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Nibelungen-Illustration : Kriemhild ist Mädchen und Nachtgespenst zugleich

So viel Sinn für textile Muster auf einem Wikingerschiff? Carl Otto Czeschka legte es zuallerletzt auf Treue zum historischen Befund an. Bild: Sotheby`s

In der langen Reihe der Nibelungen-Illustratoren nimmt der Maler Carl Otto Czeschka einen besonderen Platz ein. Jetzt werden seine Originale versteigert – und zuvor ein letztes Mal öffentlich gezeigt.

          Keinen Schuss Pulver wert sei das Nibelungenlied, fand der preußische König FriedrichII., als man ihm das wiederentdeckte mittelalterliche Werk präsentierte. Damit bewies er nicht nur seinen Zeitgenossen, dass er sich den Beinamen „der Große“ nicht als Literaturkritiker verdient hatte. Denn das Versepos, geschaffen um 1200 auf der Basis eines sehr viel älteren Sagenkreises, erfreute sich bald einer ungeheuren Beliebtheit, ablesbar an einer Rezeptionsgeschichte, die seither nicht abgerissen und besonders in den letzten Jahren wieder durch Neudichtungen und Nacherzählungen, Filme und Comics fortgeführt worden ist.

          Und dies, obwohl die Geschichte und die Figuren bei größerem zeitlichen Abstand immer rätselhafter geworden sind: Was treibt die Burgunder um König Gunther an, sich ungeschickt und schlecht beraten das eigene Grab zu schaufeln? Wieso fällt Siegfrieds Frau Kriemhild auf die fadenscheinigen Machenschaften des finsteren Hagen herein und markiert auf der Kleidung ihres Mannes dessen einzig verwundbaren Punkt? Und warum schlagen alle Beteiligten die reichlich vorhandenen Vorzeichen und Warnungen lässig in den Wind?

          Kriemhilds böser Traum: Zwei Adler zerfleischen den von ihr aufgezogenen Falken.
          Kriemhilds böser Traum: Zwei Adler zerfleischen den von ihr aufgezogenen Falken. : Bild: Sotheby`s

          Am Anfang dieser Rezeption seit der Wiederentdeckung im achtzehnten Jahrhundert stehen Nachdichtungen und Übersetzungen, vor allem aber Illustrationen: Johann Heinrich Füsslis antikisierender Zyklus von Nibelungen-Bildern, der auf Nacktheit und Muskelspiel setzt, wie um die schon rasch gezogenen Vergleiche des mittelhochdeutschen Epos mit Homers Werken zu veranschaulichen. Füsslis Ästhetik stand eine Schule schroff gegenüber, der etwa Peter Cornelius oder Julius Schnorr von Carolsfeld angehörten und die das Geschehen mit zierlichem altfränkischen Dekor versah. Beide Richtungen wurden später wiederum durch Carl Emil Doeplers phantasievolle Ausstattung zur Uraufführung von Wagners „Ring des Nibelungen“ nachhaltig überlagert, die 1876 Tierfelle mit Flügelhelmen zu verbinden wusste und bis heute nachwirkt – etwa in den Comicbildern und Filmen der „Thor“-Serie.

          Zu den schönsten Bemühungen um eine Visualisierung des Nibelungenstoffs aber gehören die Illustrationen, die der Jugendstilkünstler Carl Otto Czeschka (1878 bis 1960) für ein 1908 erschienenes Kinderbuch schuf. Der zugehörige Text eines gewissen Franz Keim ist längst vergessen, die Reihe „Gerlachs Jugendbücherei“, in der dieser Band damals erschien, ist es auch. Czeschkas sechzehn Bilder aber, jeweils zu zweit auf acht Doppelseiten angeordnet, sichern dem Buch eine lange Dauer.

          Die Nibelungen ziehen in die Schlacht.
          Die Nibelungen ziehen in die Schlacht. : Bild: Sotheby's

          In leuchtenden Farben, filigranen Zeichnungen und vor leergefegten Hintergründen erscheinen hier die Nibelungen entrückt als zweidimensionale Schemen und zugleich in ihrer tragischen Verstrickung ungeheuer nah: Kriemhild, die in völliger Finsternis aus schweren Träumen erwacht, Mädchen und Nachtgespenst in einem, oder die wie eingefroren erstarrte Gruppe der streitenden Königinnen mit dem jeweiligen Gefolge, wie überhaupt die Statik der Figuren und ihr gleichzeitiges Beben eine spürbare Inspiration für die beiden Nibelungen-Filme von Fritz Lang (1924) darstellt, auch was die kargen, fensterlosen und monumentalen Bauten angeht oder die textilen Elemente des Films, wie die Gobelins am Burgunderhof. Czeschka schöpft aus zahlreichen tradierten Quellen, ohne je eine historische Anmutung anzustreben, und seinen Schiffen und Rüstungen, Lanzen und Musikintrumenten ist alles Materielle ausgetrieben.

          Im vergangenen Jahr erschien Ulrike Draesners Band „Nibelungen. Heimsuchung“ bei Reclam, der sich lyrisch und essayistisch mit der mittelalterlichen Vorlage und zugleich auch intermedial mit Czeschkas Illustrationen auseinandersetzt. Ansprechend reproduziert sind die Bilder dort auch (F.A.Z. vom 26.November 2016).

          Mitten im Kampf.
          Mitten im Kampf. : Bild: Sotheby's

          Frühere Ausgaben von Czeschkas Nibelungen-Buch werden inzwischen zu hohen Preisen gehandelt. Im Juni werden die Originalillustrationen bei Sotheby’s in New York versteigert, geschätzt auf zusammen mehr als 100000 Dollar. Wer sie vorher noch einmal sehen möchte, kann dies am 5.April in der Wiener Niederlassung des Auktionshauses im Palais Wilczek tun.

          Quelle: F.A.Z.

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