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Die Gründe des Kunstmarkt-Booms : Die Sozialisierung der Sammler

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Fast der teuerste Zeitgenosse: Andy Wahrhols „Green Car Crash” von 1963 erzielte 64 Millionen Dollar Bild: Christie's

Der Markt für die Gegenwartskunst ist bei seinem historischen Höchststand angekommen, und noch ist kein Ende des Booms in Sicht. Wer sind die Käufer? Und was bedeutet die Rekordjagd für Auktionshäuser und Galerien? Tobias Meyer von Sotheby's und der New Yorker Galerist David Zwirner geben Auskunft.

          Noch nie hat es im Kunsthandel einen solchen Boom gegeben. Die New Yorker Mai-Auktionen mit Klassischer Moderne und mit Gegenwartskunst haben so haushohe Preise erzielt, dass viele im Publikum aus dem Staunen kaum noch herauskamen. Vor zwei Jahren hatte eine Abendauktion mit „Postwar and Contemporary Art“ bei Christie's zum ersten Mal die Hundert-Millionen-Dollar-Marke überschritten: Jetzt wurden in dieser Kategorie innerhalb von zwei Stunden fast 385 Millionen Dollar umgesetzt. Woher kommt das Geld? Wer sind die Sammler - oder jedenfalls Käufer -, die bereit sind, zweistellige Millionenbeträge für ein paar Quadratmeter Leinwand auszugeben?

          Bei Sotheby's hat am 15. Mai ein Bild von Mark Rothko den höchsten Preis erzielt, der je auf einer Auktion für ein Werk aus der Zeit nach 1945 bewilligt wurde: 65 Millionen Dollar, das sind inklusive des obligatorischen Aufgelds 72,84 Millionen Dollar. Als er „White Center (Yellow, Pink and Lavender on Rose)“ vor der Auktion mit einer Schätzung von mindestens vierzig Millionen Dollar versehen habe, so erzählt Tobias Meyer, der Direktor der Abteilung für zeitgenössische Kunst bei Sotheby's, sei er aus dem „alten, traditionellen amerikanischen Markt“ heraus schwer kritisiert worden; denn bis dato lag der Rekord für den Künstler bei rund 22 Millionen Dollar, das Aufgeld eingerechnet. Meyer wurde vorgeworfen, dass er sich mit vierzig Millionen Dollar wirklich vergriffen habe: Das Bild sei zu schön, ein Rothko müsse dunkel sein.

          Russen und Asiaten auf Trophäenjagd

          Trotz der Provenienz aus der Sammlung von David Rockefeller, dessen Name gerade für Amerikaner die Crème de la Crème der High Society signalisiert, habe während der Auktion, so sagt Tobias Meyer, nur ein einziger Amerikaner auf das Bild geboten, und zwar ein junger Privatsammler. Alle anderen Bieter kamen aus Russland oder Asien. Dass amerikanische Milliardäre sich aus dem Bietgefecht herausgehalten haben, sei „für Amerika ein Armutszeugnis“, findet Meyer. Doch wer kann in Preisklassen um fünfzig Millionen Dollar überhaupt mithalten? Neben den altbekannten kunstinteressierten Milliardären aus den Vereinigten Staaten wie David Geffen und Eli Broad gibt es seit kurzem eine Gruppe von zehn bis fünfzehn neuen, internationalen Kunstsammlern mit Wurzeln in Asien und Russland, erklärt Meyer, die so reich sind, dass fünfzig Millionen Dollar für sie keinen Unterschied machen: „Sie jagen den großen Trophäen nach.“ Deshalb hat Tobias Meyer hinsichtlich des Rothko seine Kritiker eines Besseren belehrt. Seine anscheinend gewagte Schätzung erscheint im Nachhinein geradezu vorsichtig.

          Andy Warhols „Lemon Marilyn” aus dem Jahr 1962 brachte bei Christie's 25 Millionen Dollar

          In dieser Saison, so resümiert er, hat es drei absolute Spitzenwerke gegeben: Neben Rothkos „White Center (Yellow, Pink and Lavender on Rose)“ waren das bei Sotheby's Francis Bacons „Study from Innocent X“ mit einer Taxe von mindestens dreißig Millionen Dollar und bei Christie's Andy Warhols „Green Car Crash“, geschätzt auf 25 bis 35 Millionen Dollar. Alle drei Bilder ließen ihre Schätzungen weit hinter sich. Der Preis für Bacons erschreckendes Bildnis des Papsts Innozenz X., den der Künstler 1962 wie einen gehäuteten Pavian malte, kletterte unter Geboten der Zürcher Kunsthändlerin Doris Ammann und mehrerer telefonischer Bieter in Millionenschritten bis auf 47 Millionen, das sind inklusive Aufgeld 52,68 Millionen Dollar.

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