mit Aussparungen für Augen und Nüstern, das Tier. Darüber aber droht ein künstliches Gehörn. Rehbock? Widder? Während man noch rätselt, fallen darüber sich spreizende, von Rauten perforierte Gebilde auf, die Ohren oder Vogelschwingen sein könnten, über denen sich weitere arabeske Formen erheben, die wie Hahnenkämme anmuten. Größte Kunstfertigkeit und rätselhafteste Magie sind hier verbunden, Kultur und Barbarei eins geworden.
Das hätte Herodot nicht gedacht
Die Skythen, kriegerische nomadisierende Reitervölker, waren Barbaren. So überliefert es uns Herodot, der griechische Geschichtsschreiber. Mit der eurasischen Steppe beherrschten sie zwischen 700 und 200 vor Christus ein auch nach unseren globalen Maßstäben schier unermessliches Gebiet; vom Schwarzen Meer bis zum Altaj reichte das Land der Skythen, die Herodot das Volk der „goldhütenden Greifen“ nennt. Greifen aber, jene geflügelten Monster mit Löwenkörper, Raubvogelköpfen und messerscharfen Krallen, waren auch dem Griechentum heilig, Begleiter Apolls und anderer Götter.
Jeder Nichtgrieche galt Griechen als Barbar, selbst wenn er göttliche Wesen mit ihnen teilte. Unerachtet dessen waren die Skythen den Griechen enge Handelspartner. Zeitweilig, so Hermann Parzinger, der Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts und Inspirator der Ausstellung, „stemmten die Skythen die Versorgung Griechenlands mit Getreide“. Und sie waren Lieferanten begehrter Metalle. Skythisches Gold dominiert folgerichtig die Schau. Glaubt man anfangs wegen der häufigen griechisch antiken Motive an Importe, fallen bald originäre Artefakte ins Auge: Hirsche, Pferde, Schafe, Steinböcke, Hunde und Löwen - der skythische „Tierstil“ dominiert. Er entstand nicht - oder nicht nur - durch wandernde oder gefangene griechische Goldschmiede, sondern in Eigenproduktion.
Gehüllt in hauchfeine Gespinste
Gleichberechtigt in Kunstfertigkeit und Expressivität stehen neben den goldenen Werken solche aus Holz und Bein. Ein Ornamentalstil wird deutlich, der mit atemberaubend sicheren Linien Körper und Bewegungen fasst, aber, anders als der Jugendstil, den man zuweilen assoziiert, dem Dargestellten bei aller ornamentalen Kompression unmittelbare Lebendigkeit belässt. So beispielsweise ein goldener Hirsch aus Kostromskaja, der sich mit untergeschlagenen Läufen und spiralförmig einschwingendem Geweih zu einer Ellipse fügt - und doch vor nervösem Leben förmlich vibriert. Ebenso ein Sargdeckel aus Zirbelkieferholz, dessen geschnitzte Elche, Tiger und Widder ein unentwirrbares Liniengespinst bilden und doch deutlich sichtbar eine rasende Jagd wiedergeben. Die Graphik Chinas und die der griechischen Malerei - mit beidem waren die Skythen vertraut - scheinen hier vereint.
Kultivierte Kriegernomaden: Dieser scheinbar unvereinbare Dualismus kennzeichnet alles, was man in Berlin sieht. Besonders faszinierend zeigt er sich in der Kleidung der Skythen, die in Gräbern im Dauereis des Altaj-Gebirges überdauert hat. Fürstinnen und Fürsten trugen üppige Pelzmäntel, Filzstiefel, die mit Gold und Stickereien verziert waren, üppig drapierte Hosen und Hemden, Wickelröcke, Umhänge, Prunkgürtel und Strümpfe aus federleichter Wolle oder seidenweich gegerbtem Leder. Oder man hüllte sich in hauchfeine Gespinste aus Seide - denn die Skythen kontrollierten jenen Handelsweg, der bald als die „Seidenstraße“ berühmt war.
Jenseits vergorener Stutenmilch
Eine seidene, vollständig erhaltene Tunika ist in Berlin zu sehen, dazu Fragmente anderer Kleidungsstücke und feiner Teppiche. Man weiß nicht, was staunenerregender ist, die geschmackvoll kombinierten, teilweise noch immer leuchtenden Farben und Stickereien oder die bloße Tatsache, Gewebe anschauen zu können, die vor fast dreitausend Jahren gefertigt und getragen wurden. Kleiderpuppen steigern das Vorstellungsvermögen und die Verwunderung: Die Frisuren und der Kopfputz vornehmer Skythinnen kommen in ihrer Kompliziertheit den bizarren Perückentürmen des Rokoko gleich. Bis zu neunzig Zentimeter hoch flochten die Skythenfrauen ihren Schopf, durchwirkt mit Goldhülsen und Perlschnüren, gestützt von geschnitzten Elfenbeinnadeln. Männer - auch sie wanden die Haare zu phantastischen Gebilden - trugen bestickte Filzhauben von oft ebenso bizarren Ausmaßen.
