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„Schaufenster“ der Humboldt-Uni : Indiana-Spiel

Die Humboldt-Universität in Berlin Bild: dpa

Ein „Resonanzraum der Wissenschaften“ in der Junggesellenbude des „Kartätschenprinzen“: Die Humboldt-Universität bekommt einen Ausstellungsraum in der Nordwestecke des Berliner Schlosses.

          In der Nordwestecke des Berliner Schlosses, unter dem Weißen Saal, in dem Wilhelm II. seine Staatsempfänge und Reichstagseröffnungen abhielt, lag früher die sogenannte wilhelmsche Wohnung. Hier lebten die Junggesellen des Hauses Hohenzollern, zuletzt Wilhelm, der „Kartätschenprinz“ und spätere Kaiser, bevor er nach seiner Heirat im Jahr 1829 in ein größeres Domizil im Schloss-Inneren umzog. Auf alten Fotografien sieht man Biedermeiermöbel, barocke Deckengemälde mit Stuckrahmen, ein Himmelbett, Kristalllüster und Rokoko-Spiegel, dazu ein Badezimmer mit Glaslampe und Waschgeschirr; Dinge, die zueinander sprechen oder, wie man heute sagen würde, „im Dialog stehen“, ohne dass man das kuratorisch besonders betonen müsste.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          An diesen Ort, der großzügig, aber nicht üppig bemessen ist, soll nun die Humboldt-Universität mit ihrer Dauerausstellung ins Humboldtforum einziehen. Das heißt, eine Ausstellung im eigentlichen Sinn wird es, wenn das Humboldtforum Ende 2019 ganz oder auch teilweise eröffnet ist, dort nicht geben. Vielmehr soll „ein Schaufenster und Resonanzraum der Wissenschaften in Berlin“ entstehen, wie es in der Programmschrift heißt, die gestern in der Universität vorgestellt wurde. Im Einzelnen besteht dieser Resonanzraum aus einem Foyer, in dem „eine raumgreifende Installation“ Besucher anlocken, aus einem L-förmigen Saal, der als „Maschinenraum“ zum „Präsentieren, Diskutieren, Entdecken“ dienen soll, sowie „weiteren Räumen“, in denen die Tonbänder des historischen Lautarchivs, Büros und Materiallager untergebracht sind. Insgesamt ergibt das etwa dreizehnhundert Quadratmeter Fläche, von denen knapp die Hälfte museal genutzt wird. Viele Räume und wenig Raum.

          Die Universität selbst hat ihre Chance verschlafen

          Als die Idee des Humboldtforums vor sechzehn Jahren geboren wurde, bildete die Universität das Rückgrat des Projekts. Sie gab ihm nicht nur den Namen, sondern auch den Charakter, denn das Forum sollte ein Ort der Bildung werden. Jetzt, da der Rohbau steht, ist der Beitrag der Humboldt-Uni zum Appendix des Humboldtforums geschrumpft. Daran ist nicht nur die mächtige Stiftung Preußischer Kulturbesitz schuld, die mit ihren Sammlungen den Großteil der Fläche in den oberen drei Etagen bespielt, oder das Land Berlin, das auf der Ostseite des ersten Stocks autistisch sein eigenes Museumsding durchzieht. Die Universität selbst hat ihre Chance verschlafen, das Humboldtforum entscheidend mitzugestalten. Ihre einzelnen Fachbereiche hüten eifersüchtig ihre Sammlungen, die aus der Wunderkammer des Hohenzollernschlosses hervorgegangen sind. Dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp, der unter den drei Gründungsintendanten die humboldtschen Interessen vertritt, fehlte die Unterstützung seiner Institution. Bei der Präsentation am Mittwoch saß Bredekamp im Publikum. Statt seiner verkündete die Universitätspräsidentin Sabine Kunst auf dem Podium, das „Humboldt-Labor“ müsse unbedingt „unterhaltsam sein“ und „Belehrung in jedem Fall vermeiden“.

          Na klar. Aber wie verträgt sich dieses mantrahafte Bekenntnis zur Kundenfreundlichkeit mit den konkreten Plänen des Humboldt-Labors? Eins der ersten Projekte nach der Eröffnung soll mit Hilfe von Messinstrumenten die Problematik wissenschaftlichen Messens „relevant machen“, wie der zuständige Kurator Friedrich von Bose erklärte. Ein weiteres Vorhaben will sich mit „Vorstellungen und Klischees“ über die Arbeit von Wissenschaftlern beschäftigen. Müssen Ethnologen also im Indiana-Jones-Kostüm mit Lederpeitsche durch die Räume streifen, damit das Publikum nicht den Spaß an der Sache verliert? Sollen Besucher mit den Messgeräten nur spielen, oder dürfen sie auch lernen, wie sie funktionieren?

          Auch der institutionelle Dialog, auf den alle Partner im Humboldtforum eingeschworen sind, scheint nicht richtig in Gang zu kommen. Im Humboldt-Labor liegt künftig das Lautarchiv der Universität, während das Phonogramm-Archiv des Ethnologischen Museums irgendwo in den oberen Weiten des Schlossgebäudes behaust sein wird. Beide Archive – das eine hat seinen Ursprung im Ersten Weltkrieg, das andere in der deutschen Kolonialzeit – sind Geschwister. Aber im Humboldtforum bleiben sie getrennt, weil ihre Verwalter keine gemeinsame Präsentationsform finden. Sammlungsübergreifende Kooperation sieht anders aus.

          Das Prestigeprojekt der Bundeskulturpolitik leidet nach wie vor an der Dinosaurierkrankheit: Sein Körper ist monumental und furchteinflößend, sein Gehirn passt in einen Laborraum. Insofern kann man nur hoffen, dass wenigstens der Eintritt ins Humboldtforum wie geplant kostenlos bleibt. Aber das, so Gründungsintendant Neil MacGregor am Mittwoch, „hängt natürlich von den Politikern ab“. Wer hätte das gedacht.

          Quelle: F.A.Z.

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