In schaurigem Kontrast dazu ist in einem gläsernen Sarg die Mumie eines jungen blonden Skythenkriegers zu sehen. Nackt liegt er mit angewinkelten Beinen auf der Seite, in seiner Verletzlichkeit ein erschütterndes Gegenbild zum Heldentum, das die zahllosen Waffen und Rüstungsteile des Reitervolks in der Ausstellung beschwören. Wenigstens sein Geschlecht haben die Präsentatoren mit einem Gazetuch verhüllt.
Nomaden? Beim Anblick der zu Kunstgebilden erstarrten Roben, der zierlich gedrechselten hölzernen Beistelltischchen und der filigranen bronzenen Räucherpfannen denkt man an Sänften, an gravitätisches Schreiten bei Zeremonien und Prozessionen. Die grausamen Kraftprotze und „Mannweiber“, die vergorene Stutenmilch tranken und den Cannabis-Rausch liebten, all das, wovon Herodot so befremdet redet, scheint hier meilenweit fern. Wir haben nur die Aussagen anderer, denn die Skythen kannten keine Schrift. Unsere wichtigste Quelle, aus der fast alle Fundstücke stammen, sind die Kurgane, monumentale Grabhügel. Feste Städte und Paläste gab es nicht. Allerdings deuten Wandgemälde auf Zelt- und Blockhaussiedlungen. Monumentalität und Anlage der Grabstätten aber bezeugen eine hierarchische, diktatorisch geleitete Gesellschaft.
Zwischen Greifen und Arkadien
In ihr hatte Barbarentum im landläufigen Sinne seinen Platz: Der Tod eines Fürsten bedeutete für seine Frau und seinen Hofstaat ebenfalls den Tod, wie Massenbestattungen prunkvoll bekleideter, mit Hämmern und Äxten abgeschlachteter Menschen beweisen. Gräber von Kriegerinnen stehen für den Wahrheitskern der Sage von den Amazonen. Stücke wie ein fein ziseliertes Goldblech, das mit zwei eng umschlungen gemeinsam an einem Trinkhorn nippenden Kriegern eine Verbrüderungsszene darstellt, künden von Ehrencodizes und einer Sensibilität, die auch das antike Schriftgut zuweilen verwundert notiert.
Je vielschichtiger die Kultur der Skythen sich im Lauf von sechs Jahrhunderten ausbildete, desto sinnfälliger werden die künstlerischen Parallelen zum Griechentum. Sie kulminieren in zwei Prunkstücken der Schau: dem aus Gold und Silber getriebenen Trinkhorn in Form eines Pegasus aus Uljap und dem goldenen Pektorale (Halskragen) aus Tolstaja Mogila. In drei Reihen sind darin die grausamen und die beglückenden Seiten des Lebens festgehalten: In atemberaubender Schönheit und Präzision zeigt der unterste Reif Greifen, die sich aufbäumende Pferde und Hirsche zerfleischen. Darüber, abgeteilt durch ein Band üppiger und zarter Pflanzendarstellungen, folgen arkadische Szenen, weidende Pferde, Kühe und Schafe, umsorgt von Hirten. In der Mitte knien zwei Skythen, die behutsam ein Schaffell zerteilen.
Sie erreichten jeden, den sie wollten
Von der „Globalisierung der Frühe“ sprach zutreffend Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin anlässlich der Eröffnung. Der Begriff taugt auch für die Ausstellung selbst: Die Nationalmuseen in Moskau und Sankt Petersburg, Budapest, Bukarest und Prag, in Kasachstan und in der Mongolei haben ihre Kostbarkeiten ausgeliehen. Dazu kommen Funde der neuen Grabungskampagnen, die deutsche, russische und mongolische Archäologen seit 2001 gemeinsam durchführen. Wie das Riesenreich unterging, ist unbekannt. Es scheint in den Strömen einer eurasischen Völkerwanderung zerrieben worden zu sein. Zuvor aber waren die Skythen „bis an die Tore Mitteleuropas“ gelangt.
Und darüber hinaus. Dies vermuteten jedenfalls deutsche Archäologen, als sie 1883 den „Schatz von Vettersfelde“ in Schlesien bargen. Heute als Beleg eines antiken Raubzugs in umgekehrte Richtung gedeutet, fesselt er noch einmal durch die Mischung von Magie und Kunst: ein goldener Fisch vor allem, dessen Schwanzflossen in Widderköpfen enden, während über seinen Schuppen Löwen eine Gazelle reißen, derweil sich unten weitere Fische tummeln, die eine Najade verfolgen. Die Skythen, schrieb Herodot, werde kein Verfolger je erreichen, sie aber erreichten jeden, den sie wollten.